Sonntag, 24. Mai 2015

Sonntagsbrunch heute mit der Autorin Alice Gabathuler

Heute freue ich mich über Brunch-Besuch aus der Schweiz. In einem Autorenforum durfte ich die preisgekrönte Kinder- und Jugendbuchautorin Alice Gabathuler kennenlernen und freue mich, gemeinsam mit euch eine sehr interessante und furchtbar liebe Autorin beim Sonntagsbrunch ein bisschen besser kennenzulernen. Alice ist hochkriminell – zumindest literarisch, denn ihre Spezialität sind spannende Jugendthriller. Für ihren Thriller no_way_out (Thienemann, 2013) erhielt sie sogar den Hansjörg-Martin-Preis für den besten Jugendkrimi 2014. Aktuell schreibt sie fleißig an der Thriller-Reihe „Lost Souls Ltd.“, von der bisher drei Bände erschienen sind (Blue Blue Eyes, Black Rain und White Sky). Ich freue mich, dass sie trotzdem Zeit für einen kleinen Brunch und einige neugierige Fragen gefunden hat.

Bild: Scott Schmith



Liebe Alice, für alle Autoren gibt es zunächst die obligatorischen Brunch-Fragen:

Kaffee oder Tee?

Kaffee. Klarer Fall. Tee nur bei Krankheit.
Milch, Zucker, schwarz?
Mit Milch.
Herzhaft oder süß?
Beides.
Warm oder kalt?
Beides.
(Ich esse leidenschaftlich gerne, deshalb kein Festlegen auf das eine oder das andere.)

1. In deiner Biografie habe ich mich gefreut, einige Parallelen zu entdecken. Du bist auf dem Land großgeworden mit zwei Brüdern (ich habe noch einen mehr), hast ebenfalls zwei Kinder, eine Katze und warst als Englischlehrerin tätig (ich bin es noch). Genau wie ich gilt deine große Liebe England (bei mir teilt es sich inzwischen meine Liebe mit Finnland). Viele verbinden mit England nur warmes Bier, schlechtes Essen und Regen. Kannst du uns beschreiben, warum dein Herz gerade für die Insel schlägt?
 

Ich komme aus einer Familie mit sehr wenig Geld. Urlaube im Ausland gab’s nicht. Mit siebzehn war ich zum ersten Mal weiter weg. In England. Mein erstes fremdes Land. Das erste Mal Meer. Es war Liebe auf den ersten Blick ☺ Auch auf den zweiten und dritten und vierten. Ich mochte die Landschaft, diese wunderbar speziellen Menschen, die Süßigkeiten, die Sprache. Das Wetter war mir egal; ich hab’s sowieso nicht gerne heiß. Mittlerweile ist mir Südengland zu voll und zu touristisch. Ich habe den Norden von Schottland für mich entdeckt. Nathans Insel aus Lost Souls Ltd. ist auch „meine Insel“. Die Natur ist überwältigend. (Ich denke, wir haben in Sachen Länder tatsächlich auffällige Parallelen.) Ich könnte stundenlang einfach nur dastehen und schauen, schauen, schauen.

2. Du schreibst, einer deiner Traumberufe sei Rocksängerin gewesen, was allerdings an mangelndem Talent gescheitert sei. Wir freuen uns umso mehr, dass Talent zum Schreiben dafür in Hülle und Fülle vorhanden war. Was bedeutet Rock in deinem Leben?

Sehr viel. Ohne Musik gäb’s meine Bücher nicht. Oder zumindest nicht so, wie sie sind. Musik ist eine meiner wichtigsten Inspirationsquellen. Sie ist auch Kraftquelle. An Livekonzerten kann ich in der Musik ertrinken. Dann ist alles nur noch Gefühl. Ich werde manchmal bei Lesungen gefragt, ob ich je Drogen genommen habe. Warum sollte ich? Ich habe die Musik.

3. Du bewegst dich überwiegend im Thriller-Genre. Könntest du dir auch vorstellen, das Genre zu wechseln? Wenn ja, was würde dich genremäßig noch reizen?

Ich habe es gerne total witzig und schräg. Ja, ich weiß, das würde man nicht ahnen, wenn man meine Bücher liest. Ich hatte sogar ein witziges, schräges Jugendbuch (mit viel Rockmusik drin), das leider, leider gefloppt und längst vergriffen ist. (Ich habe mir die Rechte zurückgeholt und werde es nächstes Jahr im Self Publishing herausgeben, weil ich es sehr mag.) Im Augenblick schreibe ich für Kinder. Wieder etwas Witziges. Musik kommt auch wieder vor ☺

4. Braucht es nicht auch ein wenig kriminelle Energie und Abgründe, um erfolgreich Krimis und Thriller schreiben zu können? Wie gelangst du in die Köpfe von Mördern und Verbrechern?

Kriminelle Energie habe ich – hoffentlich – keine. Aber ich kenne die Abgründe. Ich denke, das geht vielen Autoren so: Man empfindet sehr tief, sowohl die glücklichen als auch die traurigen Momente. Da landet man unweigerlich in dem einen oder anderen gefühlsmäßigen Abgrund, manchmal in sehr tiefen. Ich habe gelernt, auch die Abgründe zu akzeptieren, weil man jedes Mal, wenn man es hinausgeschafft hat, stärker ist. Eigentlich sind diese Abgründe „schuld“ daran, dass ich schreibe.

