Sonntag, 6. März 2016

Sonntagsbrunch mit der Autorin Sylvia Kaml


Heute freue ich mich auf einen interessanten Brunch mit der Autorin Sylvia Kaml. Sie schreibt hauptsächlich Zukunftsromane mit gesellschaftskritischem Hintergrund (z.B. "Die Rache des Phönix", "Grauzone Erde" und "Refugium") und lebt und arbeitet quasi bei mir um die Ecke im Ruhrpott. Im Frühjahr 2016 (voraussichtlich im März) erscheint ihr neues Buch "Die Verschwörung des Raben", das in Nijmegen spielt, welches im Roman inzwischen zur Küstenstadt geworden ist. Ich bin gespannt und freue mich auf den Plausch. 


Liebe Sylvia, für alle Autoren gibt es zunächst die obligatorischen Brunch-Fragen:

Kaffee oder Tee?


Kaffee. Unbedingt. Danke.

Milch, Zucker, schwarz?

Als Frühstück mit Milch und Zucker, ansonsten genügt Milch.

Herzhaft oder süß?

Eher süß.

Warm oder kalt?

Am Liebsten heiß.

1. Du hast vier Jahre in den USA gelebt. Kannst du uns verraten, was dich dorthin verschlagen hat und wie du diese Zeit erlebt hast?

Der Arbeitgeber meines Mannes suchte Delegierte. Noch ohne Kinder waren wir nicht ortsgebunden und sagten sofort zu.

Der Erfahrungswert war hoch. Es ist durchaus ein Unterschied, ein Land als Tourist zu bereisen oder dort zu leben. Interessant fand ich, dass es auch in den USA durchaus eine andere Kultur und Denkweise gibt. Man lernt andere Sichtweisen kennen und auch, diese zu verstehen. Ganz extrem war es bei mir mit Themen wie Waffenbesitz und Todesstrafe. Bis heute habe ich meine Meinung dazu nicht geändert, aber ich kann mittlerweile nachvollziehen, warum dieses andere Denken in diesem Land geschichtlich entstanden ist. Auch für die Tendenz vieler Amerikaner, sich selbst als die „Guten“ zu sehen, gibt es historische Ursachen.

Die Idee zu meinem ersten Roman (Grauzone Erde) wuchs aus diesen Überlegungen. Das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen und Denkweisen. Es ist mir wichtig, in meinen Büchern keinen erhobenen Zeigefinger zu präsentieren, sondern dem Leser auch die Ansichten der „Gegenseite“ verständlich und nachvollziehbar aufzuzeigen.

2. Du bist in Hessen geboren und bist dort groß geworden. Heute lebst du im Ruhrgebiet. Gibt es Momente des Kulturschocks?

Ich wuchs im ländlich-idylischen Vogelsberg auf. Inmitten von Pferden, Rindern und Katzen. Als mein Mann nach der Zeit in den USA das Angebot aus Mülheim bekam, war ich ehrlich gesagt skeptisch. Ruhrgebiet? Dort, wo fünf Bäume bereits als ein Wald bezeichnet werden?

Doch wir lebten uns sehr schnell ein. Ich liebe die Menschen hier. Sie sind humorvoll, ehrlich und direkt. Sehr ähnlich den Oberhessen haben sie „das Herz auf der Zunge“. Landschaftlich ist es auch bei Weitem nicht so wie das Klischee befürchten ließ. Auch kulturell hat diese Gegend unheimlich viel zu bieten.

Witzig fand ich, dass wir hier offiziell zu den Familien mit Migrationshintergrund zählen. Mein Mann ist Österreicher und unsere Kinder wurden in den USA geboren. So viel zu den Statistiken.

3. Du hast Tiermedizin studiert. Sind Tiere die "besseren Menschen"?

Vielleicht die naiveren. Beim Umgang mit Tieren wird einem immer wieder deutlich, dass sie gar nicht so anders sind als wir. Ich liebe meinen Beruf. Ein Leben ohne Tiere wäre undenkbar für mich.

Es berührt mich immer wieder zu sehen, wie wir trotz vergleichbarem Wohlstand mit anderen Lebewesen umgehen. Gerade im Nutztierbereich. Qualzuchten und schreckliche Haltungsbedingungen akzeptieren, nur um günstige Lebensmittel zu produzieren, die zu allem Überfluss noch größtenteils im Müll landen. In Bezug Ethik muss das Tier „Homo sapiens“ noch stark an sich arbeiten.

