Sonntag, 12. Oktober 2014

Sonntagsbrunch mit der Autorin Jutta Wilke


Heute habe ich einen Gast zum Sonntagsbrunch, bei dem ich mich ganz besonders freue, dass sie neben ihren vielen Projekten und Verpflichtungen Zeit gefunden hat, sich meinen Fragen zu stellen. Eine ganz besonders rührige und engagierte - und darüber hinaus noch überaus nette - Kollegin: die Kinder- und Jugendbuchautorin Jutta Wilke. Jutta ist nicht nur mehrfach preisgekrönte Autorin, sondern auch Schreibcoach und Leiterin eines Forums für deutschsprachige Kinder- und Jugendbuchautoren (Schreibwelt).


 Liebe Jutta, für alle Autoren gibt es zunächst die obligatorischen Brunch-Fragen:

Kaffee oder Tee?
Milch, Zucker, schwarz?
Herzhaft oder süß?
Warm oder kalt?


Kaffee schwarz bitte und das am besten gleich in einer großen Tasse. Ach ja … und herzhaft, aber kalt bitte. Ein Käsebrötchen macht mich vollkommen glücklich ☺

1. Du hast fünf Kinder, du schreibst, du gibst Schreibkurse, setzt dich für die Leseförderung bei Kindern ein, bist Leiterin eines Internetforums, bist in der Autorenvereinigung Das Syndikat und bei den Mörderischen Schwestern aktiv – mal ehrlich, wie viele Stunden hat dein Tag? Oder wie schaffst du es, all das unter einen Hut zu bringen?

Ich bin in der glücklichen Lage, einige Dinge parallel machen zu können. Eine große Familie zu haben, schult dabei ungemein.  Ich schreibe überwiegend am Küchentisch,
dabei betreue ich auch schon mal Hausaufgaben oder überwache die Töpfe auf dem Herd. Wenn es mir zu arg wird, flüchte ich in ein Café und verbinde so das Angenehme mit dem Nützlichen. Meine Kinder sind – auch die drei „Kleinen“ – alle sehr selbstständig. Sie brauchen z.B. quasi nie ein Mama-Taxi, weil sie sämtliche Strecken in unserer Stadt mit dem Rad oder – gerade sehr beliebt – mit ihrem Skateboard zurücklegen, sie können sich durchaus schon Mahlzeiten alleine zubereiten und schaffen es auch, am Abend mal alleine und selbstständig ins Bett zu gehen und dort auch zu bleiben.  ;-) Die fünf Kinder sind ja zwischen 8 und 21 Jahren alt, da guckt einer nach dem anderen, nie ist eins der Kinder ganz alleine sich selbst überlassen, da geht so viel mehr als ich das von anderen kleineren Familien kenne.  Überhaupt denke ich manchmal, dass es viel leichter ist, mit mehreren Kindern zu leben als mit einem Einzelkind. 
Fast entscheidender für mein Zeit-Management waren aber zwei andere wichtige Entscheidungen:
1. Bei uns gibt es keinen Fernseher.
2. Ich habe mich bei Facebook abgemeldet  - das hat mir viel zusätzliche Schreibzeit gebracht.
3. Ich schreibe fast ausschließlich von Hand am Küchentisch oder im Café, was mich daran hindert, sinnlose Zeit beim Surfen im Internet zu vergeuden.


2. Wenn man sich deine Bibliografie anschaut, fällt vor allem die große Bandbreite auf. Vom Bilderbuch bis zum Jugendthriller ist ja eigentlich alles dabei. Schreibst du für alle Altersstufen gleich gern oder hast du da besondere Vorlieben?

Ich schreibe tatsächlich für alle Altersstufen gleich gerne.  Und das am liebsten abwechselnd, damit keine Langeweile aufkommt. Ich liebe die Herausforderung, für jedes Alter die passende Sprache, den richtigen Ton zu finden und freue mich immer wieder, wenn es mir offenbar gelungen ist.


3. Deine Geschichten sind nicht immer heile Welt. In Wie ein Flügelschlag wird ein Mädchen tot im Pool aufgefunden, in Schwarz wie Schnee geht es um ein Mädchen, das nach einem Unfall sein Gedächtnis verloren hat, in Dornenherz um ein Mädchen, dessen Schwester tödlich verunglückt ist. Gibt es da für dich Grenzen, wie viel du deinen jugendlichen Lesern „zumutest“?

