Mittwoch, 26. August 2015

Mein Bekenntnis zur Willkommenskultur


Ich habe überlegt, ob es der Welt gefehlt hat, dass ich auch noch meinen Senf zum Thema Flüchtlinge und Willkommenskultur abgebe. Nein, hat es sicherlich nicht. Trotzdem möchte ich mich hier ganz klar zu einer Kultur der Menschlichkeit, der Hilfsbereitschaft und Toleranz bekennen. Und dazu gehört für mich, dass wir Menschen in Not willkommen heißen. 


Der Hass, der derzeit überall spürbar ist, macht mir Angst. Wir haben doch so viel hier. Selbst die, denen es für hiesige Verhältnisse nicht so gut geht, haben so viel mehr als die meisten der Flüchtlinge, die zu uns kommen. Trotzdem wird neidisch danach geschielt, was den Flüchtlingen vermeintlich "geschenkt" wird. Wir haben hier (noch) Frieden. Wir haben (noch) das Recht, unsere Meinung zu äußern, ohne dass wir befürchten müssen, von der Polizei abgeholt, verfolgt, gefoltert oder getötet zu werden. Wir dürfen (noch) wählen, haben das Recht auf Bildung und zwar auf kostenlose (!), ja, wir haben sogar die Pflicht zur Schule zu gehen. Es gibt ein soziales Sicherungs-Netz, das sicher nicht fehlerfrei ist - aber es existiert! Es gibt ein funktionierendes Gesundheits-System (auch das ist sicher nicht perfekt, aber immerhin). Man muss nicht um Leib und Leben fürchten, weil man der falschen Religion angehört oder der falschen Gesinnung ist. Wie gesagt… noch!

Doch das könnte sich ändern, wenn wir es zulassen, dass die Kräfte in unserer Gesellschaft, die Desolidarisierung, Abschottung und Hass predigen, Land gewinnen. Schon jetzt muss man mancherorts Angst um sich und seine Familie haben, wenn man sich offen gegen rechts bekennt. Hasskommentare im Netz sind schlimm genug - aber immer öfter entladen sich Hass und Neid in tätlicher (und tödlicher) Gewalt. Wenn ich das sehe und höre, könnte ich heulen. Ich möchte in keinem Land leben, in dem ich Angst haben muss, meine Meinung zu äußern. Ich möchte in keinem Land leben, in dem man mir nach dem Leben trachtet, weil ich für die Werte einstehe, die die "besorgten Bürger" doch vorgeben zu verteidigen. 

Immer wieder wird auf unsere christlich-abendländische Kultur verwiesen, die es zu verteidigen gilt. Aber ist nicht die Liebe - namentlich die Nächstenliebe - die das Handeln jedes Christen bestimmen sollte? Das Christentum lehrt Vergebung und Menschlichkeit. Und auch, wenn ich nicht in der Kirche bin, bin ich doch stark von christlichen Werten geprägt. 

Ich fühle mich ohnmächtig angesichts der pöbelnden Massen und es ist verlockend, sie einfach als stumpfsinnige, ungebildete Dumpfbacken abzutun, die es einfach nicht besser wissen. Aber Hass und Neid schleichen sich überall ein, zersetzen immer mehr diese Gesellschaft. Immer drauf auf den vermeintlich Schwächeren. Immer schielen, ob es nicht jemand anderem vielleicht besser geht als mir und mich fragen, ob der das eigentlich verdient hat. Es wäre schön, wenn es nur ein paar dumpfbackige Proleten wären, ein paar verblödete Hinterwäldler, die man nicht ernstnehmen muss. Aber ich fürchte, dass die Tendenz zur Desolidarisierung und zum Abschotten immer mainstreamfähiger wird. 

Plötzlich sind wir nurmehr "Wutbürger" oder "Gutmenschen", als ob es alles so einfach wäre. Weder ist gelebte Willkommenskultur immer nur rosarot-flauschig und Multikulti einfach immer nur eine tolle Bereicherung für eine Gesellschaft, noch ist sie eine Bedrohung durch Überfremdung, ein "Ausbluten" der Sozialsysteme oder sonst irgendwas. Wie immer liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Niemand hat gesagt, dass es einfach ist, Flüchtlinge aufzunehmen und zu integrieren. Gerade, wenn sie in großer Zahl kommen. Dennoch - wir sind verdammt noch mal moralisch dazu verpflichtet! Allein wegen unserer eigenen Geschichte, aber auch, weil wir doch immer so stolz sind auf unsere "westlichen Werte". Unser Wohlstand ist auch Ergebnis einer Ausbeutungskultur, westliche Politik ist nicht unschuldig an den entstandenen Krisen und Kriegen. Wir können nicht so tun, als ginge uns das alles nichts an. 
Flüchtlinge bringen natürlich auch Probleme mit. Kein Wunder angesichts dessen, was viele von ihnen mitgemacht haben und angesichts der Bedingungen, unter denen sie zurechtkommen müssen. Es ist eine gesellschaftliche Herausforderung, die wir nur mit gemeinsamer Anstrengung und gutem Willen meistern können. Aber dass wir Flüchtlingen helfen müssen, steht für mich außer Frage. 