Ich weiß nicht, ob ich wirklich in den Köpfen von Mördern und Verbrechern bin. Ich bin in den Köpfen und Herzen von Mördern und Verbrechern, die ich mir schaffe. Dabei geht es wieder um die Abgründe. Ich mag keine Kriminellen, die einfach so böse und kriminell sind (das ist zum Gähnen langweilig); ich will wissen, warum. Was hat sie zu Verbrechern gemacht? Wie gehen sie damit um? Deshalb mag ich die Lost Souls so gut. Die meisten von ihnen haben unvorstellbare Dinge erlebt, aber auch getan. Mich interessiert, was so etwas aus den Menschen macht und wie sie mit dem umgehen, das sie tun und getan haben. Aber auch: Wie gehe ich als Autorin damit um? Dabei mache ich es mir nicht einfach: Ich lasse meine Protagonisten nicht einfach in Notwehr schlimme Dinge tun, sondern sie tun es zum Teil sehr bewusst und hätten auch Alternativen.  Das ist es, was die Figuren für mich spannend macht.

5. Penible Ordnung oder kreatives Chaos? Wie sieht dein idealer Arbeitsplatz aus?

Kreatives Chaos. Deadline-Junkie, aber irgendwie trotzdem diszipliniert, denn sonst hätte ich nicht all diese Bücher schreiben können. Mein Arbeitsplatz ist eigentlich das Innere meines Kopfes. Ich kanalisiere und führe nur aus, was sich dort drin abspielt. Das hilfreichste Arbeitsinstrument dabei ist der Computer, resp. sind meine beiden Laptops.

6. Bei welchem Buch würdest du dir wünschen, dass du es geschrieben hättest?

Ich hab’s geschrieben. #no_way_out. Meine Liebeserklärung an all die Freaks und Außenseiter da draußen, die sich der gängigen Norm wiedersetzen. Eine Weile dachte ich, dass ich nach diesem Buch nichts mehr schreiben kann. Weil ich darin – mitten in gewaltig viel Action – alles gesagt habe, was mir wichtig ist über die Menschen, unseren Umgang miteinander, die Schweiz und die Leute, die darin leben. Einfach alles. #no_way_out ist ein Abschluss. Nach diesem Buch habe ich eine andere Richtung eingeschlagen und die Lost Souls geschrieben, ebenfalls etwas, von dem ich mir wünschen würde, ich hätte es geschrieben ;-) (Konjunktive sind dazu da, sie zur Realität zu machen.) Und jetzt habe ich dasselbe Problem. Ich kann im Augenblick nichts in diese Richtung schreiben. Weil es die Lost Souls jetzt gibt. Genau so, wie ich sie wollte. Deshalb wechsle ich erneut die Richtung. Ich werde aber bestimmt auf einen Mix von etwas in der Art wie #no_way_out und den Lost Souls zurückkommen. Die Musik dazu habe ich schon. Und zwei Figuren. Und Satzfetzen. Und- ganz wichtig – das passende Notizbuch. Ein flammendes Rot, übrigens.

7. Was ist für dich das Schönste am Schreiben?
 

Figuren erfinden.

8. Was ist für dich die größte Schwierigkeit beim Schreiben?
 

Die erste Version (ist immer so grottig schlecht, dass ich mich sogar vor meinen Figuren schäme, weil sie etwas Besseres verdient hätten).

9. Passiert es dir, dass sich Charaktere auch schon einmal verselbstständigen und Dinge tun, die du so gar nicht geplant hattest?
 

Deshalb plane ich gar nicht so viel für meine Charaktere: Weil sie sowieso tun, was sie für richtig halten. Ich hindere sie auch nicht daran, die Dinge zu tun, die sie dann tun, sondern bin ihnen einfach auf den Fersen und beobachte, wie sie reagieren und sich fühlen. Manchmal bringen mich meine Charaktere so richtig in Schwierigkeiten! Und ich darf das dann ausbaden, indem ich den Logik- und Geschichtenfaden wieder finden muss.

10.  Trifft dich Kritik? Wie gehst du damit um?

Da würde ich jetzt gerne sagen: Nein. Tut sie aber. Nicht immer, aber doch immer wieder. Weshalb ich fast keine Rezensionen mehr lese. Ich habe Schiss davor. Am meisten weh tun Bemerkungen wie „blasse Charaktere.“ Wenn jemand die Geschichte nicht mag, oder den Schreibstil, dann geht das in Ordnung. Damit kann ich umgehen. Man kann nicht alles mögen. Aber wenn jemand findet, meine Figuren seien schlecht gezeichnet oder nicht spürbar, dann kann mich das aus den Schuhen hauen. Der absolute Killersatz ist: „Daraus hätte man mehr machen können.“ Der macht mich aggressiv. Weil ich genau das aus der Geschichte mache, was ich daraus machen möchte. Wenn jemand mehr will, dann wäre es nett, wenn es anders formuliert wäre (Konjunktiv! ;-) ). Zum Beispiel: „Ich hätte mir mehr gewünscht.“ / „Ich hätte es mir anders gewünscht.“ Aber NICHT: „Daraus hätte man mehr machen können.“

Vielen Dank, dass du die Zeit für diesen Brunch gefunden hast. Ich freue mich auf weitere Lost Souls Ltd. Geschichten und wünsche dir alles Gute und weiterhin so viel Spaß und Erfolg beim Schreiben.

1 Kommentar:

  1. Hallo Satu,

    Danke für dieses toll geführte Interview. Wir in unserer Familie gaben kann viele Bücher von Alice schon gelesen und finden sie einfach nur große Klasse .

    LG..Karin...

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