4. Wenn du die Möglichkeit hättest mit einer Zeitmaschine nur eine einzige Reise zu tätigen (Hin- und Rückreise). Würdest du in die Zukunft oder in die Vergangenheit reisen?

Definitiv Zukunft. Aber nicht, um die Lottozahlen von morgen zu erfahren. Ich bin von Natur aus neugierig. Von der Vergangenheit weiß man schon sehr viel, über die Zukunft kann man nur spekulieren.

5. In deinen Büchern zeichnest du ein wenig optimistisches Bild von der Zukunft und die aktuellen Entwicklungen scheinen dir Recht zu geben. Wie hoffnungsvoll blickst du tatsächlich in die Zukunft?

Meine Bücher sollen auf mögliche Folgen hinweisen. Ein wenig wachrütteln. Selbst bin ich weitaus optimistischer. Zwar regiert Geld und Macht noch immer unseren Planeten, aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich vertraue darauf, dass Bildung und Wissensstand weltweit steigen werden. Dass die Masse so schwerer zu manipulieren und zu kontrollieren ist. Auch vertraue ich auf unsere Kinder.

Letztendlich müsste doch ein wenig Intelligenz genügen, um zu verstehen, dass wir allesamt (ob arm oder reich) nur auf einem gesunden und friedvollen Planeten überleben können.

6. Bei welchem Buch würdest du dir wünschen, dass du es geschrieben hättest?

Es gibt viele Bücher, deren Autoren ich bewundere. Spontan würde mir jetzt „Good Omens“ von Terry Pratchett und Neil Gaiman einfallen. Auch, wenn es sicherlich nicht das Bekannteste oder erfolgreichste Buch auf Erden ist. Es ist so herrlich skurril und humorvoll und hat zugleich auch eine klare Aussage.

7. Was ist für dich das Schönste am Schreiben?
Das Hineinversetzen in andere Menschen. Der Versuch, die Gedankengänge der extremsten Antagonisten nachzuvollziehen.

8. Was ist für dich die größte Schwierigkeit beim Schreiben?
Das Handwerk würde ich sagen. Da ich zuvor viele Jahre nur für mich geschrieben hatte, haben sich einige Marotten festgesetzt, die ich nur schwer wieder loswerde. Beim Buch „Die Rache des Phönix“ war es eindeutig die Idee, die mir den Verlag verschaffte, sicherlich nicht der außergewöhnliche Schreibstil. An einigen Stellen habe ich den Lektor wohl fast zur Verzweiflung getrieben. Aber ich bemühe mich, lernfähig zu bleiben.

9. Passiert es dir, dass sich Charaktere auch schon einmal verselbstständigen und Dinge tun, die du so gar nicht geplant hattest?
Ja, die werden ab und zu äußerst lästig mit ihrem Eigenleben. Aber meistens bleibt es im Rahmen. In „Grauzone Erde“ gab es allerdings eine Figur, bei der die ursprünglich geplante Reaktion nicht mehr zu seiner Persönlichkeit gepasst hätte. Ich musste den Plot umschreiben. Dadurch hat er aber auch mehr Tiefe bekommen.

10. Trifft dich Kritik? Wie gehst du damit um?

Kritik trifft immer, wenn man etwas gut machen wollte. Es steckt nicht nur Arbeit und Zeit, sondern auch immer viel Herzblut in den Geschichten. Zu sagen, dass es mich kalt lassen würde, wenn das „Baby“ gehänselt wird, wäre gelogen. Kritik von Lektoren ist nicht allzu dramatisch, da hier noch geändert und verbessert werden kann. Aber von Lesern ist es hart, weil das gedruckte Buch endgültig ist. Konstruktive Kritik versuche ich mir zu Herzen zu nehmen. Ich bin immer dankbar, wenn Gründe aufgeführt werden. Nur so kann man lernen und es beim nächsten Mal besser machen. Es allen recht machen ist natürlich unmöglich und aufgeben sollte man sich natürlich auch nicht.

Vielen Dank, liebe Sylvia, dass du dich meinen Fragen gestellt hast. Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg mit deinen Romanen und immer genügend tolle Ideen im Kopf.

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