Samstag, 20. September 2014

Short Fiction Saturday: 20 September 2014


Da ich in der letzten Zeit immer an der Montagsfrage bei Libromanie teilgenommen habe, hat sich eigentlich meine Wochenendfrage überholt und ich habe beschlossen, sie einzumotten. 

Als Ersatz möchte ich den Short Fiction Saturday einführen. Hier poste ich samstags Kurzgeschichten und andere kurze Texte aus meiner Feder. Ihr dürft mir aber auch gerne eure Texte einschicken. Ich werde die Rubrik nicht jeden Samstag posten, sondern immer nur, wenn ich gerade einen passenden Text habe, den ich gerne teilen würde. 

Hier kommt meine Short Fiction Saturday Premiere. Eine Kurzgeschichte, die ich vor langer Zeit für den Monatswettbewerb auf dem Kurzgeschichten-Planeten (einer Schreibplattform, die leider nicht mehr existiert) verfasst habe und in der Zeitschrift "Kurzgeschichten" (leider ebenfalls eingestampft) veröffentlicht habe. 





 El Día de los Muertos - Dorothea Stiller

Seit ich denken konnte, war der Tag der Toten mein liebstes Fest gewesen. Schon als ganz kleines Mädchen half ich meiner Mutter bei den Vorbereitungen. Ich erinnere mich noch gut an das kribbelige Gefühl schon Wochen zuvor, wenn die ersten Vorbereitungen getroffen wurden. Die Gräber der verstorbenen Verwandten wurden vom Unkraut befreit und neu geweißelt. Die Stube wurde sauber gefegt und alles geschrubbt und geputzt. Für den wichtigen Besuch musste schließlich alles strahlen und glänzen.

Der schwere, süßliche Geruch von Räucherwerk wie Copal und Yerba Santa mischte sich mit den köstlichen Essensdüften aus der Küche, wo meine ältere Schwester Rosa auf dem Comal unermüdlich Tortillas röstete, während auf dem Herd Hühnchen, Mole und Arroz Rojo bereitet wurden.

Auf dem Tisch in der Stube, den Papa und mein Bruder Luis an die Wand gerückt hatten, entstand aus hölzernen Fußbänkchen und Obstkisten eine kunstvolle Konstruktion aus mehreren Etagen, über die Mama die besten weißen Tischtücher deckte. Sie wurden nur für diesen Tag aus der Truhe genommen, gewaschen und gestärkt. Meine Mutter behängte die Ofrenda, den Altar zur Ehre der Verstorbenen, mit Papel Picado, langen Bahnen aus Scherenschnittpapier mit Skeletten und Totenschädeln.

Dazwischen steckten wir Kinder die leuchtend orangeroten Köpfe der Cempazuchitl, den Totenblumen, und flammend roten Hahnenkamm. Tante Teresas Lieblingspuppe, Onkel Pablos Pfeife und Großmutters geliebte Perlenkette wurden sorgsam auf der Ofrenda platziert. Dazu Fotografien der Verstorbenen und für jeden von ihnen eine lange, weiße Kerze. Duftende Laibe süßen Hefebrots, kandierter Kürbis und Zuckerrohr, in Bananenblättern gedämpfte Tamales und die Calaveras, Totenschädel aus Zuckerwerk und Schokolade und die Speisen wurden, hübsch angerichtet, dazwischengesetzt. „Die Seelen werden davon nichts essen“, erklärte uns meine Mutter, „aber sie lieben den Duft. Er erinnert sie an das Leben.“ Dann durfte ich das Glas Wasser und die kleine Schale Salz aufstellen. Das brauchten die Seelen nach der langen Reise aus dem Totenreich zu uns, um ihren Durst zu löschen.

Die Luft war wie elektrisiert. Man konnte die Nähe des Jenseits spüren und dann, am 31. Oktober kamen sie. Zuerst kamen die „Angelitos“, die Seelen jener, die schon als kleine Kinder von uns gegangen waren. Mamas Schwester Teresa, mein Vetter Andrés und Papas Bruder Checo. Später dann kamen die Erwachsenen.

Ich weiß nicht mehr, wann ich sie das erste Mal sah. Beängstigt hatte es mich nie. Beunruhigt hatte es nur die Erwachsenen, als sie feststellten, dass ich es damit ernst meinte. Schließlich gewöhnten sie sich aber daran, so wie man sich an ein Paar neue Schuhe gewöhnt. „Yolanda hat eben die Gabe“, sagte meine Mutter, „Gott gibt diese Gabe nur ganz besonderen Menschen.“ Besonders fühlte ich mich aber nie, mir war nie so recht bewusst, dass ich anders war.

