Sonntag, 21. Juni 2015

Sonntagsbrunch heute mit der Autorin Annell Ritter


Heute haben wir ein etwas ungewöhnliches Brunch-Date, da wir es mit einer „gespaltenen Persönlichkeit“ zu tun haben. Hinter dem Namen Annell Ritter verbergen sich nämlich – ähnlich wie bei Anne Hertz – gleich zwei schreibende Damen. Die Freundinnen haben sich im Studium kennengelernt und sind über ihre gemeinsame Liebe zur Literatur dazu gekommen, gemeinsam Bücher zu schreiben. Mit „Apfelgrüne Aussichten“ (Mai 2015) ist nach „Sommer in Grasgrün“ (September 2014) gleich ihr zweiter Brägenbeck-Roman bei Forever by Ullstein, dem digitalen Ableger der Ullstein Buchverlage erschienen. Herzlich Willkommen, Annell Ritter. 

Bild: A. Hammer / Freistil Fotografie



Liebe Annell, für alle Autoren gibt es zunächst die obligatorischen Brunch-Fragen:

Kaffee oder Tee?


In dieser Sache sind wir alles andere als gespalten☺. Daher antworten wir beide einstimmig und rufen laut und deutlich: „Kaffee“ !!! Tee kommt für uns als Getränk zum Brunch nicht in Frage, dafür aber gerne mal als Erfrischung am Nachmittag. Mit Kuchen oder Keksen zum Beispiel.

Milch, Zucker, schwarz?

Auch hier sind wir uns einig: Gerne mit viel aufgeschäumter Milch und ohne Zucker.

Herzhaft oder süß?

Die Mischung macht´s. Beide mögen wir es eher herzhaft, aber das ein oder andere süße Teilchen kann auch nicht schaden.

Warm oder kalt?

Unbedingt warm, kalt nur im absoluten Hochsommer.

1. Ihr habt zwar gemeinsam in Norddeutschland studiert, allerdings hat es euch mittlerweile beruflich nach Wuppertal bzw. München verschlagen. Gibt es dennoch regelmäßige Treffen oder arbeitet ihr per Computer und Telefon?

Zwar läuft bei der Zusammenarbeit wirklich viel über Telefon und per Mail, regelmäßige Treffen sind aber total wichtig für unsere Arbeit. Besonders in der Anfangsphase eines neuen Projekts, sehen wir uns dann alle paar Wochen abwechselnd an unseren jeweiligen Wohnorten. Diese Wochenenden machen uns beiden immer sehr viel Spaß, dann kochen und essen wir gemeinsam, machen ausgedehnte Spaziergänge und besprechen die Figuren, Handlungsstränge und neuen Ideen. Das gemeinsame Brainstorming ist arbeitsintensiv, aber auch sehr witzig. Dabei geraten wir auch gerne mal in Sackgassen, die am Anfang zwar zu Schwierigkeiten, letztendlich aber zu Lachsalven führen. Natürlich reden wir auch über andere Dinge, immerhin sieht man sich ja nicht alle Tage. Dazu gehören auch die Lesetipps zwischen zwei Leseratten, wir leihen uns gerne gegenseitig einen Schwung Bücher aus, die dann noch in den Koffer gequetscht werden müssen☺.

2. Den kleinen norddeutschen Ort Brägenbeck, in den es Großstädterin Carla in euren Romanen verschlagen hat, sucht man vergebens bei Google Maps, allerdings gibt es irgendwo zwischen Haselünne, Lengerich und Lingen einen Ort, der einen Ortsteil ähnlichen Namens hat. Die neugierige Leserschaft fragt sich natürlich: gibt es ein reales Vorbild für Brägenbeck?

Der Ort Brägenbeck an sich ist fiktiv. Dass es tatsächlich einen Ortsteil bei Lingen gibt, der ähnlich klingt, ist reiner Zufall, auch wenn das wiederum fiktiv klingt☺. Aber unser Brägenbeck ist ganz klar von unseren Kindheitserinnerungen geprägt, wir sind ja beide in Dörfern groß geworden, in denen sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen.

3. Die Farbe Grün zieht sich – um ein unpassendes Wortspiel anzubringen – wie ein roter Faden durch eure Romane. Was ist/sind denn eigentlich eure Lieblingsfarbe/n?

