Freitag, 19. Februar 2016

Heute auf der Soapbox: Margot S. Baumann mit "Band des Schweigens"


Meine Rubrik "Soapbox" soll Indie-Autoren, Self-Publishern und Ebook-only Autoren eine Plattform bieten, sich den Lesern zu präsentieren. Die Idee dazu habe ich mir von der Tradition der "Soapbox Speeches" geliehen. Man steigt einfach auf eine Kiste und hält eine Rede über das, was einem am Herzen liegt. Hier klettern die Autoren selbst auf die Kiste und stellen ihr Buch in ihren eigenen Worten vor. Ich mische mich nicht ein. In etwa 500 Wörtern dürfen sie euch Lesern hier ihr Werk vorstellen und schmackhaft machen. Wer sein Buch hier vorstellen möchte, kann mich gerne kontaktieren.

Heute erklimmt die Soapbox die Autorin Margot S. Baumann und stellt uns ihr Buch "Band des Schweigens" vor. 


Margot S. Baumann: "Band des Schweigens - John A. Fortunes 1. Fall"

John Achilles Fortune, der gut aussehende Londoner Anwalt, erhält seinen ersten eigenen Fall. Er wird beauftragt, mögliche Nachkommen der betuchten Eleanor Cavendish zu finden. Was zuerst nach reiner Routine aussieht, entwickelt sich bald zu einem mysteriösen Verwirrspiel. Denn die alte Lady umgab ein Geheimnis. Wieso unterhielt sie ein leeres Grab auf einem Londoner Friedhof? Und wer sind die beiden Mädchen auf dem Foto, das er in einem Versteck findet? 
Die Spur führt ins wildromantische Cornwall, wo er die attraktive Alice Ponsomby Pane trifft. Ist sie womöglich eine legitime Nachfahrin seiner verstorbenen Klientin? Oder hat sie es nur auf deren Vermögen abgesehen? Und wieso fühlt er auf einmal so ein seltsames Kribbeln in ihrer Gegenwart? Er wird sich doch nicht etwa in eine potentielle Erbin verliebt haben! 

John ist hin- und hergerissen zwischen Sympathie und Professionalität. Wird er den Dschungel aus Lügen, Intrigen und vertuschten Familiengeheimnissen, die bis in den Zweiten Weltkrieg zurückführen, durchdringen können? 

Textprobe: 
(Auszug aus Kapitel 1)

John Fortune schauderte. Ein eiskalter Regentropfen fand den Weg zwischen Hemdkragen und Jacke und lief langsam an seinem Hals hinunter. Er unterdrückte den Drang, sich wie ein Hund zu schütteln. Nicht, dass sich irgendjemand an diesem Gebaren gestört hätte, denn außer ihm und dem Priester befanden sich bloß noch zwei Menschen auf dem Brompton Friedhof im südwestlichen Teil Londons und die starrten beide zu Boden. Doch die Beisetzung von Eleanor Constance Cavendish verlangte ein gewisses Maß an Haltung, deshalb zog er lediglich eine Schulter hoch. Der März war in diesem Jahr selbst für Londoner Verhältnisse zu nass. Seit Wochen hatten die Hauptstädter die Sonne nicht mehr gesehen, als würde sie ihnen zürnen.

   John warf einen Blick in den grauen, mit dunklen Wattewolken gespickten Himmel hinauf und konzentrierte sich dann wieder auf die beiden älteren Leute, die mit angemessener Trauermiene dem Begräbnisgottesdienst folgten. Hatten sie die Tote gekannt?

   Im Gegensatz zu seinen Kollegen in der Anwaltsfirma McDermott & Hobbs brauchte er weder ein Diktiergerät noch ein Notizbuch für seine Nachforschungen. Sein Gedächtnis war seit frühester Kindheit dazu in der Lage, alles Gesehene, Gesprochene und Gehörte aufzuzeichnen, als hätte er eine Festplatte mit unbegrenzter Speicherkapazität im Kopf. Seit einem halben Jahr arbeitete er jetzt in der renommierten Kanzlei, die sich auf „einsam Gestorbene“ spezialisiert hatte. Das Londoner Nachlassgericht beauftragte seine Firma, jeweils Namen und Adresse von etwaigen Verwandten dieser Personen ausfindig zu machen, damit ihnen ihr Erbe ausbezahlt werden konnte. Dies war sein erster eigener Fall und sein Ehrgeiz ging dahin, ihn so schnell wie möglich zu lösen. Bei McDermott & Hobbs musste sich jeder Angestellte bewähren. Je effizienter einer seine Fälle löste, desto eher wurde er europaweit, oder, für die ganz cleveren, weltweit eingesetzt. Für ihn als Anfänger hieß das, sich die Sporen zuerst in England und Schottland zu verdienen. Mit viel Glück wäre vielleicht auch noch Irland im Kreis des Möglichen.