Doch in einem kleinen Dorf behält man nichts lange für sich. Die anderen Kinder hielten Abstand. Ich war ihnen nicht geheuer. Als meine Schwester Rosa begann, den Jungs schöne Augen zu machen, wagte ich sonntags in der Messe auch verstohlene Blicke. Doch die Gesichter wandten sich schnell ab, als hätte ich den bösen Blick. Ich wusste, dass man mich hinter meinem Rücken la bruja nannte, die Hexe. Es bekümmerte mich, denn ich hätte so gerne Freunde gehabt und mich verliebt wie meine Schwester. Rosa tröstete mich. „Sie wissen es nicht besser“, sagte sie und nahm mich in den Arm, „aber du bist etwas ganz Besonderes, Yola.“

Obwohl die Leute mich fürchteten, kam es vor dass man mich beim Einkaufen auf der Straße oder nach der Messe verstohlen ansprach, mir Schokolade, kandierten Kürbis oder ein paar Pesos schenkte und mich bat, Auskünfte über verstorbene Verwandte zu geben oder ihnen Botschaften zu übermitteln. So wollte die junge Witwe de Chiapas wissen, ob ihr verstorbener Mann einer erneuten Heirat zustimmte, oder der Doktor wollte seinen Sohn wissen lassen, dass er stolz auf ihn gewesen war. Ich konnte zu den Seelen sprechen, doch sehen konnte ich sie nur an den kurzen Tagen zwischen dem 31. Oktober und dem 2. November, wenn sie als Schatten unter den Lebenden verweilten.

Ich freute mich auch in diesem Jahr, als die Feiertage gekommen waren. Schwer beladen und von Musik begleitet, zogen die Familien am ersten November auf den Friedhof, um dort zu feiern und Nachtwache zu halten.

Die Gräber waren herrlich geschmückt mit Kreuzen und Gestecken aus Cempazuchitl, mit Papiergirlanden und weißen Kerzen. Viele hatten Fotografien zwischen die Blumen gesteckt. Die Luft war schwer von Copal und dem Duft von Gewürzen. Überall zwischen den Gräbern saßen Menschen auf Picknickdecken, aßen von den Lieblingsspeisen der Verstorbenen, tranken und erzählten sich Geschichten und Anekdoten aus dem Leben derer, die uns vorausgegangen waren.

Zwischen ihnen wandelten die Schatten der Verstorbenen und erfreuten sich an dem Schmuck, der Musik und den Düften, die sie an das Leben erinnerten. Sie verweilten hier und da, lauschten den Gesprächen und lächelten. Nicht einmal der Tod konnte das Band der Liebe zwischen ihnen und denen, die sie zurückgelassen hatten, zerreißen. Unsere Erinnerungen hielten sie lebendig, riefen ihr Andenken in unser Herz zurück und gaben es weiter an die Kinder, die sich der Verstorbenen vielleicht gar nicht erinnern konnten. Sehen konnten die anderen sie nicht, doch an diesen Tagen spürten auch sie ihre Nähe.

Als die Dunkelheit hereinbrach, war der Friedhof ein Lichtermeer, über den sich wie eine Decke die sanfte Melodie vieler Stimmen, Musik und der Duft von Räucherwerk breitete. Ich stand auf und begann zwischen den Gräbern auf und ab zu wandern. Wenn niemand zusah, sprach ich zu den Schatten, erzählte, was es Neues gab in der Welt, die sie zurückgelassen hatten.

„He, Yola!“ rief jemand. Ich schaute auf. An der Friedhofsmauer lehnte ein Junge in kurzen Hosen, weißem Hemd und schwarzer Jacke mit einer Ballonmütze auf dem Kopf. Im Knopfloch trug er eine einzige orangefarbene Blüte. Ich hatte ihn hier noch nie gesehen. „Bist du die, die zu den Geistern sprechen kann?“ fragte er.

Ich nickte stumm. Misstrauisch beäugte ich den fremden Jungen, denn ich wunderte mich, woher er meinen Namen kannte. „Du bist nicht von hier, oder?“, fragte ich unsicher.

„Nein. Ich bin aus Puebla; ich besuche hier nur meine Familie.“ Langsam kam er auf mich zu und hielt dabei den Kopf keck zur Seite geneigt. „Mein Name ist Octavio, aber man nennt mich Tavito.“

„Und du hast keine Angst vor der Hexe, Tavito?“, fragte ich etwas zickig.

„Nein, habe ich nicht“, sagte Tavito. Er lächelte. „Ich wollte immer schon mal eine aus der Nähe sehen.“ Frech flackerten seine fast schwarzen Augen, in denen sich die zuckenden Flammen der ewigen Lichter spiegelten, die auf dem Mauersims aufgereiht waren. „Für eine Hexe bist du viel zu hübsch.“

„Du bist ganz schön frech, Tavito.“ Ich lachte und war froh, dass er in der Dunkelheit nicht sehen konnte, wie sein Kompliment mir die Röte in die Wangen trieb. Die leisen Klänge eines Danzóns wehte über die Gräber zu uns herüber.

