Freitag, 31. Juli 2015

Schreibtipp Manuskripteinsendung: 5 Tipps für ein gutes Anschreiben


Bekenntnisse eines Verlagslektors, bei denen man als Autor Unbehagen verspürt: "Die meisten haben keine Chance auf Veröffentlichung".  
"[V]on den meisten Manuskripten lese ich nur die ersten 10 bis 15 Seiten, das reicht oft schon" oder "Schon unsere Verlagsvolontäre können erkennen, wenn etwas nicht gut ist [ergänze im Kopf: und entscheiden, was den Schreibtisch des Lektors überhaupt erreicht]."

Auch wenn es jedem klar sein sollte, ein Satz ist bei mir hängengeblieben:
Der erste Eindruck entsteht beim Anschreiben. 
Dazu habe ich mir für euch mal ein paar Gedanken gemacht. Herausgekommen ist eine Liste von 5 Tipps für ein ansprechendes Anschreiben.

In einem Artikel auf SPIEGEL online plaudert ein Verlagslektor aus dem Nähkästchen. Der Titel des Artikels lautet: "Die meisten haben keine Chance auf Veröffentlichung".

'Sie dürfen sich glücklich schätzen, als erster Mensch dieses Werk zu lesen.'  
  
Viele (Hobby)literaten sind offenbar extrem von sich überzeugt - ob nun zu Recht oder zu Unrecht sei dahingestellt - und schreiben so etwas tatsächlich in ihrem Anschreiben. Arroganz und Starallüren sind hier allerdings völlig fehl am Platze. Die kann man sich für den Tag aufheben, an dem man es geschafft hat und die Bestsellerlisten anführt. (Wobei ich persönlich sie auch dann noch zu meiden gedächte). 

Der Artikel hat mich nachdenklich gemacht. Ich bin einmal in mich gegangen und habe überlegt, was ich als Lektor von einem guten Anschreiben erwarten würde. Ergebnis: 5 Tipps für euch. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder absolute Richtigkeit. 

1 In der Kürze liegt die Würze

Wenn es Lektoren an einer Sache auf der Welt mangelt, dann ist es Zeit. Das heißt, es wird vorsortiert, und dann versucht man, sich möglichst schnell einen Eindruck zu verschaffen. Dem sollte ein Anschreiben Rechnung tragen. 
Mein Dozent an der Uni pflegte auf die Frage nach der Länge der anzufertigenden Seminararbeiten zu antworten: "So kurz wie möglich - und so lang wie nötig" bzw. er sagte das auf Englisch "As short as possible - as long as necessary". Als Studentin habe ich diese Antwort gehasst! Ich hätte gern eine konkrete Seitenzahl gehabt. (An dieser Stelle liebe Grüße an Mr David Beal!) Inzwischen verwende ich diese Formel allerdings selbst gern. Denn Patentrezepte und Zahlen helfen nicht, wenn man es mit sehr unterschiedlichen Inhalten zu tun hat. Ich stelle mir vor, dass es schwieriger ist, sich kurz zu fassen, wenn man beispielsweise eine hochkomplexe Fantasy-Reihe à la "A Song of Ice and Fire" anbieten möchte. Formeln wie "höchstens fünf Sätze" oder Ähnliches nützen daher herzlich wenig. 
Man sollte sich Zeit nehmen und einen Text verfassen, der das Wichtigste zum eigenen Buch zusammenfasst [was genau das ist, erörtere ich im nächsten Punkt] und den man immer und immer wieder kürzt. [Am Rande: So habe ich übrigens früher für Klausuren gelernt. So lange, bis der Text auf einen kleinen Spickzettel passt, den man dann nach der ganzen Prozedur nicht mehr braucht.] Der Vorteil dieser Methode: man hat nicht nur einen guten Pitch fürs Anschreiben, sondern gleich eine kurze, knackige Antwort parat, wenn man mal wieder gefragt wird: "Du schreibst? Echt? Worum geht es denn in deinem Buch?"
Mehr als einen Briefbogen sollte das Anschreiben nicht umfassen, versteht sich!
 

