Sonntag, 27. September 2015

Sonntagsbrunch heute mit dem Autor Wolfgang Haupt.



Beim Sonntagsbrunch ist es hier ja meistens etwas frauenlastig, daher freue ich mich ganz besonders heute auch mal wieder einen männlichen Gast zu haben. Heute darf ich nämlich mit dem Krimi- und Thrillerautor Wolfgang Haupt, einem Kollegen bei Ullstein (Midnight byUllstein), brunchen.


Lieber Wolfgang, für alle Autoren gibt es zunächst die obligatorischen Brunch-Fragen:

Kaffee oder Tee? Kaffee, bitte.

Milch, Zucker, schwarz? Milch, kein Zucker.

Herzhaft oder süß? Herzhaft, dann süß.

Warm oder kalt? Kalt.

1.Du lebst und arbeitest in Salzburg. Ist das deine Heimatstadt oder Wahlheimat? Was macht für dich das Flair dieser Stadt aus?


Eine gute Frage. Salzburg ist meine Heimatstadt, beziehungsweise bin ich dort geboren. Ob ich so weit gehen würde, es als Heimat zu bezeichnen, weiß ich nicht. Heimat ist das, wo das Herz ist. Zumindest wird das behauptet. Da bin ich zwiegespalten. Einerseits ist Salzburg sicher eine der schönsten Städte Europas, andererseits ist es schwierig, hier zu leben. Speziell für die jungen Leute, Künstler, Familien. Weil das viele entdeckt haben, für die Geld kein Problem darstellt. Mich verlässt auch das Gefühl nicht, dass es kaum Platz für junge oder moderne Kultur gibt, beziehungsweise die städtische hauptsächlich monetär geprägt wird. Aber diese Leute wissen natürlich, wo es schön ist. Salzburg hat ein einzigartiges Flair, eine große barocke Innenstadt, die Stadtberge, ist von Natur umringt. Dazu bietet es alles, was eine Stadt braucht. Infrastruktur, Wirtschaft, eine relativ zentrale Lage in Europa. Doch es gibt Orte, die mich mehr reizen würden. Auch in Österreich.

2.Du bist literarisch kriminell und sogar Mitglied in einem Syndikat… müssen wir jetzt Angst vor dir haben? Magst du uns vielleicht ein bisschen etwas über "Das Syndikat" und dein Verhältnis zur literarischen Unterwelt erzählen?

"Das Syndikat" ist eine große, wenn nicht die größte Vereinigung deutschsprachiger Papiermörder. Da wollte ich dabei sein. Weil es vor allem eine Riesencommunity ist, in der man sich austauscht, Infos erhält über das Verlagswesen, Technisches, Rechtliches, etc ... Oft geht es darum, dass man jemand töten möchte und nicht weiß, ob sich das so ausgeht. Da finden recht konstruktive Diskussionen statt. Der Ton untereinander ist nett und hilfsbereit. Angst kann man haben, muss aber nicht, solange man die Machenschaften des Syndikats nicht durchkreuzt. :)

Bei über 600 Berufskillern sollte man vorsichtig sein. Weil so gut wie alle wissen, wie die Polizei arbeitet, wie man seine Tat am besten verschleiert.

Ich bin ja noch nicht lange dabei, aber nächstes Jahr werde ich die Criminale besuchen, unser Krimifest. Da geht es sicherlich heiß her. Da steht Mord an der Tagesordnung.

3.Wie ich auf deiner Homepage gesehen habe, bist du auch bei PoetrySlams anzutreffen. Wie würdest du das Erlebnis "PoetrySlam" beschreiben?