Tavito streckte die Hand aus. „Tanzt du mit mir?“

Ich nickte und legte meine Hand in seine. Sie fühlte sich kühl an und weich. Langsam drehten wir uns unter dem Sternenhimmel zu der schwermütigen Musik im Licht tausender Kerzen. Die Luft süß und dick wie Honig vom Duft der Cempazuchitl, von Copal und Kerzenwachs. Wie eine Feder im Wind fühlte ich mich. Leicht und glücklich. Ich wiegte mich in Tavitos Armen. Sein Gesicht leuchtete weiß in der Dunkelheit und die schwarzen Augen blitzten.

Als die Musiker das Stück beendet hatten, ließ Tavito mich los und wir beide schauten leicht verlegen zu Boden.

„Wie lange wirst du bei deiner Familie bleiben?“ Meine Wangen brannten. Ein ungekanntes Kribbeln lief von meinen Fußsohlen hinauf bis unter den Scheitel.

„Nur über die Feiertage.“ Tavito zeichnete mit der Fußspitze Kreise in den staubigen Boden. Er klang betrübt. „Ich bin gerne hier. Ich vermisse meine Familie sehr, wenn ich wieder in der Stadt bin.“

„Yola! Yola, wo steckst du?“, hörte ich Rosa hinter mir.

„Meine Schwester“, erklärte ich rasch. „Warte einen Augenblick, ich schaue nur schnell, was sie will.“

Tavito nickte und lächelte. Ich drehte mich um und lief auf die Stimme zu.

„Hier Rosa, hier drüben bin ich“, rief ich.

„Mit wem hast du gesprochen, Yola?“ Rosa legte die Stirn in Falten.

„Mit einem Jungen aus Puebla, sein Name ist Tavito. Er besucht Verwandte über die Feiertage.“

Ein verschwörerisches Lächeln stahl sich auf Rosas Lippen. „Und, ist er hübsch, dein Tavito?“ Sie kicherte.

„Ja“, sagte ich und musste ebenfalls kichern. „Was gibt es denn, warum hast du mich gerufen?“

„Mama und Papa haben dich gesucht. Du sollst noch einmal das Lied singen, das Großmama so geliebt hat.“

Ich warf einen Blick über meine Schulter und sah Tavito noch immer an der Mauer lehnen. Er nickte mir zu und lächelte. Widerwillig folgte ich meiner Schwester. Ich beeilte mich, um ihn nicht zu lange warten zu lassen. Als ich mein Lied beendet hatte, lief ich zwischen den hell erleuchteten Gräberreihen hindurch auf die Mauer zu. Auf dem Weg stutzte ich und machte ein paar Schritte zurück. Mein Blick fiel auf eine leicht vergilbte Fotografie, die zwischen den Blumen auf einem Grab steckte. Ich wusste es sofort und es war, als habe mein Herz kurz aufgehört zu schlagen. Trotzdem flogen meine Augen ungläubig über die Schrift auf dem strahlend weißen Stein. „Octavio Muñoz Martín“.

Die alte Señora Martín, die bei dem Grab saß, schien meinen Blick bemerkt zu haben. „Mein Tavito“, sagte sie. „Ist nun schon so lange fort, der arme Junge. Ist damals nach Puebla gegangen, um Arbeit zu suchen. Gerade sechzehn war er, als er starb. Ein tragischer Unfall. Bis heute habe ich es nicht verwunden.“ Ich setzte mich. „Er hat so gern getanzt“, sagte sie und lächelte bei der Erinnerung. Dann wurde ihr Blick traurig. „Ich konnte mich nie richtig von ihm verabschieden.“

„Er vermisst Sie sehr, Señora Martín“, sagte ich leise. „Und er ist heute hier.“

Señora Martín sah mich an und lächelte. „Ich weiß“, sagte sie. „Er ist nur vorausgegangen. Der Tod ist nicht das Ende, Yolanda. Er ist ein Übergang. Nicht viele können über die Schwelle schauen wie du.“

In diesem Augenblick erschienen mir ihre Worte wenig tröstlich. Doch vielleicht war es tatsächlich, wie man sagte. Dass unser Leben auf der Erde nur ein Traum war, von dem man irgendwann erwachte und am Anfang eines ganz neuen, eines vollkommeneren Lebens stand. Und nur wenigen war es vergönnt, das wache Leben zu erahnen. Vielleicht hatte meine Mutter Recht, und es war doch eine ganz besondere Gabe.

Nur zum Schlafen kommen wir, nur zum Träumen kommen wir. Es ist nicht wahr, es ist nicht wahr, dass wir kommen, um auf der Erde zu bleiben.
 

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