2 Das sollte hinein

Was könnte das Lektorat interessieren und dazu bringen, einen Blick ins Exposé und die Leseprobe zu riskieren? In erster Linie interessiert natürlich das Buch. In einem Absatz sollte ich also kurz und knackig (siehe oben) das Wissenswerteste zu meinem Buch zusammenfassen. Meiner Erfahrung nach geht es hier nicht um inhaltliche Details, sondern darum, was das Buch besonders macht, was es heraushebt. Das in einem kurzen Absatz zusammenzufassen, ist schwer genug. 
Mich würde als Lektor auch interessieren, warum der Autor glaubt, dass das Buch ausgerechnet in diesem speziellen Verlag gut aufgehoben wäre. In einem kurzen Abschnitt sollte man zeigen, dass man sich mit dem Verlag und seinem Programm beschäftigt hat und sich vorab ein paar Gedanken dazu gemacht hat, wie das eigene Werk dort hineinpasst. Passt es nicht, kann man sich die Einsendung nämlich ohnehin gleich sparen. Desweiteren ist auch die Person des Autors interessant. Den Verlag interessiert, ob und wie man mit dieser Person zusammenarbeiten kann. Fasse also kurz zusammen, was deine bisherigen Erfahrungen und Veröffentlichungen sind. Debütierst du, hast du vielleicht ein Germanistik- oder Journalistik-Studium, Schreibseminare, Wettbewerbe, Zeitschriftenveröffentlichungen oder anderes vorzuweisen. Alter und "Brotjob" dürften auch interessant sein. Der Brotjob vor allem dann, wenn er für das Buch relevant ist (zum Beispiel wäre es durchaus interessant zu wissen, dass du Mediziner bist, wenn du Krimis aus Sicht eines Rechtsmediziners schreibst) oder im Entferntesten etwas mit Schreiben oder kreativer Arbeit zu tun hat. Ich schreibe gern, dass ich Lehrerin bin, da mein eigentlicher Schwerpunkt bei Kinder- und Jugendbüchern liegt.

3 Schubladendenken erwünscht

Gerade wir Autoren sind Individualisten, und auch sonst bekommen wir immer wieder gepredigt, wie gefährlich und unnütz Schubladendenken ist. Ist es auch. Allerdings gibt es Bereiche, in denen man ohne Schubladendenken nicht auskommt, weil es die Dinge unnötig verkompliziert.

Lektorate müssen in Schubladen denken. In Zielgruppen, in Genres, in möglichen Programmsparten. In welches Regal würde dein Buch eingeordnet? In welchem würde ein potenzieller Leser es suchen? Das hat nichts mit unserer künstlerischen Eitelkeit zu tun und dem Drang, möglichst originell und individuell zu sein. Ich kenne so viele Autoren, denen es widerstrebt, ihr Buch einem Genre zuzuordnen. "Also weißt du, mein Buch lässt sich da gar nicht so richtig einordnen." MÖÖÖÖP! Falsch. Auch wenn du dich in einem Genremix bewegst und dich ungern festlegen lässt, musst du eine griffige Antwort auf die Frage nach dem Genre haben. Ob es sich bei deinem Buch letztlich um einen typischen Vertreter dieses Genres handelt oder um etwas, das mit den Konventionen des Genres spielt und bricht… das kannst du noch klären, wenn du mal die Aufmerksamkeit des Lektorats hast und sie zum Exposé vorgedrungen sind. Versuche dich also möglichst eindeutig zu positionieren, was Genre, Zielgruppe und Co angeht.

Beispiel: Harry Potter wurde von allen Altersgruppen und Geschlechtern - höchstwahrscheinlich auch von Hermaphroditen - eventuell sogar von intelligenten Haustieren oder Außerirdischen gelesen. Bei der Zuordnung spielt das aber keine Rolle. Die ersten Bände können schon von jüngeren Lesern gelesen werden, die dann mit den Büchern "mitwachsen". Spontan würde ich Harry Potter einsortieren als "Kinderbuch für Jungen ab 10-12 Jahren" und schlicht als "Fantasy". Das wird der Individualität von Rowlings Werk in keiner Weise gerecht, hilft aber dabei, im Kopf das Buch zu platzieren. Dann können die Lektoren schnell abschätzen: haben wir aktuell Bedarf bzw. haben wir aktuell ohnehin keine Programmplätze für vorgesehen. 


Versuche also, deinen Text möglichst eindeutig einzuornen. Stell dir vor, du bist in der örtlichen Bibliothek und darfst das Buch nur in einem einzigen Regal einstellen. Wo glaubst du, wäre es am besten aufgehoben und würde am ehesten von den richtigen Lesern gefunden?