Sehr schönes Wortspiel! Die Lieblingsfarbe des einen Teils von Annell Ritter ist definitiv Blau in allen Schattierungen von Himmelblau über Türkis bis hin zu Ultramarinblau. Grün kommt dann aber gleich auf Platz 2. Der andere Teil von Annell Ritter liebt tatsächlich Grün, die ganze Palette hoch und runter von Apfelgrün bis Petrol über Schlammgrün.

4. Um gemeinsam ein Buch zu schreiben, muss man sich doch immer sehr einig sein. Ich stelle mir vor, dass ihr ziemlich ähnlich tickt und vermutlich die Sätze des anderen beenden könntet. Ist das so? Oder gibt es hin und wieder auch mal Zoff? Wie einigt ihr euch, wenn beide eine tolle Idee haben?

Zwar ticken wir in grundsätzlichen Fragen schon ähnlich, es gibt aber schon charakterliche Unterschiede zwischen uns. Die Sätze der anderen können wir in unseren persönlichen Gesprächen nicht zu Ende bringen, auch wenn es mal witzig wäre, das auszuprobieren. Beim Schreiben geht es aber erstaunlich gut, da könnte die eine den Text der anderen beenden. Was aber zum Glück noch nie bewiesen werden musste☺.
Die Unterschiede im Charakter und Temperament helfen uns eher bei der Zusammenarbeit, anstatt ihr im Wege zu stehen. Wir ergänzen uns einfach sehr gut. Und es gibt eine große Gemeinsamkeit, die uns stark verbindet: nämlich die Liebe zu ähnlicher Literatur! Anfangs hat es uns tatsächlich selbst überrascht, wie gut das gemeinsame Schreiben funktioniert. Wahrscheinlich hatten wir da einfach auch etwas Glück. Ein ähnlicher Humor ist aber auf jeden Fall Grundvoraussetzung für ein gemeinsames Buchprojekt, ansonsten würde man ja aneinander vorbei schreiben. Und da wir uns seit Jahren gut kennen, sind wir in Sachen Ausdruck und Sprachstil gegenseitig sehr vertraut. Das führt wohl auch dazu, dass es in den Texten keine Brüche gibt.
Ernsthaften Zoff hatten wir glücklicherweise bisher nicht, noch nicht mal unernsten. Wenn wir beide gute Ideen für ein- und dieselbe Szene haben, wägen wir einfach zusammen ab, was besser passt. Das ist keine Frage des Egos. Außerdem sind zwei gute Ideen immer besser als eine, da man die zweite Idee meistens noch in abgeänderter Form woanders einbringen kann.
Mit der Kritik der jeweils anderen können wir gut umgehen, was die gemeinsame Arbeit natürlich um einiges vereinfacht. Wir wissen ja beide, dass es dabei immer um unser gemeinsames Ziel geht und nicht darum, der anderen gegen das Schienbein zu treten.

5. Wird es weitere grüne Brägenbeck-Geschichten geben? Oder sind andere Projekte geplant? Gibt es vielleicht auch „Solo-Projekte“? Oder ist das geheim?
 

Momentan haben wir gerade mit dem dritten Teil der Brägenbeck-Geschichten begonnen. Wir gehen gegenwärtig davon aus, dass damit diese Reihe enden wird. Aber natürlich haben wir schon ein ganz neues Projekt für Annell Ritter in der Pipeline. Es wird sowohl vom Setting als auch von den Charakteren und dem Thema her etwas völlig anderes werden als die Romane aus Brägenbeck. Was wir schon mal verraten können: Auf jeden Fall gibt es wieder etwas zu lachen. Wir mögen es einfach, heitere Texte zu schreiben, das macht schon sehr viel Spaß!

