Sonntag, 15. März 2015

Sonntagsbrunch heute mit der Autorin Andrea Karimé




Ich freue mich, heute wieder eine tolle Autorin zum Bruch-Interview begrüßen zu dürfen. Die ehemalige Grundschullehrerin lebt als freie Schriftstellerin, Geschichtenerzählerin und Poesiepädagogin in Köln. Für ihr Werk erhielt sie viele Auszeichnungen, wie zum Beispiel den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2012. Aktuell lehrt sie „Geschichten erfinden für und mit Kindern“ an der FH Düsseldorf. Herzlich Willkommen zum Brunch, Andrea Karimé.

Foto (c) Pierre Matgé, Tageblatt Luxemburg





Liebe Andrea, für alle Autoren gibt es zunächst die obligatorischen Brunch-Fragen:

Kaffee oder Tee? Kaffee und Kräutertee

Milch, Zucker, schwarz?  Milch.


Herzhaft oder süß? Herzhaft.


Warm oder kalt? Warm.


1. Deiner Biografie entnehme ich, dass du viel im Ausland arbeitest. Wohin hat es dich denn schon verschlagen und was ist dir von deinen Reisen besonders in Erinnerung geblieben?



Weißt du, nach den Jahren des Auslands bin ich ja zur Zeit richtig sesshaft. Das hatte ich mir gewünscht: mehr in Köln und Umgebung tun zu dürfen. Aber die Auslandsjahre waren in der Tat zentral für mein Leben und Werk. Ich war in Kairo, Jordanien, in der Türkei und in Thailand. Der letzte Aufenthalt war Luxemburg. Wunderbar die Übersichtlichkeit des Landes, der Städte, die vielsprachigen netten Menschen, die gute Luft. Kairo ist mir ebenfalls in besonderer Erinnerung. Die warme chaotische Stadt vor der Revolution mit den staubigen Straßen und freundlichen Menschen. Ich hab unglaublich viel Stoff mitgebracht. Ein Roman ist entstanden und 4 Kinderbücher. Es begann bei Soraya, dem kleinen Kamel  (2. Auflage Picus Verlag Wien) und grad bring ich noch ein zweibändigen Kinderroman ab 10 raus, das dort spielt, vor der Revolution: Jonny Himmelblau.  (ab Juni 2015,  Dix Verlag Düren)

2. Du hast eine Ausbildung zur Geschichtenerzählerin gemacht. Wie kann ich mir das vorstellen?



Ich hab das freie Erzählen 2003 gelernt, bzw. die Anlage dazu belebt und mit dem beiden Ausbildern Horowitz und Ellrodt meine ganz persönliche Art zu erzählen, gefunden. Das begann mit dem Erzählen überlieferter Geschichten und Methoden diese zu lernen. Ausdrucksübungen gab es, Spiele, Übungen in Erfindungskunst und Schauspielübungen. Mittlerweile trete ich oft als Geschichtenerzählerin auf und unterrichte  das sogar. Zum Beispiel nächste Woche in Österreich für Erzieherinnen. Was ich toll finde!



3. Neben dem Schreiben bietest du Schreibwerkstätten für Kinder und Erwachsene an. Wie unterscheidet sich das Arbeiten mit Kindern von der Arbeit mit Erwachsenen?


Beides hat seine speziellen Qualitäten. Die Arbeit mit Kindern ist viel lebendiger. Sie erklimmen mühelos die Gipfel der Fantasie und Fantastik, da mach ich natürlich gern mit. Da ist das Schreiben von Anfang an Spiel und Spaß. „Unlogisch ist ja auch gut!“, erkannte ein 9jähriger Schüler, der Spaß am aufsatzregelfreien Schreiben gefunden hatte. Hier kann man mehr darüber lesen.

Erwachsene haben mehr Probleme. Ihnen Übungen anzubieten, mit denen sie sich von Zensoren befreien  ist besonders  herausfordernd. Dieser Prozess, den Weg zur Schreibquelle zu finden dauert manchmal länger.  Doch auch sie lassen sich zu meiner Freude von der Poesie anstecken. "Ohne nachzudenken sprudelten die Worte heraus, und ich konnte erst aufhören, als die Zeit vorbei war!“, schrieb mir eine Teilnehmerin überrascht und begeistert. Da geht es mit Erwachsenen hin.

4. Auf deiner Homepage beschreibst du deine Erzähltheater-Lesungen als „Mix aus arabischer Erzählkunst und Lesen für Kinder“. Was genau macht für dich die arabische Erzählkunst aus?

