Sonntag, 9. November 2014

Sonntagsbrunch - Autoreninterview heute mit Henni Decker 09.11.2014


Heute möchte ich beim Sonntags-Brunch ganz herzlich eine liebe Kollegin begrüßen, deren Roman Niamh – Die Liebe der Kriegerin im August als bei Forever by Ullstein erschienen ist. Ganz herzlich willkommen, liebe Henni Decker. Ich freue mich, dass du heute bei uns zu Gast bist.



Guten Morgen liebe Doro, danke, ich freue mich auch sehr, heute hier bei Dir zu sein :)

Liebe Henni, für alle Autoren gibt es zunächst die obligatorischen Brunch-Fragen:

Kaffee oder Tee?
Milch, Zucker, schwarz?
Herzhaft oder süß?
Warm oder kalt?


Meinen Kaffee hätte ich gern schwarz, beim Brunchen mag ich Herzhaftes und Süßes, gerne warm. 

1. Du lebst mit deiner Familie in Belgien. Was hat dich dorthin verschlagen und was unterscheidet das Leben dort zum Leben in Deutschland?

Südlich vom Aachener Stadtwald, keine Viertelstunde vom Aachener Hbf entfernt, beginnt das lieblich-ländliche Belgien. Wohnraum ist hier erschwinglich – aufgrund einer königlich verordneten Wohnungsbauförderung. Die Häuser sind von großen Grundstücken umgeben, so guckt man sich gegenseitig nicht so sehr auf den Teller. Es geht hier recht entspannt und familiär zu.
Dabei haben es die Belgier faustdick hinter den Ohren ;) Sie lieben die Individualität; ihr Leitsatz „Leben und Leben lassen“ gefällt mir sehr. 

2. Dein Buch Niamh – Die Liebe der Kriegerin spielt zur Zeit des Gallischen Kriegs, 55 v. Chr. und beschäftigt sich mit Kultur, Religion, Lebensweise und Weltbild der Kelten. Wie schwer war es, sich in diese Zeit hineinzudenken? 

Mich mit der keltischen Zeit zu befassen, ist wie endlich nach Hause zu kommen.  

3. Wie bist du zu den Kelten gekommen? Was fasziniert dich an ihnen?

Während meines Studiums der Ethnologie, Altamerikanistik und Volkskunde lag mein Schwerpunkt auf den Ureinwohnern Amerikas sowie den Völkern des Himalayaraumes. Erst Jahre später hatte ich plötzlich die Eingebung, ich solle mich eingehender mit unseren keltischen Vorfahren befassen.

Je mehr ich über sie in Erfahrung gebracht habe, desto begeisterter war ich – vor allem ihre Lebensfreude und Weisheit haben mich fasziniert!
Ihre Handwerkskunst, ihre Erfindungen waren bahnbrechend. Zum Beispiel wurde das von den Kelten überarbeitete Rad in Europa noch 2000 Jahre lang nach keltischem Vorbild gebaut. Die Felgen wurden aus einem Stück gefertigt; das dazu benötigte Holz konnten die keltischen Handwerker ohne jegliche Dehnungs- oder Stauchungsschäden um mehr als 360° biegen – die Industrie der Gegenwart hingegen bringt es nur auf 270°.
Auch in der Schmiedekunst waren die Kelten führend in Europa. Beispielsweise Schichtstahl, dem berühmten Damaszenerstahl ähnlich, war eine keltische Erfindung. Um gegen die Waffen der Kelten bestehen zu können, mussten die Römer Schwerter von den Norikern erwerben, ebenfalls ein keltischer Stammesverband.

Weiter begeistert mich, dass die Keltinnen alle Personenrechte besaßen. Gräberfunde belegen, dass es Kriegerinnen, Stammesfürstinnen und Druidinnen gab. Bei den Griechen und Römern waren Frauen rechtlich ihren Vätern oder Ehemännern unterstellt, und kannten weder Besitz noch Wahlrecht.

