Sonntag, 25. Januar 2015

Sonntagsbrunch heute mit dem Autor Sven Hüsken


Ich freue mich sehr, heute auch mal einen Mann beim Brunch zu Gast zu haben. Bisher war es hier ja doch sehr frauenlastig. Und wenn es dann noch ein Westfale ist, dem „auf Meile gehen“ noch was sagt, umso besser. Ich begrüße Thriller- und Phantastik-Autor Sven Hüsken.



Vielen Dank für die Einladung. „Frauenlastig“ geht für mich voll in Ordnung ☺
Allerdings habe die Frage „Kommst mit auf Meile?“ meistens mit einem entschiedenen „nein“ beantwortet. Das war nie so mein Ding ;) Aber nirgendwo bekommt man eine so gute Gyros pita!


Lieber Sven, für alle Autoren gibt es zunächst die obligatorischen Brunch-Fragen:
Kaffee oder Tee?
Auf jeden Fall Kaffee.
Milch, Zucker, schwarz?
Mit Milch und Zucker.
Herzhaft oder süß?
Sowohl als auch.
Warm oder kalt?
Herzhaftes gerne warm, süßes kalt.


1. Du sagst selbst, die meistgestellte Frage an einen Thrillerautor ist wohl: „Wie krank muss man sein, wenn man sich so etwas ausdenkt?“. Du bist in den späten 70ern in Hamm geboren und warst das dritte von vier Kindern. Drei Schwestern. Ich bin in den späten 70ern in Lünen geboren und das vierte von vier Kindern. Drei Brüder. Ich habe also vollstes Verständnis für deine „dunkle Seite“. Die ist da ja quasi vorprogrammiert. Aber im Ernst. Hattest du immer schon einen Hang zu Thriller und Phantastik?

Als einziger Junge zwischen drei Mädchen war es nicht immer leicht, das stimmt. Dazu war ich damals schnell zur Weißglut zu bringen, und das haben sie schamlos ausgenutzt. Ich glaube, für meine Geschwister war ich ein „Louis de Funès“. Ein rasender Irrer, über den man sich wunderbar amüsieren konnte.
Du wurdest doch sicher von deinen Brüdern auf Händen getragen! (von wegen...! :-D)
Bei Schwestern wandelt sich die Beziehung zum Glück mit der Zeit. Von ihnen werde ICH inzwischen auf Händen getragen.


Als ich angefangen habe, regelmäßig zu schreiben – so mit zwölf Jahren etwa – hatte ich viel Spaß daran über Monster zu schreiben. Ich bin mit Stephen King aufgewachsen, da wird man wohl geprägt.
Später dann habe ich TKKG, Die drei ???, Funkfüchse und all die anderen Hörspiele rauf und runter gehört. In der Zeit habe ich eher realistische Sachen geschrieben.
Inzwischen brauche ich beides. Meine phantastischen Stoffe sind unblutig und jugendfrei. Dazu brauche ich dann einen Ausgleich und schreibe Thriller.


2. Was glaubst du macht die Faszination von Thrillern aus?

In einer guten Geschichte, einer Geschichte, von der man sich mitreißen lässt, gibt es vor allem eines: Konflikt. Davon steckt gerade in Thrillern eine ganze Menge. Und mit Thriller meine ich einen Thriller und keinen Krimi. Das geht häufig durcheinander.
Aber das ist sicher nicht das Einzige. Viele Menschen schauen gerne zu, wie andere Menschen an ihre Grenzen gehen. Vielleicht sogar darüber hinaus. Gerade diese Grenzerfahrungen, die ständige Angst, die Spannung, ist etwas, das fesselt und uns einnimmt.
Kein anderes Genre bietet derlei Extreme. Man ist immer in Gefahr, es kann jederzeit alles passieren. Das ist es, was ich auch vermitteln möchte. Meine Leser sollen sich nie sicher fühlen. Sie dürfen sich nicht sicher fühlen.


3. Du bist Vater von zwei Mädchen. Wie erklärst du ihnen, was Papa schreibt und wann dürfen deine Kinder deine Thriller lesen?

