Sonntag, 24. Januar 2016

Amors Marmor … oder das Problem mit der Anatomie


Eigentlich halte ich mich für sehr sprachgewandt, doch bisweilen fehlen auch mir die Worte. Nämlich immer dann, wenn ich eine erotische Szene in deutscher Sprache verfassen möchte. Wie schon "Joint Venture" in ihrer musikalischen Verarbeitung dieses deutschen Eloquenzproblems feststellten: "Es gibt kein gutes deutsches Wort für das zwischen den Beinen." 




Was für das männliche Geschlecht schon ein Problem ist, tritt für das weibliche noch viel deutlicher zutage. Alle Begriffe klingen entweder steril medizinisch oder vulgär.

Außerdem fehlt dem Deutschen die Möglichkeit der Umschreibung. Jedenfalls, wenn man nicht in übelste Nackenbeißer-Klischees verfallen und auf Wörter wie "Lustgrotte", "Jadestab", "Liebesäpfel" oder "Lustspeer" zurückgreifen möchte. 

Ich habe allerdings nicht nur als Autorin ein Problem mit dieser anatomischen Sprachlosigkeit. Mich stört sie auch als Leserin. Allzu explizite erotische Szenen finde ich nicht selten zum Fremdschämen - einfach wegen des Vokabulars, das eben entweder zu medizinisch, zu vulgär oder albern blumig daherkommt. Die deutsche Sprache macht es wirklich schwer, gute erotische Szenen zu schreiben. Die Begriffe "Fotze" oder "Möse" sind für mich allein vom Klang her schon meistens ein ziemlich sicherer Lustkiller.

Hier möchte ich kurz umreißen, wie ich das Problem für mich löse. Damit erhebe ich absolut keinen Anspruch auf die perfekte Lösung, sondern möchte nur Anregungen geben. Außerdem schreibe ich Liebesromane, in denen die Erotik nicht den Hauptfokus bildet. Bei primär erotischer Literatur halte ich nur Tipp 1, Tipp 2 und Tipp 3 in Kombination für geeignet. 

Meine Top 5 Tipps für erotische Szenen

1. Mehr Gefühle, weniger Turnstunde

Wenn es nicht wirklich wichtig ist, in welcher Stellung die Charaktere ihrem Höhepunkt zustreben, konzentriere ich mich eher auf das innere Erleben und die Gefühle der Figuren als auf detaillierte Darstellungen der Stellung oder Haltung. Wenn ich erotische Szenen lese, die allzu genau beschreiben, wer wo seine Hand/seinen Arm/sein Bein (oder auch andere Teile der Anatomie) hat, klingt es schnell wie ein Yoga-Handbuch. Als Leserin versuche ich mir dann immer vorzustellen, wie das aussieht und nicht selten habe ich dann ein Bild von Menschen mit überlangen Armen oder Gummiknochen. 

2. Die Kunst des Nichtsagens

Ich vermeide in meinen erotischen Szenen die explizite Nennung von (primären) Geschlechtsteilen. In der letzten Sex-Szene, die ich geschrieben habe, fällt lediglich einmal das Wort "Brüste". Ich persönlich brauche keine detaillierte Beschreibung der Geschlechtsteile, die killt unter Umständen eher mein Kopfkino als dass sie es anregt.

3. Der erotische "Serviervorschlag"

Kennt ihr das? Ihr habt etwas eingekauft und auf der Verpackung sieht es so richtig lecker und appetitlich aus und euch läuft das Wasser im Mund zusammen. Wenn ihr dann aber die Packung öffnet, sieht es aus, wie ein Fertiggericht nun mal realistisch betrachtet aussieht. Auf der Packung steht dann "Serviervorschlag", denn abgebildet ist nur, wie das Gericht theoretisch aussehen könnte. 
Übertragen auf Erotik ist es oft so, dass die Vorstellung dessen, wie es sein wird, mit einer bestimmten Person Horizontalakrobatik zu betreiben, oft besser ist, als die Realität. Einfach, weil es in der Phantasie keinen Kampf mit widerspenstigen Kleidungsstücken, überzähligen Gliedmaßen, hektischer Suche nach Kondomen und ähnliche Profanitäten gibt.
Man kann in erotischen Szenen also auch mit der Vorstellung und Erwartung der Figuren arbeiten. Mit dem, was sie sich ausmalen, wie es sein wird und die tatsächlichen Handlungen relativ vage und kurz halten.


4. Literarischer Coitus Interruptus

Ich habe mal etwas über "Pornos für Frauen" gelesen. Da hieß es, dass es für Frauen viel mehr auf das Setting ankommt als auf den tatsächlichen Akt. Frauen fantasieren eher über die Situation und den Kontext, der dann zur Action führt. Männer reagieren eher auf optische Schlüsselreize, Frauen eher auf "Geschichten" - zumindest scheint das die gängige Tendenz zu sein. 
Dementsprechend ist der langsame Aufbau der erotischen Spannung wichtiger als der tatsächliche Akt. Manchmal kann man also auch an einer Stelle abbrechen, an der dann die Fantasie des Lesers bzw. der Leserin die Leerstelle füllt. Natürlich darf das nicht abrupt geschehen. Inetwa funktioniert das wie bei einer amerikanischen Fernsehserie, in der die Sex-Szene eingeleitet wird, dann der Mittelteil ausgeblendet und hinterher liegen beide verschwitzt nebeneinander im Bett. Wenn die Hinleitung entsprechend gut gemacht ist, braucht man den eigentlichen Akt dann auch nicht mehr und das Kopfkino übernimmt.