6. Bei welchem Buch würdet ihr euch wünschen, dass ihr es geschrieben hättet?
 

Neben unserer Vorliebe für heitere Literatur lesen wir auch gerne mal etwas ernstere Sachen. Wir sind wir beide riesige Haruki Murakami Fans und lieben seine Romane. Besonders toll fanden wir Murakamis letztes Buch „Von Männern, die keine Frauen haben“. Die dort versammelten Kurzgeschichten sind einfach großartig und jede für sich ist ein Kunstwerk. Natürlich wünschen wir uns beide insgeheim, so schreiben zu können, sagen es aber nicht laut☺. Gleichzeitig wissen wir auch, dass so eine Gabe nicht vom Himmel fällt, sondern neben einem wirklich außergewöhnlichen Talent viele Jahrzehnte härtester Arbeit erfordert.

7. Was ist für euch das Schönste am Schreiben?

Das Schreiben bietet eine phantastische Möglichkeit, um all die lustigen und natürlich auch die skurrilen Erlebnisse, die wir beide in unserem Leben hatten, zu Papier zu bringen und sie erneut zum Leben zu erwecken. Es macht einfach riesigen Spaß, sich aus dem Fundus eigener Erlebnisse Charaktere und Handlungsstränge auszudenken und diese dann in eine zusammenhängende Geschichte zu bringen. Zwar wissen wir beide im Vorfeld nur grob, was in einem Kapitel vorkommen soll, sind aber nach dem Schreiben immer wieder erstaunt darüber, welche Entwicklungen sich dann tatsächlich auf dem Papier wiederfinden.
Auch entspannt das Schreiben total. Nach einer Stunde in Brägenbeck hat man schnell mal ein paar Stunden am Arbeitsplatz vergessen, wenn der Tag nicht dein Freund war.

8. Was ist für euch die größte Schwierigkeit beim Schreiben?
 

Wenn wir erst einmal angefangen haben und im Flow sind, fällt es uns beiden glücklicherweise ziemlich leicht, unsere Geschichten zu Papier zu bringen. Schwierig ist es eher, an diesen Punkt zu kommen. Wir betreiben beide das Schreiben neben unseren Hauptberufen in unserer Freizeit. Da ist das Zeitmanagement nicht immer ganz einfach und es erfordert Disziplin, zwischen den ganzen To-Do-Listen noch Zeit für kreative Stunden zu finden. Da wir beide aber unbedingt Schreiben wollen, überwinden wir diese Schwierigkeiten dann aber doch irgendwie. Dann bleibt der Staubsauger halt mal ein Stillleben, das tut auch nicht wirklich weh☺.

9. Passiert es euch, dass sich Charaktere auch schon einmal verselbstständigen und Dinge tun, die ihr so gar nicht geplant hattet?

Ja, das kommt während des Schreibens tatsächlich häufiger vor und sorgt zwischen uns immer wieder für große Heiterkeit. Manchmal geht da einfach mit einer von uns beim Schreiben etwas durch und auf einmal befinden wir uns z.B. mitten in einer superheißen Liebeszene o.ä. in der norddeutschen Tiefebene, was aber nie geplant war. Nachdem wir erst einmal ausgiebig gelacht haben, diskutieren wir anschließend darüber und entscheiden dann gemeinsam, ob wir die Stellen streichen oder nicht.
Auch verselbständigen sich unsere Figuren dadurch, dass sie im realen Leben immer mehr Platz bei uns einnehmen. Da passiert es schnell mal, dass man bei einem unangenehmen Gegenüber „Der ist ja schlimmer als Großbauer Johannsen…“ seufzt.

10. Trifft euch Kritik? Wie geht ihr damit um?
 

Das war für uns als Anfängerautorinnen tatsächlich ein echter Lernprozess. Beim ersten Buch waren wir noch ziemlich geknickt, wenn es aus unserer Sicht ungerechtfertigte Kritik gab. Der erste Roman ist natürlich schon etwas, woran man als Autor sehr hängt. Dann tut es schon weh, wenn es auch mal die ein oder andere negative Bewertung gibt. Mittlerweile sehen wir das allerdings weitaus entspannter. Wir wissen ja selbst, dass ein Buch nicht jedem gefallen kann und wir haben diesen Anspruch auch nicht, das wäre auf Dauer gesundheitsgefährdend☺. Umso mehr freuen wir uns über jeden neuen Leser, dem unsere Bücher wirklich gefallen...


Liebe Annell, ich danke euch für eure Zeit und wünsche euch weiterhin viel Erfolg, gute Ideen und die nötige Harmonie und Ruhe.

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