Samstag, 5. September 2015

Mama blökt … nee … bloggt. #4


Was ist eigentlich mit dem Feminismus passiert?

Gibt es ihn noch? Ich bin bekanntlich Mutter einer Tochter und eines Sohnes. Ich versuche beide möglichst gender-neutral zu erziehen. Trotzdem zeigen sie schon Verhaltensweisen, die man als geschlechtertypisch bezeichnen könnte. Meine Tochter hat besser und schneller sprechen gelernt, sie geht mehr auf Gefühle ein, mag Puppen und hat sich in Bilderbüchern immer mehr für die Leute und für Tiere interessiert als für Baumaschinen oder Fahrzeuge. Mein Sohn mag Autos, Dinos und Baumaschinen. Aber nicht ausschließlich. Meine Tochter ist genauso laut und rabiat, tobt gern, spielt lieber (und auch besser) Fußball als mein Sohn und kann mit 2 Jahren schon wesentlich besser Puzzle lösen und zählen als mein Sohn in dem Alter, was (angeblich) auf eine mathematische Begabung hinweisen soll. Dafür hat mein Sohn auch eine Puppe, die er lange Zeit immer mit herumgeschleppt hat. Er spielt gern in der Spielküche, schaut mir beim Kochen und Backen zu und hilft mir dabei. Sie haben eben ihre Interessen und Begabungen - und trotz gewisser Tendenzen passen sie längst nicht alle in die Geschlechterklischees. 


Viel simpler sehen das allerdings die Spielzeug- und Bekleidungs-Hersteller. Da gibt es ganz klare Lager. Mädchen = rosa Feen-Prinzessinnen-Pony-Glitzerkram - Jungen = Rennauto-Dino-Piraten-StarWars-Kram in gedeckten Farben. Und dazwischen gibt es herzlich wenig. Mal davon ab, dass es in der Mädchenabteilung von Klamotten für die ambitionierte Professionelle von morgen nur so wimmelt - knapp, knapper am knappesten und natürlich hauteng. Oder eben rosa Rüschen-Glitzer-Kleidchen - am besten auch noch Schuhe mit etwas Absatz. Ich gebe zu, ich mag Rosa und Pastellfarben sogar und sehe meine Tochter auch gern im Kleid. Aber das sind bequeme und robuste Jeans-, Jersey- oder Frotteekleider, die mit Leggings getragen werden, und mit denen man trotzdem auf jeden Baum raufkommen würde. Ab und zu etwas Rüschiges und Niedliches - okay. Aber NUR??? Es scheint überhaupt nichts mehr dazwischen zu geben. Scheint bloß leider kaum jemanden zu stören. Denn es gäbe nicht so ein Angebot, wenn es nicht die dementsprechende Nachfrage gäbe. 

Mädchen sollen sich in erster Linie um ihr Aussehen kümmern, möglichst dünn bleiben/werden und ihre höchsten Ambitionen sind Prinzessin, Model, Schauspielerin oder vielleicht noch Popstar. Das setzt sich dann auch in der Literatur fort. Auch da packt mich ein ums andere Mal das Grausen. Was sind denn das für Rollenbilder? 

Aber auch erwachsene Frauen sind da nicht besser. Millionen Frauen wünschen sich einen Mr Grey. Also einen superreichen, total emotional verkorksten Typ, der sie stalkt, ihnen Vorschriften macht, die totale Kontrolle über die Beziehung hat und erwartet, dass sie sich vollkommen seinen sexuellen Vorlieben anpasst. Ich weiß, ich mache mir wenig Freunde, aber "Shades of Grey" war wirklich das Schlechteste, was ich seit Langem gelesen - oder sagen wir angelesen - habe, denn ich habe es nach ca. 150 Seiten abbrechen müssen. Nicht nur wegen des unglaublich schlechten Schreibstils, sondern, weil ich mich einfach von vorn bis hinten über diese weibliche Protagonistin aufgeregt habe. Unbedarft, naiv, passiv, ohne auch nur ein Fünkchen Selbstbewusstsein. Nee … die ging für mich gar nicht. Und wenn ich mich dann in meinen feministischen Ingrimm versteige, stoße ich oft auf Unverständnis. Nicht von Männern - damit wäre ja zu rechnen. Nein, aus den eigenen Reihen! Frauen, die um Gottes Willen alles sein wollen, aber keine "Emanze!". Feminismus? Brauchen wir doch heute gar nicht mehr. Oft genug höre ich auch den Vorwurf, dass inzwischen die Emanzipation so weit fortgeschritten ist, dass die armen unterdrückten Männer nun Schwierigkeiten haben, ihre Rolle in der Gesellschaft zu finden mit all diesen starken Frauen um sie herum. 