4 Die Form wahren

Ja, es ist spießig, aber auch die äußere Form sollte gewahrt sein. Im Grunde ist das wie bei einer Bewerbung. Es ist vieles so selbstverständlich, trotzdem ist es erstaunlich, wie viele Menschen diese simplen Dinge schon nicht beachten. 

Das Anschreiben gehört auf ein sauberes, unbedrucktes, nicht verknicktes Blatt Papier. Es wird mit dem Computer gedruckt (oder im Notfall mit einer Schreibmaschine geschrieben). Es entspricht den aktuell gültigen DIN-Normen für Geschäftskorrespondenz. Es steckt in einem ebenfalls sauberen, nicht bedruckten/beklebten oder verknickten, ausreichend frankierten, richtig adressierten Umschlag. Am besten, man verwendet einen Fensterumschlag, da kann man sich den Adressaufkleber sparen. Auch der Absender ist auf dem Umschlag ordnungsgemäß vermerkt. 
Bling bling, Grafiken oder sonstiger Firlefanz, mit dem man hofft, aufzufallen, sollte unterlassen werden. Das Buch (und der Autor) steht (stehen) im Zentrum des Interesses. Solange man nicht gleichzeitig noch Grafiker ist und sein Buch illustriert hat oder so etwas, beinhalten Anschreiben und Exposé nur Text. 

Die gültigen Grammatik- und Rechtschreibregeln werden eingehalten. Es lohnt sich in Zweifelsfällen, mehrere Leute Korrektur lesen zu lassen oder mal bei duden.de oder korrekturen.de reinzuschauen. Sprache ist dein Rohmaterial. Schon das Anschreiben sollte zeigen, dass du dich damit auskennst.

5 Korrektes Auftreten

Ja. Dein Text liegt dir am Herzen. Ja. Er ist dein "Baby" und du hast viel Zeit mit ihm verbracht. Du hast ihn gehätschelt und gepflegt und liebevoll zu dem gemacht, was er nun ist. Doch sei dir bewusst, dass dein Text - so gut und so originell er auch sein mag - nur einer von Millionen ist. Es gibt viele Menschen, die Bücher schreiben. Sogar viele Menschen, die gute oder sehr gute Bücher schreiben.

Es ist schon eine Weile her, seit ich heiratsbedingt aus dem Dating Game ausgeschieden bin. Aber an eins erinnere ich mich noch klar: es gab immer diese Typen, die sich für Gottes Geschenk an die Weiblichkeit hielten, und die waren für mich immer die Schlimmsten. Diese aufgeplusterten Gockel, die total von sich überzeugt waren (völlig gleichgültig, ob sie es sich leisten konnten oder nicht) - die hätten bei mir nie im Leben landen können. Da hat mich schon die ganze Art abgestoßen. Und ich wage zu behaupten, das geht den meisten Frauen so.

Nun ja. Im Prinzip ist das Umwerben eines Verlags ja nicht viel anders. Du versuchst, auf dich aufmerksam zu machen, dich in einem möglichst positiven Licht zu präsentieren, um die Chance zu erhalten, dass sie dich und dein Buch näher kennenlernen wollen. Du solltest also schon selbstbewusst auftreten, und man sollte spüren, dass du von dir, deinem Talent und dem Potenzial deines Manuskripts überzeugt bist. Allerdings sollte das nicht nur heiße Luft sein. Dazu solltest du dir konkrete Gedanken gemacht haben. Was sind die Stärken meines Textes? Was sind meine Stärken als Autor/in? Was ist mein USP - mein "unique selling point" (Alleinstellungsmerkmal)? Will meinen, was hebt mein Buch heraus aus der Masse der anderen Einsendungen, was ist mein herausragendstes Leistungsmerkmal und was bringt es dem Leser ein, gerade mein Buch zu lesen. Warum sollte gerade das ihn aus den Schuhen fetzen? Diesen Punkt solltet ihr inhaltlich (zielgruppenorientiert) verteidigen können, wenn es darauf ankommt. Das muss spürbar sein, wenn ihr euch präsentiert. Da kommt jemand, der weiß, was er auf dem Kasten hat und der uns etwas Attraktives anbietet. Nicht: da kommt einer, der hat noch keine Haare am Sack, aber nen Kamm in der Tasche.


Ich hoffe, ich konnte euch ein paar nützliche Tipps geben. Mit euren Anschreiben, Einsendungen und Manuskripten wünsche ich euch viel Erfolg!!

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