Donnerstag, 4. Dezember 2014

Schreibtipp #6

Schreibtipp #6 - "Das Exposé"

O horror, horror, horror!
Tongue nor heart cannot conceive nor name thee! 

(William Shakespeare, Macbeth - Akt II, Szene 3)





Das obige Shakespeare-Zitat drückt das aus, was viele Schreibende empfinden, wenn sie an Exposés denken. Ich persönlich schreibe eigentlich ganz gerne Exposés. Es ist meistens mein erster Schritt, bevor ich anfange zu schreiben. Daher gibt es bei mir oft etliche Versionen, bis dann mal ein Exposé entsteht, das ich zu einem Verlag schicken könnte. Mir hilft das Exposé meine Gedanken zu strukturieren und zu ordnen. Es zwingt mich, schon mal etwas ausführlicher zu plotten (dabei stoße ich oft schon auf die ersten Fehler in der Idee). Das heißt nicht, dass ich beim Schreiben nicht auch noch vom geplanten Kurs abweichen kann. Das Bild oben zeigt übrigens den Ausschnitt zu einer Version meines Conny-Exposés. Ich kann gar nicht mehr genau sagen, ob es die Version war, die ich dann auch bei Forever eingereicht habe.

Ich bin auch kein Exposé-Experte oder habe irgendwelche Wahrheiten gepachtet. Ich möchte euch hier nur meine eigenen Erfahrungen weitergeben. Vielleicht helfen sie euch ja. In der letzten Zeit habe ich jedenfalls selbst einige sehr gute Blog-Beiträge zu dem Thema gelesen. Da ich lange keinen Schreibtipp mehr gepostet habe, ist es jetzt vielleicht mal an der Zeit, dass ich meine Erfahrungen zusammenfasse.

Das große Problem beim Exposé-Schreiben ist, dass man als Autor eine starke emotionale Bindung zu seinem Text hat, während das Lektorat natürlich sehr sachlich und nüchtern darauf prüft, ob etwas auf Leserinteresse stoßen könnte oder nicht. Daher muss man versuchen, sich gedanklich in eine Lektorin/einen Lektor zu versetzen. 
Was würde ich wissen wollen? Und wie würde ich es gern präsentiert bekommen?

Lektoren haben keine Zeit!

Die Lektorate der Verlage sind meistens (gelinde gesagt) mehr als gut ausgelastet. Daher haben Lektoren nicht viel Zeit. Es ist also wichtig, dass mein Exposé übersichtlich gegliedert ist und sich auch überfliegen lässt. Die wichtigsten Eckpunkte sollten sich in möglichst kurzer Zeit erschließen lassen. 
Kein Schnickschnack, Firlefanz oder aufwändiges Design und Chichi - nüchtern und präzise: eben übersichtlich!

Lektoren lesen unheimlich viel!

Die Lektorate bekommen tonnenweise Texte. Dabei sind sicherlich viele grottenschlechte, die sich auf den ersten Blick aussortieren lassen (oder schon vorab von Volontären oder Praktikanten ausgesiebt werden), aber auch sehr viele gute. Daher muss ich mich fragen: Was macht meinen Text besonders? Was könnte diese Geschichte von anderen absetzen?

Lektoren denken in Marktkategorien!

Klar verbindet alle in der Buchbranche auch eine gewisse Liebe zum Geschriebenen, doch Verlage machen in erster Linie eins: Produkte erstellen und verkaufen. Sie denken in Marktsegmenten, Sparten und brauchen eine genaue Vorstellung davon, wie und wo sich ein Buch platzieren lässt. Das heißt, ich muss eine klare Vorstellung von meiner Zielgruppe haben. Sicher gibt es Bücher, die jeder lesen kann. Harry Potter zum Beispiel. Doch als Joanne Rowling das Buch damals dem Verlag vorgestellt hat, bin ich ziemlich sicher, dass sie es einer bestimmten Altersgruppe und eindeutig einem Genre zugeordnet hat. In der Art - "Es ist eine Abenteuergeschichte mit Fantasy-Elementen, hauptsächlich für Jungen ab 10 Jahren". Klar wurde es letzten Endes auch von Mädchen gelesen, von Erwachsenen, aber das Marketing zielt ja in erster Linie auf eine gewisse "Kernleserschaft". Und von der sollte man eine genaue Vorstellung haben.
Wer wird mein Buch kaufen/lesen?

Lektoren sind "professionelle Leser"!