Die Mehrzahl ist unbegründet. Noch. Am 10. Oktober werde ich das erste Mal einsteigen. Ich kenn die Sache ja nur aus diversen Internetvideos, das hat mich aber gleich angesprochen. Auch weil ich gemerkt habe, dass Krimis und Thriller alleine nicht reichen. Es gibt einen Teil in mir, der sich äußern möchte zur Welt. Literarisch, satirisch. Meine Bücher sind zwar nicht bierernst, aber befriedigen den Hang zum Blödsinn nicht. Deswegen habe ich nach etwas anderem gesucht, ein Onlinesatiremagazin (www.dasblatt.at) gegründet und mich beim Poetryslam beworben. Nicht zuletzt, weil das eine Sprach- /Kunstform ist, die mich sofort in ihren Bann gezogen hat. Wo mich das hinführt, weiß ich noch nicht. Das ist aber eines der spannendsten Dinge am Schreiben.

4. Bei Midnight by Ullstein sind aus deiner Feder der Kriminalroman "Der algerische Hirte" und der Thriller "Salziges Blut" erschienen. Woher beziehst du die Ideen und die Inspiration zu deinen Geschichten?

Ehrlich: Ich habe keine Ahnung. Mir geht es in erster Linie um Themen historischer Natur. Ereignisse der Menschheitsgeschichte, mit denen ich mich beschäftigen möchte. Und fast alles, was Geschichte ist, hat mit Toten und Mördern zu tun. Ich folge den Themen und denke mir aus, wer dabei sterben könnte und warum. Beim Hirten war es eine Reportage über die Geschichte von Saint-Tropez. Da hatte ich das Flair, wo der Hirte stattfinden könnte. Der Algerienkrieg, der ganze Hintergrund haben sich dann ergeben. Das ist ein Stück Historie, das mich fasziniert. Bei "Salziges Blut" hat mir ein Freund eine Geschichte erzählt, die mich gleich gefesselt hat. Da habe ich mir gedacht: Das könnte der Kern eines Thrillers werden. Und das ist er auch.

Momentan verarbeite ich die Erfahrungen im Krankenhaus, wo mir im Laufe meines Arbeitslebens immer wieder jemand gesagt hat, ich solle das doch aufschreiben. Und dieses Mal mache ich es wirklich. Natürlich darf der Thriller dabei nicht zu kurz kommen. Ein Freund fragt mich fast jedes Mal, wenn ich abwesend wirke, ob ich gerade jemanden umbringe. Dann muss ich lachen und ihm recht geben.

5.Deiner Homepage entnehme ich, dass du gern Metal hörst und Motorrad fährst. Hand aufs Herz: ist man irgendwann zu alt fürs Motorrad oder träumst du davon, auch mit wehendem, weißem Bart noch durch die Welt zu knattern? Erzählst du uns ein bisschen von deiner Liebe zum Motorrad?

Laut den Zulassungsstatistiken bin ich eigentlich zu jung. Die größte Gruppe sind die 45-60jährigen. Da habe ich ja noch ein wenig Zeit. Die Sache mit dem wehenden weißen Bart hat tatsächlich was. Das gefällt mir jetzt schon, obwohl er noch Farbe hat.

Die Liebe zum Motorrad ist tatsächlich eine besondere. Ich bin ja ein spät Berufener, habe erst 2006 den Führerschein gemacht. Währenddessen habe ich die Diagnose Krebs bekommen und musste zur Therapie. Da war das Motorrad schon ein Trost. Jedes Mal, wenn es die Fitness zuließ, habe ich mich aufs Motorrad geschwungen und bin durch die Lande gefahren. Am Ende der Therapie war ich zwar pleite, aber irgendwie glücklich, etwas in meinem Leben gefunden zu haben, das mich ausfüllt. Zumindest für eine Zeit. Bis zu meinem schweren Unfall 2008. Das hat die Liebe ins Wanken gebracht, wenn auch nicht für lange Zeit. Heute bin ich einfach mit mehr Bedacht unterwegs, überlege mir zweimal, ob sich das auszahlt, einen Laster zu überholen oder die Kurve unbedingt so schnell zu nehmen. Mittlerweile habe ich zwei Motorräder. Eines für die Rennstrecke, damit ich mich dort austoben kann.