Angst zu haben vor einer Kultur, einer Religion, die man nicht kennt und die man nicht versteht, und von der man immer wieder so viel Schreckliches hört - das ist eine Sache. Meiner Angst zu begegnen, indem ich mit Hass, Gewalt und Vorverurteilungen reagiere - ist eine völlig andere. Angst vor dem Unbekannten - das kann ich verstehen und nachvollziehen. Wie man verzweifelten Menschen, die so viel mitgemacht haben, aber mit Gewalt begegnen, ihre Unterkünfte in Brand stecken, sie bepöbeln - bepinkeln (!) und bedrohen kann - das entzieht sich absolut meinem Verständnis. Das ist auf keinen Fall das Deutschland, auf das irgendjemand stolz sein kann. Auf Schwächere loszugehen war schon immer ein Armutszeugnis - das galt schon im Kindergarten. Es zeugt nicht von Stärke, sondern von Schwäche. 

Immer wieder wird dann fein unterschieden in "echte Flüchtlinge" und "Wirtschaftsflüchtlinge", als ob das die Menschen in "gute" und "schlechte" Flüchtlinge scheiden würde. Würden wir anders handeln, wenn die Existenz derer, die wir lieben, bedroht ist? Und ich meine WIRKLICH bedroht - nicht vermeintlich. Vom Prinzip her spielt es da keine Rolle, ob sie nun von Hunger und Elend oder von Krieg und Verfolgung bedroht sind. In erster Linie sind alle Flüchtlinge erst einmal eines: Menschen in Not. Ob und wie sie bleiben können, wird ohnehin später entschieden. Aber egal, was ihre Beweggründe für eine Flucht sind, sie sind real existenzbedrohend. Einfach nur aus Jux und Dollerei macht sich wohl kaum jemand auf diesen gefährlichen Weg und verlässt alles, was er kennt.

Solange diese Menschen hier sind, sollten sie unseren besonderen Schutz und unsere Gastfreundschaft genießen. Das galt schon im Mittelalter und die Menschen waren nicht unbedingt für ihre Zartfühligkeit bekannt. Das hat auch nichts mit Rechtssein oder Linkssein zu tun. Das hat etwas mit Menschlichkeit zu tun. Wenn uns die verloren geht, dann gute Nacht!

Die Initiative #BloggerFuerFluechtlinge wurde von Paul Huizing, Karla Paul, Nico Lumma und Stevan Paul angeschoben. Blogger völlig verschiedener Themenbereiche schließen sich hier mit dem Ziel zusammen, gemeinsam Zeichen zu setzen gegen Fremdenhass und Rassismus. Und um gemeinsam Flüchtlingen zu helfen. Ursprünglich wurde der Aufruf als Spendenaktion für „Moabit hilft“ gestartet, inzwischen ist daraus eine bundesweite Bewegung geworden. Macht mit: Spendet Geld, fragt, wo und wie ihr in Eurer Stadt helfen könnt, sagt Eure Meinung unter dem Hashtag #BloggerFuerFluechtlinge. 

Kommentare:

  1. Danke, Doro, für diesen wunderbaren Text! Ich finde dieses Verhalten auch wirklich beänstigend, denn wie du richtig sagst, niemand verlässt unter solchen Umständen seine Heimat, weil er grad nix besseres zu tun hat. Diese Leute fliehen, weil sie Angst um ihre Existenz haben. Die Aktion finde ich super, aber man muss auch schauen, dass man sich vor Ort einsetzt.

    Liebe Grüße
    Ines

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    1. Ja. Und da gibt es ja sehr viele Möglichkeiten. Hier war die Bevölkerung sehr hilfsbereit. Es gab jede Menge Sach- und Zeitspenden.

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  2. Hey :)

    Ich finde es toll, dass es diese Aktion jetzt bei euch gibt! Und denke mir schon die ganze Zeit, warum niemand bei uns in Ö in der Lage ist, etwas Derartiges zu organisieren *seufz* ...

    LG Ascari

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  3. Einer der besten Texte, die ich seit langem dazu gelesen habe. Danke!

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