Lektoren lesen nicht (nur) zum Spaß. Sie lesen mit einem scharfen Blick dafür, was funktioniert und was nicht. Ein Exposé muss daher nicht spannend sein oder blumig formuliert, sondern möglichst knapp und präzise. Es muss eine grobe Vorstellung vom Inhalt, vom Ton, vom "Ziel" und der Einzigartigkeit eines vorgeschlagenen Textes geben. Das heißt, die Inhaltsangabe im Exposé ist ein einziger Spoiler. Auch das Ende wird verraten. Und zwar alles möglichst nüchtern und sachlich und in kurzen Worten. Hört sich schrecklich an, ich weiß. Aber dafür haben wir ja den "Pitch". 
Spoiler absolut erlaubt - und sogar nötig!

Der Pitch

In ganz knappen Worten kannst du hier dein Buch beschreiben und versuchen, Interesse zu wecken. Der "Pitch" ist eine Art Ultrakurzzusammenfassung des Romans und liest sich wie ein Klappentext. Er sollte das Besondere der Geschichte herausstellen und Lust auf mehr machen. In den USA sind 1-2 Sätze für einen Pitch üblich, es gibt auch Verlage, die präzise Angaben machen (etwa: 100-150 Wörter). Ich nenne so etwas in meinen Exposés auch gern "Kurzinhalt" und schreibe ein paar Sätze mehr. Wichtig ist, dass dieser Text die "Essenz" eures Romans transportiert. Stellt euch vor, ihr dürft zwischen 500 Büchern eins auswählen und möchtet nun möglichst schnell erfassen: wäre das Buch was für mich? Wie müsste ein Text aussehen, der euch eine Entscheidung möglichst leicht macht? 

Manches Mal hilft es, erst einmal zu versuchen, den eigenen Text in einem einzigen Satz zusammenzufassen. Bei "Conny" wäre das zum Beispiel so etwas wie…

Eine alleinerziehende Mitdreißigerin schreibt Erotikromane und ärgert sich über den Vorschlag des Verlags, ihrem Pseudonym ein attraktives männliches Gesicht zu verpassen, was zu turbulenten Entwicklungen führt, bei denen sie am Ende die große Liebe findet.

oder 

Als der Verlag ihrem Pseudonym ein männliches Gesicht verpasst, werden die Erotikromane der alleinerziehenden Mittdreißigerin Conny zum Bestseller, doch ihr Ärger über den attraktiven Pseudoautor stürzt sie in chaotische Entwicklungen, die zu ihrem ganz persönlichen Happy End führen.

(Gut, das letzte ist jetzt ein wenig geschummelt. Eigentlich sind es zwei Hauptsätze. Aber ihr versteht das Konzept.)

Hier liste ich einmal die Elemente auf, die ich in meinen Exposés verwende:
  • Mögliche Titel (den Arbeitstitel mache ich mit AT kenntlich)
  • Genre
  • Ziel-/Altersgruppe
  • Themen
  • Erzählform (1. oder 3. Person, auktorial/personal, etc.)
  • Kurzinhalt/Pitch 
  • längere Inhaltsangabe (maximal 3 Seiten - idealerweise 1-2)
Bevor es dann zum Verlag geht, kommen noch folgende Dokumente hinzu:
  • Kurzes Anschreiben 
  • Leseprobe (je nach Verlagswünschen 20-50 Seiten)
  • Kurzvita
  • Foto (falls vom Verlag gewünscht)
  • Liste bisheriger Veröffentlichungen
 Achtung, ganz wichtig!!

Auf keinen Fall vergessen, auf jeder einzelnen Seite euren Namen und zumindest Minimal-Kontaktinfo (Email oder Telefon) anzugeben. Es ist wahrscheinlich, dass die Blätter nicht immer zusammen bleiben, und dann kann man es später nicht mehr zuordnen. 
Ich predige das auch immer meinen Schülern bei Klausuren: auf jedes Blatt den Namen! ;-) Bei einer Klasse von ca. 30 Personen, die ich gut kenne, kann ich Einzelblätter oft an der Handschrift noch identifizieren. Das geht bei einem gedruckten Exposé im Verlag leider nicht. Stellt euch vor, eure Geschichte reißt die Lektoren voll vom Hocker und dann stellen sie fest, dass sie gar nicht wissen, von wem das Exposé kam. Ich löse das immer mit einer entsprechenden Kopf- bzw. Fußzeile, die auf jeder Seite vorhanden ist. 

Kommentare:

  1. Danke für die vielen tollen Tipps!
    Bin schon sehr gespannt auf die Fortsetzung.
    Liebe Grüße

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    1. :-) Du stehst sogar in den Danksagungen.

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