6. Bei welchem Buch würdest du dir wünschen, dass du es geschrieben hättest?

Eigentlich bei jedem, das mich hineinzieht, das ich nicht mehr weglegen kann. Da denke ich mir oft: Verdammt, warum hast du das nicht geschrieben, warum hast du nicht so tolle Ideen?

Aber beim Lesen kommen mir auch Ideen für die eigenen Sachen, das muss ich dann analysieren, was den Roman so genial macht. Das will ich dann auch. :)

7. Was ist für dich das Schönste am Schreiben?

Der Zustand der Innerlichkeit. Die Absenz der Welt. Wenn mich mein eigener Text so antreibt, dass ich wissen muss, wie es weitergeht, was meine Figuren als nächstes tun. Auch die Komplexität eines Romanprojektes. Da ist man vom Anfang bis zum Ende gefordert, muss immer wieder überdenken, ob das so bleiben kann, wie es besser sein könnte.

Die Gedankenspirale, die mich erst entlässt, wenn es bei einem Verlag liegt, der es für ausreichend hält. Und es dann zu schleifen wie einen Diamanten und dann zu hoffen, ob es den Lesern auch noch gefällt. (Ein Lügner, wer im nächsten Schritt nicht an Verkaufszahlen denkt.)

8. Was ist für dich die größte Schwierigkeit beim Schreiben?

Der Anfang. Mich aufzuraffen für neue Projekte. Das hat mich heuer ganz stark getroffen. Kurz vor Ende von "Salziges Blut" hatte ich das Gefühl, dass ich nie wieder ein Buch schreiben könnte, weil mir die Ideen ausgingen, beziehungsweise, die ich hatte, nicht gut genug seien. Dann habe ich eine lange Pause gemacht, irgendwann einfach angefangen und mittendrin kam mir dann die Idee für mein nächstes Projekt, dem ich jetzt schon Bestsellerqualitäten attestiert habe. :)

9. Passiert es dir, dass sich Charaktere auch schon einmal verselbstständigen und Dinge tun, die du so gar nicht geplant hattest?


Natürlich. Ich sage Ihnen dann, dass ich Sie erschießen werde, wenn Sie nicht folgen. Aber diese Typen haben nur das Eine im Sinn: Ein guter Roman zu werden.

10. Trifft dich Kritik? Wie gehst du damit um?

Klar trifft mich Kritik. Mittlerweile aber hauptsächlich im Kopf und nicht mehr im Herzen. Weil es Leute gibt, die ich erreiche, meine Fans zwar nicht so viele, aber tolle sind. Wenn jemand eine schlechte Kritik abgibt, die hilfreich für mich ist, bin ich froh darüber. Bei "Salziges Blut" habe ich wieder etwas gelernt: Wenn du dich fragst, ob du es noch tun sollst, mach es! Alles mit einem Fragezeichen erkennt der Leser auch als solches. Und das kann niemals im Sinn des Autors sein. Konkret: Ich hatte überlegt, ob ich die serbischen Sätze (manche sind es ja) übersetzen sollte, sogar meinen Lektor gefragt und es dann gelassen. Heraus kam etwas, das man nicht will. Als elitär und überheblich zu wirken, weil man den Leser im Regen stehen lässt. Das ist jetzt natürlich überzeichnet, die Leute haben es nett formuliert, aber das hätte mich genauso gestört. Das Gegenteil wird zwar öfter praktiziert, erzielt aber dasselbe Ergebnis. In der Printausgabe wird es das Problem nicht mehr geben.

Positive Kritik freut mich natürlich. Wie jeden. Aber es ist die negative Kritik, die einen weiterbringt.

Ich danke dir, lieber Wolfgang, dass du dich meinen Brunch-Fragen gestellt hast und wünsche dir weiterhin gute Ideen, viel Erfolg und immer so viel Freude am Schreiben, wie du sie jetzt hast!

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