5. Humor

Diese Lösung muss wohldosiert verwendet werden. Ich verwende manchmal Humor, um einer erotischen Szene den Porno-Anstrich zu nehmen. Ein bisschen humorvolles Geplänkel zwischen den Hauptfiguren oder ein kleinerer Unfall (von der Couch fallen, mit einer Socke oder Strumpfhose kämpfen). Das erhöht den Realismus und kann helfen zu verhindern, dass es zu vulgär wird. Allerdings sollte man aufpassen, dass es nicht in Slapstick ausartet oder die erotische Spannung durch Albernheit gekillt wird. 

Im Anschluss hier noch ein kleiner Auszug aus "Einmal, keinmal, immer wieder". Es handelt sich um eine erotische Szene zwischen den Hauptfiguren. Da habe ich mit einer Mischung aus literarischem Coitus Interruptus und Humor gearbeitet, und die Erotik steht hier auch nicht so im Vordergrund. 



Eine Hand löste sich von ihrer Wange, kroch hinten unter ihr T-Shirt und hakte ihren BH auf, während seine Lippen ihre zu einem leidenschaftlichen Kuss suchten. 

„Die Kinder schlafen …“ 
Christian platzierte einen sanften Kuss auf Connys Unterlippe. 
„Wir haben Wein …“ 
Spielerisch zupften seine Lippen an ihrer Unterlippe während seine warme Hand ihre Brust umschloss und zärtlich streichelte. „Kerzenlicht …“ 
Christians Lippen wanderten zu Connys Hals. Sein Atem streifte ihr Ohr. 
„Das Bild von dir in deiner sexy Unterwäsche und diesen heißen Strümpfen hat sich unauslöschlich in mein Gedächtnis gebrannt.“ 
Er sprach leise und mit tiefer Stimme, so nah an Connys Ohr, dass es kitzelte. Eine Gänsehaut lief über ihren Körper. 
„Und ich bin bestens ausgeruht.“ 
Christian knabberte behutsam an Connys Ohr und ließ seinen Daumen über ihre Brust kreisen. Er streifte Connys Shirt über den Kopf und begann, sie zu streicheln, während er sie unentwegt ansah. Seine Hände fuhren langsam über ihre Haut, und sein Blick folgte ihnen und sog gierig den Anblick ihrer weiblichen Kurven auf. Conny hatte das Gefühl, ihn auf ihrer Haut spüren zu können. Ihr Ausbruch kam ihr plötzlich wieder albern vor. Wie konnte sie sich bei diesem Blick irgendetwas anderes als begehrt fühlen?
„Vielleicht sollten wir ins Schlafzimmer gehen?“, flüsterte Conny. „Die Kinder …“
„Das ist viel zu weit!“ 
Christian stand auf, angelte nach dem Schlüssel, den Conny sicherheitshalber oben auf dem Türstock aufbewahrte, und schloss die Tür ab. Er grinste Conny frech über die Schulter an. „Wollen wir doch mal sehen, was dein Mobiliar so alles aushält.“
Conny gähnte und streckte sich. Sie löste sich vorsichtig aus Christians Umarmung und ließ seinen Arm langsam zurück auf den Teppich sinken. Die Knie angezogen, blieb sie noch eine Weile sitzen und betrachtete ihn, wie er so nackt vor ihr lag und langsam wegdämmerte. Der Brustkorb hob und senkte sich in einem langsamen, stetigen Rhythmus. Vorsichtig ließ Conny ihre Finger über sein spärliches Brusthaar gleiten. Christian hatte einen Arm unter seinen Kopf gelegt, von dem die verschwitzten Haare wirr in alle Richtungen abstanden. Conny schmeckte noch das Salz auf ihren Lippen und spürte dem Gefühl seiner Hände auf ihrer Haut nach. Sie schloss die Augen und genoss noch einen Augenblick lang die Erinnerung an ihr Liebesspiel, seinen Geruch, seinen Geschmack, ihre verschlungenen, erhitzten Körper. Conny atmete noch einmal tief ein. Dann öffnete sie die Augen und rappelte sich hoch. 
Christian gab einen zufriedenen Schmatzlaut von sich und wälzte sich auf die Seite. Conny holte die Wolldecke vom Sessel und deckte sie vorsichtig über ihn. Sie wollte ihm noch eine Weile Ruhe gönnen, bevor sie ihn weckte, um ins Schlafzimmer umzuziehen. Lächelnd sammelte sie ihre verstreuten Kleidungsstücke auf und legte sie auf dem Sessel zusammen. 
Sie musste sich auf die Zehenspitzen stellen und mit der Fernbedienung nach ihrem Höschen angeln, das wie ein bunter Wimpel an der Wohnzimmerlampe baumelte. 
Sie unterdrückte ein Kichern, als sie daran dachte, wie Christian es ihr ohne Zuhilfenahme der Hände, nur mit seinen Zähnen ausgezogen, wie eine Trophäe über seinen Kopf gewirbelt und dann fortgeschleudert hatte.
Ich bin sehr gespannt: Wie geht es euch als Lesern und Leserinnen mit erotischen Szenen? Wie explizit sollten sie sein und was ist mit dem Vokabular? Sind manche Begriffe für euch auch Lustkiller?
Und wenn ihr der schreibenden Zunft angehört: wie geht ihr damit um? 

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