Freitag, 8. Mai 2015

Heute auf der Soapbox: Lee Strauss/Claudia Dahinden mit "Gefährliche Zettel"

 
Meine Rubrik "Soapbox" soll Indie-Autoren, Self-Publishern und Ebook-only Autoren eine Plattform bieten, sich den Lesern zu präsentieren. Die Idee dazu habe ich mir von der Tradition der "Soapbox Speeches" geliehen. Man steigt einfach auf eine Kiste und hält eine Rede über das, was einem am Herzen liegt. Hier klettern die Autoren selbst auf die Kiste und stellen ihr Buch in ihren eigenen Worten vor. Ich mische mich nicht ein. In maximal 500 Wörtern dürfen sie euch Lesern hier ihr Werk vorstellen und schmackhaft machen. Wer sein Buch gerne einmal hier vorstellen möchte, kann mich gerne kontaktieren. Heute erklimmen die Soapbox Lee Strauss und Claudia Dahinden mit "Gefährliche Zettel".
 
 
"Gefährliche Zettel" von Lee Strauss in einer Übersetzung von Claudia Dahinden
 
Emil Radle wächst in Passau auf, wird ein eifriges Mitglied der Hitler-Jugend und ist dem „Führer“ treu ergeben. Doch dann entdecken seine Freunde Johann und Moritz ein Kurzwellenradio, hören die verbotenen BBC -Übertragungen und realisieren, dass ihr deutsches Staatsradio die Tatsachen verdreht. Die Jungs verbünden sich mit Johanns Schwester Katharina, halten die Sendungen schriftlich fest und verteilen heimlich Flugblätter – ein Akt des Hochverrats, für den ihnen Haft oder Schlimmeres droht. Während der Kriegsjahre vertieft sich Emils Zuneigung zu Katharina. Doch dann werden die Jungen wegen der riesigen deutschen Verluste an die Ostfront geschickt. Emil überlebt die Schlacht, muss aber einiges durchstehen, bis er zu sich selbst und am Ende wieder nach Hause findet.

Die Kanadierin Lee Strauss hat deutsche Wurzeln und lässt die Erzählungen ihrer Verwandten in ihre Alltagsbeschreibungen einfliessen. Das macht ihr Buch sehr lebensecht und realistisch. Emil wirkt zu Beginn des Buches mit seiner Verehrung für das Dritte Reich und seiner Herablassung gegenüber seiner Familie nicht sehr sympathisch, doch rasch kommen bei ihm Zweifel auf, und er macht eine spannende und glaubhafte Entwicklung durch. Auch die anderen Charaktere sind gut ausgearbeitet und haben Tiefe. Die geschichtlichen Ereignisse sind geschickt in den Roman eingeflochten, so dass wir sie mit Emils Augen neu erleben: der Siegesrausch zum Kriegsbeginn, die langsam sich steigernde Angst und später die leise Furcht, dass der Krieg nicht mehr gewonnen werden kann.
„Gefährliche Zettel“ ist ein packender Roman über einen Jungen, der in dieser schwierigen Zeit zum Mann heranwächst, seine Haltung überdenken und Entscheidungen treffen muss. Strauss verzichtet darauf, in jeder Hinsicht ein Happyend zu bieten, was der Geschichte Glaubhaftigkeit verleiht. Dennoch ist es eine Geschichte der Hoffnung und Zuversicht, die einen mit einem guten Gefühl zurücklässt. Auch für Erwachsene empfehlenswert!
 
Die Kälte und die eintönig graue Novemberluft lenkten ihn erst von der zusätzlichen Betriebsamkeit auf dem Marktplatz ab. Da waren mehr Polizisten und mehr Soldaten als sonst. Ein lautes Rattern schwerer Fahrzeuge schreckte Emil auf, und er drehte sich ruckartig um. Eine kleine Truppe aus Männern der SS folgte den Lastwagen. Sie marschierten in exakter Formation und starrten mit strengem Ausdruck geradeaus, wie gutgeölte Maschinen. Emil bemerkte Herrn Schwarz in der versammelten Menge und rannte zu ihm.
„Was geht hier vor?” fragte Emil.
„Von Rath ist gestorben.” Herr Schwarz’ sonst so fröhlich-joviales Gesicht war so grimmig gerunzelt, dass Emil dachte, es würde in sich zusammenfallen. „Komm ihnen einfach nicht in die Quere.”
Die Lastwagen hielten plötzlich an, und Soldaten mit Knüppeln, Schlagstöcken, Brechstangen und anderen altertümlichen Waffen schwärmten über den Marktbereich aus.
Emil war Zeuge des ersten Schlags und sprang zurück, als zersplittertes Glas auf die Straße schlug. Die Menge schrie auf, überrascht von diesem grundlosen Gewaltausbruch. Die Geschäftsbesitzer, deren Läden verwüstet wurden, rannten schreiend und brüllend aus ihren Geschäften.
„Halt!” kreischte einer der Händler, doch die einzige Antwort, die er bekam, war ein brutaler Hieb auf den Kopf.
Überall um Emil und in jeder Straße wurden Schaufenster zertrümmert. Das schrille Geräusch brechenden Glases erfüllte die Luft, scharfe, im Licht gleißende Splitter übersäten die Straße. Die Menge lichtete sich. Einige rannten nach Hause, die anderen suchten sich einen sicheren Platz, um das Spektakel zu beobachten.
Emils Beine fühlten sich an, als wären sie am Boden angefroren.
Waren die verrückt?
Ein Glasschauer klirrte in seiner Nähe auf den Boden, er kam wieder zu sich und duckte sich hinter einem geparkten Automobil.
Eine Kakofonie von Stimmen schrie: „Halt! Bitte, hört auf!”
Er erkannte die protestierenden Männer, die attackierten Ladenbesitzer. Es waren alles Juden.
Die Soldaten warfen Kleider, Schuhe, Schmuck und Nahrungsmittel aus den jüdischen Läden – der gesamte Warenbestand landete auf der Straße.
Chaos brach aus. Leute schrien und fluchten: „Judenschweine!”
Eine neue Scherbenwolke. Emil duckte sich tiefer und bedeckte seinen Kopf.
Betäubt und fassungslos sah er zu, wie Menschen, Nicht-Juden, die er sein ganzes Leben lang gekannt hatte, von der Straße klaubten, was ihnen nicht gehörte, und damit davonhasteten.
Die Soldaten stießen die jüdischen Männer, die es wagten, ihnen entgegenzutreten, zu Boden, traten sie und stießen sie in den hinteren Teil der Armeelastwagen.
Ein paar Soldaten näherten sich Annes Laden. Sie hatten kurze Holzplanken in den Händen und lachten. Emil stöhnte und murmelte „Oh nein.” Sie zertrümmerten ein Schaufenster nach dem anderen, während sie Obszönitäten von sich gaben.
Dann zogen sie Herrn Silbermann, Annes Vater, aus der Bäckerei und schleiften ihn die Straße hinunter. Sie warfen ihn hinten in einen Armeelastwagen wie einen Sack Müll. Frau Silbermann und Anne rannten schreiend hinterher. Emil wollte auch hinter dem Lastwagen herjagen. Nein, nein! Hört auf! Herr Schwarz schien seine Gedanken zu lesen und packte ihn mit seiner fleischigen Hand an der Schulter, während er den Kopf schüttelte. Wenn er Annes Vater nachrannte, würden die Soldaten zweifelsohne keinen Moment zögern und ihn zu Herrn Silbermann in den Lastwagen zu werfen.

 
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