Da frage ich mich: ist das so? Hat der Feminismus ausgedient? 

Gut, vergessen wir mal, den Gender Paygap (also, die Tatsache, dass Frauen bei gleicher Qualifikation im gleichen Beruf immer noch wesentlich weniger verdienen) und die nach wie vor ziemlich subobtimale Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Kehren wir mal unter den Teppich, dass trotz Berufstätigkeit beider Partner es in den allermeisten Familien immer noch bei der klassischen Rollenverteilung bleibt, was Haushalt, Kindererziehung und vor allem Pflege von Angehörigen angeht. Ignorieren wir mal, dass viele Frauen sich ohne Parter von den Früchten ihrer Arbeit gar nicht selbst durchbringen könnten - geschweige denn eine Familie und dass (danke Gender Paygap) es meistens immer noch die Frauen sind, die wegen Kindern auf Teilzeit reduzieren. Denken wir also mal nicht an die viele gesellschaftliche Arbeit, die Frauen entweder völlig unentgeltlich oder bei vollkommen unzureichender Bezahlung leisten. Lassen wir auch mal Dinge wie sexuelle Ausbeutung der Frau oder (häusliche Gewalt) gegen Frauen außer Acht. Nehmen wir also einfach mal an, wir hätten eine tatsächliche echte Gleichberechtigung. Hier. Bei uns. Seit so ungefähr 30 Jahren. - Nach wie vielen Jahrhunderten der männlichen Dominanz? Also seit ungefähr 30 Jahren haben wir in Ansätzen so etwas ähnliches wie Gleichberechtigung in einem winzigen Bruchteil der Staaten auf dieser Welt. Super! Klassenziel mehr als erreicht - jetzt reicht es auch mal wieder mit dem Feminismus. Ist ja nur was für alte, hässliche Trockenpflaumen, die eh keinen abkriegen. Klar, dass die dann verbittert sind und wettern. Müssten vielleicht mal ordentlich ge… ach, ihr wisst schon. 

Tja. Und da stehe ich dann mit über 40, ich Moppel und habe außer meiner Intelligenz und meiner Leistungen natürlich wenig gegen das alte Totschlag-Argument aufzubieten: die ist ja nur so ne Emanze, weil sie alt und hässlich ist. Und da frage ich mich: wo sind sie denn, die jungen Frauen, die dem Paroli bieten könnten? Auf der Suche nach ihrem Mr Grey? 

Mädels, Feminismus hat noch lange nicht ausgedient! Es gibt noch viel, das wir erreichen können und müssen. Und dabei spricht überhaupt nichts dagegen, sich auch mal hemmungslos ins Klischee zu werfen mit rosa Glitzer, Prinzessinnenkrönchen und High Heels - solange sich unsere Ambitionen nicht darin erschöpfen, möglichst attraktiv zu sein. Feminismus ist nicht unweiblich! Lasst euch das bloß nicht einreden. Und ein Mann, der mit einer wirklich gleichberechtigten Partnerin nicht klarkäme - mal ehrlich - was wollt ihr denn mit dem??? 

Kommentare:

  1. JA und danke, danke, danke, dass du das in so wunderbar treffende Worte fasst! Ich kriege das Kotzen, wenn ich von Frauen höre, dass sie mit Feminismus nix am Hut haben. Und wenn Männer rumjammern, dass sie gar nicht mehr wissen, wie sie sich heutzutage als Mann verhalten sollen. Zum Glück gibt es auch bei jungen Frauen Gegenbeispiele, wie Emma Watson, die sich sehr für den Feminismus engagiert.

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    1. Dich zähl ich aber noch zu den jungen Frauen. :-) Es gibt sie also.

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  2. Großartiger Artikel! Ich glaube, wir alle suchen unbewusst nach einer Schublade, in die wir passen. Aber eigentlich ist es nicht wichtig, eine vorgegebene Rolle zu spielen. Es geht darum, die eigenen Träume zu verwirklichen und keine Geschlechtergrenzen zu akzeptieren!
    LG Bettina

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