Mit der Zeit haben die Informationen mein Weltbild auf den Kopf gestellt – Pythagoras, der griechische Philosoph und Mathematiker, dessen Formel zur Berechnung der Seitenlängen von Dreiecken mir aus der Schulzeit in Erinnerung geblieben ist, hat offenbar eine über zehnjährige Lehrzeit bei keltischen Druiden verbracht. Die Ansätze seiner Philosophie sind jedenfalls keltischen Ursprungs: Nach seiner Rückkehr lehrt er Zusammenhänge zwischen Musik und Mathematik, behauptet, die Erde sei eine Kugel und die auf Harmonie begründete Natur beseelt. Viele seiner Thesen waren in der Antike im Mittelmeerraum provokant und überaus innovativ. Aristoteles nennt Pythagoras den Begründer der griechischen Mathematik. Somit gründeten die Griechen und Römer ihre Kultur auf die der Kelten und nicht umgekehrt.

Auch die keltische Regierungsform ist interessant – Wissenschaftler, denn das waren Druidinnen und Druiden in erster Linie, waren für alle innenpolitischen Belange zuständig. Sie waren Rechtskundige, Mediziner und kannten sich unfassbar gut in landwirtschaftlichen Belangen aus. So steigerten die Kelten ihre Erträge derart, dass sie mehr als einen Kopf größer waren als ihre südlichen Nachbarn, denen sie dazu auch noch große Mengen an Nahrungsmitteln verkauften.

Sie wussten das Leben in jeder Hinsicht zu meistern und zu genießen. Keltische Erzählungen und Lieder schildern Gelage und leidenschaftliche Liebesszenen; allerdings auch ebenso hingebungsvoll ihre rituellen Kämpfe, bei denen es – da darf man echt nicht zimperlich sein – um den Erwerb des Kopfes, des Gegners ging. Diese Trophäe, der Sitz von Kraft und Genialität, wurde später vor der Haustür des neuen Besitzers aufgehängt oder diente bei besonderen Anlässen – vergoldet – als Trinkschale.

Die Göttinnen und Götter verschenkten ihre Kraft und Liebe. Viele Zeugnisse des Kunsthandwerks berichten davon.

Und – last but not least – fasziniert mich auch die Erkenntnis der Kelten, dass wir wiedergeboren werden – übrigens eine Gewissheit, welche unsere Vorfahren mit vielen anderen Völkerschaften der Erde teilen.

4. Uns verbindet nicht nur das Schreiben, zwischen den Zeilen und in deiner Vita lese ich auch ein Interesse an spirituellen und esoterischen Themen heraus. Eine deiner Figuren hat beherrscht zum Beispiel die Technik des luziden Träumens – d.h. der bewussten Steuerung der eigenen Träume. Woher rührt dieses Interesse bzw. was fasziniert dich daran?

Wo wir uns in der Welt auch umschauen, begegnen uns haarsträubende Probleme. Offenbar liegt der Schlüssel zum Glück weder im Kommunismus noch im Kapitalismus; Demokratien verkommen zu Diktaturen von Lobbyisten – wir brauchen also neue Denkansätze! 

Wenn in New York tausend Menschen gleichzeitig für Frieden meditieren, sinkt nachweislich die Kriminalitätsrate der Stadt – im Potential des Geistes sehe ich unsere Zukunft – daher mein Interesse an mentalen Techniken.

Beispielsweise richten sich die meisten von uns jeden Abend auf Gewalt aus, indem wir eine Viertelstunde lang Nachrichten schauen. Interessanterweise wird deren Zusammenstellung ausgerechnet von den Nutznießern der allgegenwärtigen Ängste und des Überkonsums bestimmt – mit welchem Ziel wohl ;)?