Ganz ehrlich? Nein. Die Grenzen kommen dabei fast mehr von den Verlagen als von mir.
Da wünsche ich mir oft mehr Mut bei unseren deutschen Kinder- und Jugendbuchverlagen, einen Mut, den sie ja offenbar bei Lizenzen aus dem Ausland durchaus haben. Neben einem Kevin Brooks zum Beispiel finde ich Schwarz wie Schnee vollkommen harmlos. Trotzdem wurden einige Szenen sehr stark lektoriert, damit sie nicht zu „brutal“ sind.
Ich denke, dass Kinder und  Jugendliche durchaus auch mit schweren Themen konfrontiert werden können, was ja schon die wunderbare Astrid Lindgren mit den „Brüdern Löwenherz“ aber  auch so tolle Bücher wie „Sieben Minuten nach Mitternacht“ oder „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ gezeigt haben.
Für mich ist wichtig, dass die Gewalt oder der Schmerz, der in meinen Büchern vorkommt,  nicht verherrlichend sind und schon gar nicht als reine Stimmungsmache oder Sensationslust eingesetzt werden.
Wenn ich meine jungen Leser mit schlimmen Dingen, wie sie eben tatsächlich auch auf unserem Planeten geschehen, konfrontiere, darf ich sie damit nicht allein lassen. Ich nehme sie deshalb an der Hand, wir schauen uns das Schlimme genau an und dann führe ich sie dort auch wieder hinaus.


4. Findest du noch Zeit zum Lesen? Und wenn ja, was liest du besonders gern?

Ich lese sogar sehr viel – du weißt ja: Kein Fernseher! Natürlich erst mal so ziemlich alles, was meine Kinder- und Jugendbuchkollegen schreiben. Ich muss ja auf dem Laufenden bleiben ☺ Zusätzlich lese ich am liebsten Biografien, Briefromane und Tagebücher. Ich lasse mich gerne von den Lebensgeschichten anderer inspirieren und auch motivieren. Gerade habe ich so ziemlich sämtliche Tagebücher von Simone de Beauvoir gelesen. Das hat allerdings mehr mit unserem Projekt ‚Wort.Art‘  zu tun, einem Zwei-Personen-Ensemble, das mein Lebensgefährte und ich gegründet haben und mit dem wir szenische Lesungen veranstalten. Im Moment erarbeiten wir eine Lesung Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir, die bis Anfang Dezember stehen muss.
Du siehst, du hast noch lange nicht alles gefunden, was ich in meinen täglichen 24 Stunden so treibe ☺
Daneben habe ich ganz aktuell und einfach aus privater Neugier die Tagebücher von Wolfgang Herrndorf und Christoph Schlingensief gelesen, zwei wunderbaren Kollegen, die beide viel zu früh gehen mussten.


5. In deiner Schreibwerk-statt bietest du unter anderem Online-Schreibkurse für Erwachsene an. Wie muss ich mir das vorstellen?

Erwachsene haben für feste Kurstermine oft wenig Zeit. Dem möchte ich mit meinen Online-Kursen Rechnung tragen. Man bucht einen Kurs bei mir und bekommt dann ganz individuell an einem Wunschdatum seine erste Aufgabe geschickt, die man zu Hause in eigener freier Zeiteinteilung bearbeiten und lösen kann. Für jede Aufgabe hat man in der Regel eine Woche Zeit, sollte das mal nicht reichen, können Aufgaben natürlich auch geschoben werden. Wann und wo meine Schüler schreiben, ist mir völlig egal, das überlasse ich ihnen. Ich nehme mir viel Zeit für die Korrektur, gebe Tipps, Hilfestellung, bin natürlich bei kniffligen Fragen auch per Mail oder telefonisch erreichbar. Wichtig ist es mir, dass meine Schüler ihre Aufgaben anhand eigener Ideen oder bereits bestehender Romanentwürfe lösen und sich so Schritt für Schritt in ihren ersten eigenen Roman hineinschreiben.

