Sonntag, 20. März 2016

Sonntagsbrunch mit der Autorin Maria Knissel


Als Brunchgast begrüße ich an diesem Sonntag die Autorin Maria Knissel aus Kassel. 2007 veröffentlichte Maria Knissel ihren ersten Roman "Der Klarinettist", 2012 und 2015 folgten die Romane „Drei Worte auf einmal“ und „Spring!“ Für ihre Arbeit erhielt sie mehrfach Stipendien des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst.
Ich freue mich darauf, mit ihr über ihr Schreiben und vor allem ihren neuesten Roman "Spring!" plaudern zu dürfen.





Liebe Maria, für alle Autoren gibt es zunächst die obligatorischen Brunch-Fragen:

Kaffee oder Tee?
Kaffee.

Milch, Zucker, schwarz?
Schwarz.

Herzhaft oder süß?
Gern beides.

Warm oder kalt?
Es ist kalt draußen. Lieber warm.


1. Deine Autorenvita verrät, dass du viel herumgekommen bist in der Welt. Du hast unter anderem Zeit in Berlin, Kalifornien, Norwegen und Indien verbracht. Wo hat es dir am besten gefallen und warum?

Alle Orte haben ihre spezielle Schönheit: in Kalifornien waren es das Meer und die Wärme, in Norwegen die unglaublich schöne Landschaft und die hellen Nächte, in Indien die Farben, Gerüche und Geräusche, die so anders sind als hier. Doch trotz aller wunderbarer Erfahrungen: Am besten gefällt es mir in Deutschland. In der Ferne habe ich die Heimat schätzen gelernt: den Wechsel der Jahreszeiten, die lockere Ernsthaftigkeit, mit der wir Dinge hier angehen, Freunde auf ein Bier in der Kneipe treffen … Das sind keine Selbstverständlichkeiten.


2. Deine Romane befassen sich eher mit ernsten Lebensthemen. Ist es dir wichtig, immer eine relevante Message zu haben oder kannst du dir vorstellen auch leichtere Muse zu schreiben?

Ich möchte vor allem eine gute – und ja: auch relevante – Geschichte schreiben. Sobald ich beginne zu schreiben, wird es ernst, das ist einfach so. Trotzdem sind „spannend“ und „berührend“ die häufigsten Rückmeldungen, die ich von meinen Leserinnen und Lesern bekomme. Genau daran arbeite ich übrigens auch sehr: dass meine Bücher bei aller Ernsthaftigkeit leicht zu lesen sind.


3. Dein neuester Roman "Spring!" befasst sich mit der Welt des Spitzensports und dem Leistungsdruck, unter dem junge Athletinnen und Athleten stehen. Bist du selbst sportlich ehrgeizig?

Sportlich schon ein bisschen, ehrgeizig bin ich im Sport aber überhaupt nicht. Ich gehe oft joggen, aber wenn mich jemand fragt, wie weit und wie schnell, kann ich keine Antwort geben. Dieses ewige Messen, das ich bei so vielen Menschen beobachte, wenn sie Sport treiben – Zeiten und Entfernungen und sich mit sich selbst messen und sich mit Anderen messen – ist mir fremd. Gerade deshalb wollte ich wissen, was es mit einem Mädchen, einer Frau macht, die schon früh in ein System gerät, in dem es stets nur um den nächsten Wettkampf und den nächsten Sieg geht.


4. Noch zwanzig Jahre später quält sich deine Hauptfigur Angelika mit ihrem Scheitern und der Frage, warum sie im entscheidenden Augenblick versagte. Kann man Scheitern lernen?

Eine interessante Frage! Ich denke, dass man Scheitern lernen kann und sogar muss. Scheitern gibt uns die Chance, unsere Prioritäten neu zu ordnen. Jemand, dem immer alles gelingt, kann sich ewig in seinem eigenen kleinen Weltbild bewegen. Jemand, der scheitert, muss sich neu sortieren und kann daran wachsen und vielleicht auch den wichtigen Dingen des Lebens näher kommen. In „Spring!“ ist Angelikas Scheitern letztendlich ein Schritt in die Selbstbestimmung und die innere Freiheit. Das versteht sie aber erst, als sie endlich wagt, sich dem Moment ihres großen Versagens zu stellen, den sie tief im Inneren vergraben hat.

5. Wie würdest du damit umgehen, wenn dein Kind davon träumen würde, Leistungssportler/in zu werden?

Solange das Kind intrinsisch, also aus sich selbst heraus, motiviert ist, würde ich mich ihm nicht in den Weg stellen. Aber sobald es nur noch ums Siegen und Medaillen ginge oder gar darum, dem Trainer oder der Trainerin zu gefallen, würde ich dagegenhalten, und zwar vehement.


6. Bei welchem Buch würdest du dir wünschen, dass du es geschrieben hättest?

„Atemschaukel“ von Herta Müller. Du siehst, ich bin unverbesserlich, was die ernsten Stoffe angeht.


7. Was ist für dich das Schönste am Schreiben?

Wenn mir sprachlich etwas wirklich gut gelingt.


8. Was ist für dich die größte Schwierigkeit beim Schreiben?

Die Komplexität der Dinge auf meine Geschichte herunterzubrechen.


9. Passiert es dir, dass sich Charaktere auch schon einmal verselbstständigen und Dinge tun, die du so gar nicht geplant hattest?

Allerdings! Und davon lasse ich mich beim Schreiben auch durchaus leiten, denn oft ist das der Moment, in dem ich das Gefühl habe, den Dingen wirklich auf den Grund zu gehen: Wenn meine Figuren sich verselbständigen, spricht ja mein Unterbewusstsein.

10. Trifft dich Kritik? Wie gehst du damit um?

Ich war über zehn Jahre Mitglied der Darmstädter Textwerkstatt unter der Leitung von Kurt Drawert und Martina Weber, wo wir jeden Monat Texte von zwei Leuten konstruktiv „auseinandergenommen“ haben. Dort habe ich gelernt, wie hilfreich und wichtig Kritik ist – auch wenn sie weh tut. Allerdings bekomme ich glücklicherweise sehr viel positives Feedback. Trotz der ernsten Stoffe. Oder, wer weiß, vielleicht gerade deswegen?

Vielen Dank, liebe Maria, dass du dich meinen Fragen gestellt und mit uns gebruncht hast. Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg mit deinen Büchern und natürlich immer eine gute Portion Inspiration.

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