Um das zu verstehen, sind sie noch zu klein. Die Große ist jetzt 4 und weiß, dass ich Geschichten schreibe. Mehr nicht.
Allerdings habe ich zu meinem aktuellen Thriller einen Trailer gedreht, und solche Arbeiten kann man vor den Kindern nicht so einfach verbergen. Dafür sind sie viel zu neugierig, die kleinen Biester.
Also habe ich die Große mit einbezogen. Bei der Herstellung von Kunstblut und der Erstellung der Masken, also der Wunden. Ich habe ihr erklärt warum man sowas macht und sie hatte einen riesen Spaß dabei.
Inzwischen weiß sie ziemlich gut, dass sich das, was man im Fernsehen sieht, Menschen ausgedacht haben.
Eines Tages wird sie mich wahrscheinlich dafür hassen, wenn ihr bewusst wird, dass sie sich keinen Film mehr genussvoll angucken kann, weil sie ständig all die Filmleute im Kopf hat, die das Licht aufstellen, die Schauspieler schminken und die Greenscreen ersetzen.
Bis sie etwas von mir lesen dürfen, werden noch ein paar Jahre vergehen. Aber einen Schritt nach dem anderen. Erstmal müssen sie Lesen lernen ☺ .


4. Ich habe gesehen, dass du einen Beitrag in einer Anthologie namens „Das Tarot“ geschrieben hast. Da bin ich als Mitglied im deutschen Tarot-Verband natürlich neugierig. Hast du eine Verbindung zu Tarot oder hat dich das Thema eher zufällig gefunden?

Schön, dass du es ansprichst. „Das Tarot“ war ein tolles Projekt, aber nicht ganz das, was man sich darunter vorstellt. Wahrscheinlich erwartet man bei einem Buch mit diesem Titel viel Esoterik. Wer darauf hofft, wird allerdings enttäuscht.
Fabienne Siegmund hatte die Idee zu einer Geschichtensammlung, in der jede Geschichte eine Karte (und deren Bedeutung) thematisiert. Dabei sollte der Autor im Vorfeld nicht wissen, zu welcher Karte er eine Geschichte schreiben wird, denn die wurde ihm zugelost.
Daraus entstanden ist eine tolle, phantastische Anthologie, in der jeder Autor anders mit der Karte umgegangen ist.
Großartige Autoren wie Oliver Plaschka oder Christoph Marzi haben Geschichten beigesteuert.

Ich selbst habe mich bisher noch nicht mit dem Tarot befasst (ausgenommen natürlich die mir zugeloste Karte ;)).


5. Nicht alles, was du schreibst, dreht sich um menschliche Abgründe. Du arbeitest zum Beispiel auch an Jugendbuchprojekten. Kannst du uns darüber etwas verraten?

Ganz aktuell bin ich mit einer Geschichte in einem Kinderkochbuch vertreten, das demnächst erscheinen wird. „Die kleinen Köche“ heißt es, und es sind Rezepte und Geschichten von Leuten wie Wolfgang Hohlbein, Markus Heitz, Tommy Krapweiss, Bernhard Hennen und vielen mehr enthalten. Das Schöne an diesem Buch ist, dass der Erlös an den Kinderhospizdienst Saar geht.

Dass ich für so junge Menschen schreibe ist aber eine Ausnahme, die ich hier sehr gerne gemacht habe.
In der Regel sind meine phantastischen Geschichten für Menschen ab 12 geeignet. Also durchaus auch für Erwachsene. Ich mag Geschichten, die nicht einfach gestrickt sind. Sie müssen sich aber einfach lesen lassen. So sind meine phantastischen Stoffe meistens Abenteuergeschichten. Wer nur das will, wird prima unterhalten und hat hoffentlich viel Spaß. Erwachsene wollen meistens mehr. Sie brauchen eine Metaebene, in die sie Dinge hinein- oder herausinterpretieren können. Also lege ich meine Figuren entsprechend an.
Für einen Jugendlichen ist die durchgeknallte, dicke Bibliothekarin einfach nur lustig. Ein Erwachsener aber erkennt die Tragik in dieser Figur. Er erkennt, warum sie so durchgeknallt ist. Und das zieht sich durch die Geschichten.
Die Allegorie der Geschichte, die Metaphorik, der Bezug zu unserer realen Welt, all das ist etwas, was die Erwachsenen in solchen Geschichten suchen, und bei mir hoffentlich finden.