Zum einen sind es natürlich die Motive und Figuren aus überlieferten Geschichten, auf die ich mich immer wieder beziehe.  Onkel Mustafa bespielsweise, mein Buchheld,  mit seiner Nähe zu Nasreddin Hoddscha, dem berühmten türkischen weisen Narren, der im arabischen Raum Mullah Nasreddin oder Dschuha heißt, ist so eine Figur. Der Mond, der vor dem Ertrinken gerettet wird, ist so ein Motiv. Zum anderen gibt es Erzähl-Traditionen, die des tragikomischen Übertreibens etwa, oder sich selbst in Geschichten einzuweben.  Ich bin da auch vom Alltagserzählen und Übertreiben in der Heimat meines Vaters beeinflusst. Wie meine Großmutter dort aus dem Bohnenkauf ein Abenteuer gemacht hat. Oder wie mein Vater in Sprichwörtern gesprochen hat, mit der Stimme eines uralten Gelehrten. Im Prinzip hat die Entwicklung dieser Arbeit mit der Ausbildung angefangen, in der mich Martin Ellrodt inspiriert hat, genau diese Gabe auszubauen und das libanesische Erbe zu nutzen.

5. Interkulturalität ist in deinen Büchern ein großes Thema. Erlebst du auch schon einmal, dass Kinder bereits Vorurteile haben oder in Schubladen denken oder ist das eher ein Problem der Erwachsenen? 


Ja!! Und wenn beten die Kinder irgendetwas nach, was sie von ihren Eltern gehört haben. Oder sie entwickeln den typischen Rassismus der Unterdrückten. Die Abgrenzung aus der Not heraus, das Bemühen etwa, schlechte Erfahrungen im Exilland Deutschland zu verarbeiten, oder Gewalt im Elternhaus.

6. Bei welchem Buch würdest du dir wünschen, dass du es geschrieben hättest? 


Ach, es ist komisch, aber das Gefühl kenne ich nicht. Es gibt viele tolle Bücher, etwa Schwager aus Bordeaux von Yoko Tawada oder die Rico-Serie von Andreas Steinhöfel. Aber die hätte ich doch nicht schreiben wollen. So ein Gedanke kommt mir nicht. Aber natürlich hätte ich gern so viel Erfolg:)

7. Was ist für dich das Schönste am Schreiben?

Der Moment der Magie: Dann wenn alle ungeordneten und scheinbar unpassenden Einfälle zueinanderfinden. Eine Geschichte werden, in denen die Rechnung aufgeht.


8. Was ist für dich die größte Schwierigkeit beim Schreiben?


Wenn eine Geschichte entsteht,  gibt es eine Phase der Ungewissheit. Der Weg der Geschichte oder die Stimme ist noch nicht gefunden. Oder die erste Fassung ist einfach nur Mist. Das ist ist die schwierigste Phase für mich. Die Herausforderung ist dann, nicht zu verzweifeln sondern mich im rechten Augenblick daran zu erinnern, dass es immer gutgegangen ist und diese Phase leider unwiderruflich dazugehört. Das ist ein Kraftakt.

9. Passiert es dir, dass sich Charaktere auch schon einmal verselbstständigen und Dinge tun, die du so gar nicht geplant hattest? 


Ja, ja! Das passiert mir ständig. Und das ist ja das Schöne: Die Überraschung beim Schreiben. In „Janni und Win und das Verschwinden der Höckerbande“ war auf einmal das klügste der vier Kamele nicht mehr dabei. Es hatte sich abgeseilt. Und wurde auf dem Dach eines Hauses gesehen.

10.  Trifft dich Kritik? Wie gehst du damit um?

Ja, Kritik trifft mich. Aber mittlerweile bin ich sie schon gewohnt. Und meistens kommt zu einer usseligen Kritik  drastische „Hochlobungen“ wie beispielsweise bei dem Buch „Kaugummi und Verflixungen“. Das relativiert das Ganze. Mir hilft auch, immer klar zu haben, was ich tu und was ich will mit dem Schreiben. Meine kleine Poetologie, wenn du so willst. Dann trifft mich Kritik nicht ganz so arg.

Ich danke dir, liebe Andrea, dass du dich heute meinen Fragen gestellt hast und wünsche dir weiterhin viel Freude an deinem Beruf und jede Menge Inspiration.

Vielen Dank, liebe Doro, für das anregende Interview. Und jetzt geh ich faul-lenzen. Man könnte auch sagen: Raum für Ideen schaffen. Dir einen schönen Sonntag.

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