   Ein asthmatisches Husten riss ihn aus seinen Gedanken. Der ältere Mann, der ihm schräg gegenüberstand, zog ein Taschentuch aus seiner verbeulten Hosentasche und spuckte hinein.

   Ob dieser Herr tatsächlich mit Eleanor Cavendish verwandt war? Er wusste noch nicht viel über seine verstorbene Klientin, aber dieses pompöse Marmormausoleum auf einem der berühmtesten Londoner Friedhöfe schien so gar nicht zu der traurigen Gestalt ihm gegenüber zu passen. Ebenso konnte er sich nicht vorstellen, dass die ältere Frau mit dem fadenscheinigen Dutt aus graublonden Strähnen und dem fleckigen Regenmantel an seiner Seite ins private Umfeld seiner verstorbenen Klientin gehörte. Doch er hatte in seiner kurzen Laufbahn bei McDermott & Hobbs bereits gelernt, dass es wenig ratsam war, sich nach Äußerlichkeiten zu richten. Oftmals kamen Goldschätze zum Vorschein, wenn man nur ein wenig an der rußigen Oberfläche kratzte. Aber eines war auf alle Fälle sicher: Wer immer Miss Cavendishs Vermögen erbte, hatte für lange Zeit ausgesorgt.

  Der Priester sprach die letzten Worte und schlug das Kreuz. Die beiden älteren Herrschaften traten ans offene Mausoleum, in dessen Inneren sich der Sarg von Miss Cavendish befand. Er ruhte auf einem Messinggestell und würde nach der Begräbnisfeier in eine dafür vorhergesehene Nische eingelassen werden. Das Paar verharrte einen Moment vor der offenen Grabstätte, murmelte ein paar Worte und drehte sich dann um.
  
 John sah währenddessen dem davoneilenden Geistlichen nach. Offensichtlich lockte diesen der Neunuhrtee. Er beneidete ihn darum. Heute Morgen war er ohne Frühstück aus dem Haus gestürzt, weil er letzte Nacht bis zwei Uhr gelesen und deswegen verschlafen hatte. Demzufolge knurrte sein Magen schon seit einer Weile und für eine Tasse Tee hätte er seinen linken Arm geopfert.
  
 Er bekreuzigte sich ebenfalls und ging dem älteren Paar hinterher, das soeben durch das schmiedeeiserne Tor den Friedhof verließ. Er räusperte sich und die beiden drehten sich um.

   „Entschuldigen Sie bitte“, begann er, „mein Name ist John Fortune. Ich arbeite bei McDermott & Hobbs und würde gern in Erfahrung bringen, ob Sie mit Miss Cavendish verwandt waren.“ Er strich sich das regenfeuchte Haar aus der Stirn und bedauerte, dass Männerhüte nicht mehr in Mode waren.

   Die beiden älteren Leute sahen sich einen Moment verblüfft an und brachen dann in Gelächter aus.
   John blickte betreten zu Boden. Er war zwar nicht sehr religiös, trotzdem erschien es ihm unsensibel, nach einem Begräbnis in solche Heiterkeit auszubrechen.

  „Gloria“, begann der Mann und zog abermals sein Taschentuch hervor, mit dem er sich die tränenden Augen abwischte.  

 „Hast du gehört? Wir sollen mit der Toten verwandt sein.“ Die Frau gluckste und nestelte dabei an ihrem Dutt herum. Der alte Mann schüttelte lachend den Kopf, klopfte John auf die Schulter, als hätte dieser den Witz des Tages vorgetragen und bot dann der Frau an seiner Seite den Arm. „Mylady, wenn Sie mich bitte begleiten möchten? Ein Tässchen Tee kann jetzt sicher nicht schaden.“
  
 Die duttbehaftete Frau gluckste abermals, griff geziert nach dem Arm des Mannes und flötete: „Aber Mylord, wie können Sie mich so bedrängen, Sie Schwerenöter!“
  
 Dann drehten sich die beiden immer noch kichernd um und ließen den verdutzten John einfach stehen.




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