Freitag, 15. Mai 2015

Mama blökt...nee...bloggt. #1


Als mein Sohn geboren wurde, habe ich ein Mami-Blog gestartet, komme aber sehr selten dazu, dort zu bloggen. Jetzt habe ich mir überlegt, ich könnte hier doch einfach mal eine kleine Kolumne starten, in der ich ein paar Anekdoten aus dem Leben einer schreibenden Mutter zum besten gebe.

Heute: Das Mama-Paradoxon in Aktion

Meine Schwiegermutter wohnt im etwas über 300 km entfernten Hamburg. Dementsprechend sieht sie ihre Enkel natürlich nicht so oft. Wenn wir zu viert fahren, wird es mit dem Übernachten in der Wohnung schwer, und im Hotel zu schlafen ist mit kleinen Kindern, die eigentlich um 19 Uhr ins Bett müssen, auch blöd. Seit Längerem plant mein Mann also, mit dem Großen allein für ein Wochenende hinzufahren. Ich bleibe mit der Kleinen derweil daheim, weil längere Fahrten mit ihr ohnehin noch schwierig sind. 

Eigentlich habe ich mich darauf gefreut, mal wieder Zeit nur mit meiner Tochter zu verbringen, die ja oft als Zweitgeborene im Alltag etwas zu kurz kommt. Heute Morgen habe ich sie in die Kita gebracht und Sohn und Gatten verabschiedet. Herrlich! Diese Ruhe im Haus. Jetzt hätte ich doch mal richtig Zeit zu Schreiben und über meine neuen Projekte zu grübeln. Und was passiert? Richtig. Die Schleusentore öffnen sich und Mama heult Rotz und Wasser, dass sie ihren Großen jetzt ganze zwei Tage nicht sieht. Wie schrecklich. Es zerreißt mir schier das Herz, lächelnd in der Haustür stehen zu müssen und zu winken, als der Wagen mit meinem Kind davonrollt. (Derweil frage ich mich, warum mir ein zweitägiger Abschied vom Gatten nicht die Tränen in die Augen treibt. Sollte uns das zu denken geben?) Memmen-Mama sitzt also hier und heult und fühlt sich höchst unproduktiv. 

Meine Romanfigur Conny nennt es das "Mama-Paradoxon". Im Alltag wünscht man sich oft nichts sehnlicher als ein paar Stunden Ruhe und Zeit für sich. Aber wenn die ersehnte Trennung auf Zeit dann tatsächlich stattfindet, vermisst man die Racker plötzlich und will sie möglichst schnell wiederhaben. 

Ich war schon immer nah am Wasser gebaut, aber seit ich Mutter bin, ist es wirklich schlimm. Zeig mir eine rührselige Werbung oder einen traurigen Film und ich fange sofort an zu schluchzen. Kaum auszudenken, wie es sein wird, wenn mein Großer in die Schule kommt, wenn die beiden irgendwann flügge werden - oder gar heiraten. Mama wird zerfließen! Dabei freut es mich doch gleichzeitig so sehr und ist so spannend zu beobachten, wie sie immer selbstständiger werden und immer deutlicher ihre ganz eigene Persönlichkeit ausbilden. Es macht mich stolz, zu sehen, was sie alles können, auch wenn es doch eigentlich nicht mein Verdienst ist (oder nur zu einem geringen Teil), dass meine Kinder so sind, wie sie sind. Manchmal erkenne ich mich selbst in ihnen und manchmal bin ich erstaunt, wie anders sie sind. Und das ist einfach toll. 