6. Bei welchem Buch würdest du dir wünschen, dass du es geschrieben hättest?

Sieben Minuten nach Mitternacht, von Patrick  Ness. Ein Jugendbuch, das so eindringlich ist, dass es einen nie mehr loslässt.

7. Was ist für dich das Schönste am Schreiben?

An erster Stelle: „Ende“ unter ein Manuskript zu setzen. Schreiben ist verdammt harte Arbeit und das Privatleben wird immer wieder auf eine harte Probe gestellt. Vor allem, wenn man noch einen Vollzeitjob hat. Da darf man sich nichts vormachen.
Aber schon dicht darauf folgen all die anderen Dinge, die man beim Schreiben erlebt.
Wer gerne schreibt, und das tue ich, findet immer neue Dinge, die schön sind. Schreiben besteht zum Großteil darin, Probleme zu lösen. Sei es, weil der Plot hakt, oder die Formulierungen nicht griffig sind. Immer wieder gibt es ein Hindernis und man freut sich jedes Mal, wenn man ein Problem gelöst hat. Wenn verschiedene Teile der Geschichte plötzlich zusammenpassen, als wäre es von Anfang an so geplant gewesen. Und auch wenn Dinge funktionieren, die von Anfang an so geplant gewesen sind.
Manchmal ist Schreiben wie Magie, aber sehr häufig ist Schreiben eine Kloschüssel.


8. Was ist für dich die größte Schwierigkeit beim Schreiben?

Das Exposé! Ich bin jemand, der gerne miterlebt, wenn sich die Geschichte entwickelt. Verlage und Agenturen haben es aber gerne, wenn man – bevor man schreibt – die Geschichte in einem Exposé vorlegt. Mit allen Wendungen und Irrungen.
Meistens ist es am Ende so, dass die Geschichte nur rudimentär etwas mit dem Exposé zu tun hat, weil allein das Timing in der Regel nicht so funktioniert, wie man es sich beim Plotten gedacht hat.


9. Passiert es dir, dass sich Charaktere auch schon einmal verselbstständigen und Dinge tun, die du so gar nicht geplant hattest?

Das passiert durchaus. Meistens, wenn ich mich beim Schreiben langweile, weil ich genau weiß, wie es weitergehen muss. Dann stellt meistens einer der Charaktere etwas an, das alles durcheinander wirft. Und dann habe ich mal wieder viel Arbeit, um alles geradezubiegen.
Bei einem Thriller ist das einfach … ich zücke ein langes Messer …


10.  Trifft dich Kritik? Wie gehst du damit um?

Kritik trifft immer. Egal, was man sagt. Egal ob sie berechtigt ist oder nicht. Die Frage ist, wie schnell man sie beiseiteschieben kann.
Ein Buch kann nicht jedem gefallen. Das sollte einem bewusst sein, wenn man veröffentlicht.
Bill Cosby hat dazu mal gesagt: „Den Schlüssel zum Erfolg kenne ich nicht. Der Schlüssel zum Scheitern ist der Versuch, es allen recht zu machen.“
Das ist weise. Wenn man Kritiken liest, sollte man das im Hinterkopf behalten.

Insgesamt schreibe ich natürlich für den Leser, daher sind mir Lesermeinungen immer wichtig (also immer her damit! Kontakt über: www.svenhuesken.de).
Ob und was ich mir davon annehme, hängt davon ab, ob nur ein einzelner eine bestimmte Sache anspricht, oder ob es mehrere sagen. Ich bin da sehr demokratisch ☺

Ich danke dir, lieber Sven, dass du dich heute meinen Fragen gestellt hast und wünsche dir weiterhin viel Erfolg mit deinen Büchern.

Es hat mir Spaß gemacht. Vielen Dank!

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