6. Bei welchem Buch würdest du dir wünschen, dass du es geschrieben hättest? 

Bei keinem ☺
Dafür lese ich viel zu gerne all die wunderbaren guten Bücher, die es so gibt. Ich habe genug eigene Geschichten im Kopf, warum sollte ich die Geschichten anderer erzählen wollen.
Klar, manchmal wünsche ich mir die Aufmerksamkeit, die ein anderes Buch bekommt, für eins meiner eigenen Bücher. Das schon. Oder auch den finanziellen Erfolg eines anderen Buches. Meine Familie und ich – wir leben von meiner Arbeit als Autorin. Und das ist manchmal sehr sehr schwer, da wäre so ein kleiner Bestseller zwischendurch natürlich eine riesige Hilfe. Aber schreiben möchte ich tatsächlich nur meine eigenen Bücher. Und wer weiß … vielleicht ist irgendwann ja mal das eine dabei, welches …


7. Was ist für dich das Schönste am Schreiben?

Das Schönste am Schreiben ist für mich, dass ich nicht nur mein eines kleines Leben lebe, sondern ganz viele verschiedene Leben habe. Früher wollte ich einmal Schauspielerin werden. Jetzt bin ich Dramaturgin, Schauspielerin, Regisseurin, Bühnenbildnerin, Beleuchterin … alles zusammen.
8. Was ist für dich die größte Schwierigkeit beim Schreiben? 

Zu wenig Zeit für all die Geschichten in meinem Kopf  zu haben ;-)
Nein, Spaß beiseite. Schwer ist es für mich, dass ich selten viele Stunden am Stück Zeit habe zum Schreiben. Da ich nachts auch noch Zeitungen austrage (das fehlt in deiner Liste oben), damit unsere Haushaltskasse einigermaßen gefüllt ist, kann ich nicht nachts schreiben, irgendwann muss selbst ich dann auch ein bisschen schlafen. Und tagsüber werde ich natürlich oft gestört und unterbrochen. Dann nicht den Faden zu verlieren und/oder die passende Schreibstimmung, ist manchmal nicht einfach.


9. Passiert es dir, dass sich Charaktere auch schon einmal verselbstständigen und Dinge tun, die du so gar nicht geplant hattest?

Da ich sehr gründlich plotte, bevor ich mit einem neuen Buch anfange, passiert mir das eher selten. Allerdings ist es mir während des Plottens schon passiert, dass Charaktere in das Bild, das ich mir vorher von meiner Geschichte gemacht hatte, so nicht mehr hineinpassen. Oder dass Charaktere, die nur für eine kleine Nebenrolle gedacht waren, plötzlich sehr in den Vordergrund rücken und eine eigene spannende Geschichte mitbringen, die eigentlich auch noch erzählt werden müsste.

10.  Trifft dich Kritik? Wie gehst du damit um?

Es wäre gelogen zu sagen, dass mir Kritik völlig egal ist. Und das wäre ja auch falsch. Es gibt durchaus berechtigte Kritik. Ich wünsche mir die Gelassenheit, Kritik für mich positiv umsetzen zu können, d.h. aus Fehlern zu lernen und es beim nächsten Mal eben besser zu machen. Aber ich gebe gerne zu, dass ich diese Gelassenheit nicht immer besitze.  Wenn man monatelang mit einem Text gerungen, an ihm gefeilt, schlaflose Nächte mit ihm verbracht hat, dann hat man das Beste abgeben, zu dem man eben gerade fähig war. Dann zu lesen oder zu hören, dass es trotzdem nicht gut genug war, das tut weh. So ein dickes Fell habe ich dann auch nicht. Aber wenn dann die ersten Wunden geleckt sind, bemühe ich mich sehr, herauszufinden, was ich hätte anders oder besser machen können. Fehler sind dazu da, gemacht zu werden und wenn wir aufhören, uns zu entwickeln, hören wir auch auf zu leben.

Vielen Dank für die spannenden Fragen und diese wunderbare Brunch-Idee.

Liebe Grüße
Jutta 


Ich danke dir ganz herzlich für das interessante Gespräch und die Einblicke in deinen Alltag und wünsche dir weiterhin viel Erfolg und alles Gute.

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