Ich gehe in meiner Mutterrolle auf und definiere mich inzwischen stark darüber. Nicht ausschließlich, das wäre fatal. Aber ich bin schon gerne Mutter und finde, dass es inzwischen ein Teil meiner Persönlichkeit geworden ist. Allerdings habe ich auch ein Leben, Wünsche, Ziele und Bedürfnisse - was sich nicht unbedingt mit dem Leben, den Wünschen, Zielen und Bedürfnissen meiner Sprösslinge deckt. Im Gegenteil, häufig stehen sie sich diametral gegenüber. Hinzu kommt die Impulsivität und Intensität, die Kinder in allem, was sie tun, an den Tag legen. Die Gefühle, die sie noch so unkontrolliert ausleben. Wie sie über Kleinigkeiten so in Rage geraten können, dass sie wahre Amokläufe veranstalten und schreien, dass sie locker einen Düsenjet übertönen könnten. Die Neugier, die meine Tochter auf jedem Weg dazu treibt, einfach alles fasziniert betrachten zu wollen, jeden Stein, jedes Stöckchen, jedes tote oder lebendige Insekt, während ich ungeduldig daneben stehe und "Jetzt komm aber!" rufe, weil ich es eilig habe. Wenn sie mal wieder ein mit viel Liebe zubereitetes Essen verschmähen und Papas Rührei mit Gurkensalat mit einem Enthusiasmus verschlingen, als sei es ein 5-Sterne-Luxus-Menü. Wenn ich totmüde bin und mich nur noch auf die Couch fläzen möchte und Big Bang Theory gucken, mein Sohn aber unbedingt noch ein ganzes Kapitel "Michel aus Lönneberga" vorgelesen haben muss. Wie ihre Schlafgewohnheiten ein gesundes Liebesleben enorm schwierig machen (Sohnemann kommt nach wie vor fast jede Nacht irgendwann in die Besucherritze gekrabbelt, und Töchterlein weint oft nachts so hartnäckig, bis Papa sich mit ihr ins Gästebett verzieht). All das ist oft für mich belastend und nervig und dann wünsche ich mir Zeit für mich, ohne diese ständige Fremdbestimmung. 

Gleichzeitig aber macht der Gedanke mir Angst, eines Tages nicht mehr gebraucht zu werden. Es macht mich traurig, wenn ich daran denke, dass irgendwann unweigerlich die Phase eintritt, in der Mama und Papa doof und peinlich sind, und man lieber von einer Brücke springen würde, als Mama zu knuddeln (zumindest, wenn es Zuschauer gibt). Ich kriege Panik, wenn ich darüber nachdenke, was für gefährlichen Unfug ich als Teenager veranstaltet habe, weil ich genau weiß, dass ich meine Kinder davon nicht werde abhalten können und sie ja auch ihre Erfahrungen selbst machen müssen. Wenn ich die alten, zu klein gewordenen Babysachen verschenke, weil es bei uns aus medizinischen Gründen keine Nummer drei mehr geben wird, denke ich wehmütig an die Babyjahre meiner Kleinen (und verdränge erfolgreich Milchstau, nächtliches Gebrüll, Augenringe, vollgespuckte Kleidung und Windelexplosionen). Damals konnte ich es kaum erwarten, bis sich wieder etwas tat, bis ich den nächsten Schritt in der Entwicklung erleben durfte. Bei meiner Tochter ist diese Zeit nur so dahingeflogen, weil sie parallel mitlaufen musste. Und jetzt? Stehe ich da, betrachte die winzigen Strampelanzüge und könnte schon wieder heulen. Schlimm. 

Und anstatt meine männerfreie Zeit zu genießen - ohne Gatten und Sohnemann, Weiberwochenende mit meiner Kleinen, die noch Mittagsschlaf macht und mir so zwei wunderbare Stunden Freizeit am Nachmittag beschert, anstatt mich also zu freuen, stehe ich im Türrahmen, lächle gezwungen, winke meinen beiden Lieben hinterher und merke, wie die Tränen in die Augen schießen. 

Jetzt macht sich Memmen-Mama aber erst einmal einen schönen Kaffee. Vielleicht gelingt es mir dann, die Ruhe zu genießen.  

Kommentare:

  1. Hallo liebe Satu,

    ja, Frau in dieser Situationen mutiert langsam, aber sicher zum Muttertier.

    Aber da kann ich Dich persönlich trösten ...dass ändert sich auch wieder...augenzwickern.

    Es ist eine schöne Zeit..LG..Karin...

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    1. Na, ich hoffe jedenfalls, dass das Heulen mal weniger wird. :-D

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