Stattdessen könnten wir die Zeit ebenso gut damit verbringen, den Weltfrieden zu mehren. Ich würde viel darum geben, zu erleben was passiert, wenn sich die Menschen in ganz Europa täglich von 20:00 bis 20:15 Uhr ein glückliches Leben in einer intakten Natur ausmalen.

In jedem Fall fördert das bewusste Träumen während des Schlafes, das Du angesprochen hast, die Kraft der Gedanken auf ein Ziel zu bündeln.

Außerdem – ist das Leben nicht viel zu schön ist, um es im Schlaf zu verpassen? Immerhin verbringen wir fast ein Drittel unseres Lebens damit.

*lacht*

5. Niamh ist eine toughe, selbstbewusste Frau und gefürchtete Kriegerin. Trotzdem hat sie auch eine ganz zarte, weibliche Seite, kann beinahe schüchtern sein. Wie viel Henni steckt in Niamh oder seid ihr gänzlich verschieden?


Niamh und ich sind uns nicht unähnlich. Ja, ich würde mich als Kriegerin bezeichnen in dem Sinne, dass ich für soziale Projekte über mich hinauswachse. So bin ich eigentlich ein menschenscheuer Typ, extrem schüchtern. Für den Umweltschutz oder auch das Buchprojekt wage ich jedoch, bei Talk-Shows Interviews zu geben oder mich auf Messen zu präsentieren, und das, obwohl ich im Boden versinken könnte, wenn mir mehr als zwei Leute zuhören.

Im Rahmen der Recherchearbeit habe ich mir in der Eifel einmal Zutritt zu einem historischen Orginalschauplatz verschafft, obwohl mich eine Gruppe von zehn Leuten gewaltsam davon abhalten wollte.

Interessanterweise fand das verblüffende Geplänkel auf einem Zeremonialplatz statt, an dem einst keltische Kriegerweihen stattgefunden haben – drei mit Gras bewachsene Erdwälle gibt es dort zu bestaunen ;) – die Energie hat sich jedoch zweifellos erhalten. Denn nicht nur ich selbst, auch meine Gegner haben sich über die Maßen aggressiv verhalten, schließlich handelte es sich dabei nicht um Hooligans, sondern um eine Gruppe von Akademikern, die meinten, auf diesem öffentlichen, von den Touristenvereinen der umliegenden Dörfern angepriesenen Gelände den Platzhirsch spielen zu müssen, obwohl ihr Symposium längst zu Ende gegangen war. 

6. Bei welchem Buch würdest du dir wünschen, dass du es geschrieben hättest?

Das Hotel New Hampshire von John Irvine.

7. Was ist für dich das Schönste am Schreiben?
 


Ich liebe es, Zeit mit meinen Protagonisten zu verbringen.

8. Was ist für dich die größte Schwierigkeit beim Schreiben? 


Meine Selbstzweifel zu überwinden.

9. Passiert es dir, dass sich Charaktere auch schon einmal verselbstständigen und Dinge tun, die du so gar nicht geplant hattest? 

Allerdings! Dann wird’s erst richtig spannend – was ab diesem Augenblick passiert, könnte ich mir nicht ausdenken ;)

10.  Trifft dich Kritik? Wie gehst du damit um? 

Während des Schreibprozesses bettele ich regelrecht um Kritik, weil sie mir hilft, den Diamant aus dem Text hervorzuschleifen. Seit das erste Buch erschienen ist, kann ich manchmal verzagen, wenn es jemandem nicht gefällt. Dann beruhige ich mich – den perfekten Roman gibt es nicht und die Geschmäcker sind nun mal verschieden. 

Jede verwertbare Kritik nutze ich zum Überarbeiten des zweiten Teils, der bereits in der Rohfassung vorliegt.

Liebe Henni, vielen Dank für das aufschlussreiche und sehr interessante Interview. Schön, dass du vorbeigeschaut hast. 

Vielen herzlichen Dank für Deine Einladung, liebe Doro. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, mit Dir zu plaudern :-).

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