Dienstag, 22. Juli 2014

Schreibtipp #3







Schreibtipp #3: Kritische Freunde und ein dickes Fell

Es ist nicht immer leicht, mit Kritik umzugehen. Man hat viel Arbeit und Herzblut in sein Werk gesteckt und es kann wehtun, wenn es zerpflückt, seziert und - oh Horror! - verrissen wird. 

Wenn man aber schreiben möchte, um zu veröffentlichen, muss man sich darauf einstellen, dass genau das geschieht - und zwar durch Fremde. Die sind nicht zimperlich und nehmen keine Rücksicht auf das zarte Künstlerseelchen. Da muss man sich ein dickes Fell zulegen und die nötige Distanz zum eigenen Werk aufbauen können.

Man braucht im Vorfeld also kritische Testleser. Es ist schön, wenn Freunde und Verwandte einem das Ego streicheln und grundsätzlich alles toll finden, was man produziert. Doch leider bringt es einen nicht weiter. Man sollte sich also Testleser aussuchen, die auch schonungslos ehrlich sein können und sagen, was sie denken. Sucht euch nicht die Freunde aus, die euch mit Samthandschuhen anfassen. Das ist im ersten Moment zwar angenehmer, aber Jubelperser helfen euch nicht.

Ich habe das große Glück, im Freundeskreis zwei professionelle Testleser zu haben. Beide veröffentlichte Autorinnen bei großen Publikumsverlagen. Sie kritisieren also gründlich und sachlich - doch trotzdem noch manchmal zu zaghaft und mit schlechtem Gewissen, weil sie Angst haben, mich zu verletzen. Man darf keine Angst haben vor konstruktiver, sachlich geäußerter Kritik - wenn sie im ersten Moment auch noch so ernüchternd und vernichtend erscheinen mag. Für die Art von Kritik habe ich Brüder. Speziell einen, der auch noch wie ich Berufsklugscheißer ist. 

Ich muss schon manchmal echt schlucken, wenn ich harte Kritik bekomme und ich rege mich auch oft darüber auf. Aber langsam lerne ich, damit umzugehen. Ich durchlaufe da verschiedene Phasen. 

Erst trifft es mich und ich bin enttäuscht, verletzt, manchmal auch wütend. Die Phase überspringe ich manchmal auch, wenn die Kritik sehr sachlich geäußert wird. Wenn es mich getroffen hat, rege ich mich eine Weile darüber auf. Dann denke ich darüber nach. Irgendwann habe ich dann genug emotionale Distanz, darüber nachzudenken, ob vielleicht etwas dransein könnte. Und dann entscheidet sich, welche Kritik ich mir zu Herzen nehme und welche ich versuche schnell wieder zu vergessen.

Es gibt Kritik, die ist unsachlich, blöd oder basiert einfach auf Geschmacksurteilen. Ich kann sie auch nach mehrmaligem intensiven Nachdenken nicht nachvollziehen. Solche Kritik muss man lernen zu ignorieren. Mir gelingt es nicht immer, aber ich werde besser. Es gibt aber auch Kritik, die man wenn man ganz ehrlich mit sich ist, nachvollziehen kann, auch wenn sie wehtut. Das ist die wertvollste Kritik! Sie sollte man auf jeden Fall ernst nehmen. Selbst wenn es schon zu spät ist und der Text bereits veröffentlicht. Von dieser Kritik kann man lernen und es beim nächsten Mal besser machen. 

Es lohnt sich, an der eigenen Kritikfähigkeit zu arbeiten und nicht sofort abzublocken, wenn kritische Stimmen kommen. Es hilft auch nicht, den Kopf in den Sand zu stecken. Geschmäcker sind so verschieden und Leute so unterschiedlich - ein Buch kann einfach nicht jedem gefallen. Gut, es gibt Bücher, die einer großen Zahl unterschiedlicher Menschen gefallen - aber das sind wohl eher die Ausnahmen. Kritik ist also unvermeidlich. Man sollte also lernen, sie zu filtern. Selbstbewusst zum eigenen Text stehen ohne dabei betriebsblind und kritikunfähig zu sein. Das ist der Drahtseilakt, den man am besten mit kritischen Freunden trainieren kann. 

Also, nehmt euren Freunden die Wattebäuschchen und die Samthandschuhe weg und lasst sie zum Joachim Llambi auflaufen. Das bringt euch und euren Text weiter als wenn ihr nur Bestätigung sucht. 



 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen