Sonntag, 3. April 2016

Sonntagsbrunch mit der Autorin Yvonne Wüstel



Zum Sonntagsbrunch habe ich heute wieder ein Nordlicht zu Gast. Die Autorin Yvonne Wüstel gibt sich die Ehre und plaudert mit mir über ihre Bücher, schwere Maschinen, das Meer und das Schreiben. Unter den Autorennamen Yvonne Asmussen, Yvonne Winkler und Franziska Wulf hat sie seit 1998 zahlreiche Romane veröffentlicht (z.B. "Das Haus des Glücks" bei Knaur, die "Fatima"-Trilogie und die "Anne"-Trilogie bei Weltbild eBooks, sowie die Krimis "Fördewölfe" und "Fördehaie" bei Emons).

Liebe Yvonne, für alle Autoren gibt es zunächst die obligatorischen Brunch-Fragen:

Kaffee oder Tee?
Tee, bitte. Ob grün oder schwarz ist egal.

Milch, Zucker, schwarz?
Ohne Zucker, ohne Milch.

Herzhaft oder süß?
Unbedingt Herzhaft.

Warm oder kalt?
Wenn ich die Wahl habe: Warm. Ein leckeres Rührei, dazu gebratene Würstchen oder Speck. Oder ein Chili. Das geht auch!

1. Du bist approbierte Ärztin, hast dich aber nach drei Jahren entschieden, den weißen Kittel an den Nagel zu hängen und dich ganz dem Schreiben zu widmen. Wie leicht oder schwer ist es dir gefallen, diesen Absprung zu wagen? 

Den Beruf als solchen hinter mir zu lassen, ist mir leicht gefallen. Schon während des Studiums fühlte ich mich in der Medizin nicht wirklich zu Hause. Es kam mir immer vor, als müsste ich mich verkleiden und ein anderer Mensch werden, wenn ich das Haus verlassen habe, um in die Uni oder ins Krankenhaus zu gehen. Da sich mein Mann zur gleichen Zeit in eigener Praxis niederließ, war die finanzielle Seite allerdings ein Sprung in kalte, unbekannte Gewässer. Ich ließ einen gut bezahlten Job hinter mir ohne wirklich zu wissen, wie es weitergeht. Aber ich hatte gerade meinen ersten Roman veröffentlicht und das Gefühl, mir läge die Welt zu Füßen.

Heute bin ich schlauer. ;-)

Trotzdem habe ich diese Entscheidung nicht eine Sekunde bereut.

2. Als Nordlicht hast du eine ganz besondere Beziehung zum Meer. Wenn man deine Krimi-Titel liest, beschleicht einen das Gefühl, deine Liebe zum nassen Element fließt auch in deine Bücher ein. Wird deine nordische Seele auch anderswo in deinen Büchern spürbar?

Vermutlich ja. Ob es nun die Schauplätze sind – zum Beispiel die Flensburger Förde in meinen Krimis – oder die Herkunft meiner Protagonisten. Ich glaube, der einzige Roman, in dem kein Hamburger auftaucht, ist mein Erstling, der in Britannien zur Zeit der römischen Besatzung im 1. Jhd. n. Chr. spielt. Ich liebe Meer, Strand und Wind. Das kann ich nicht von mir trennen.

3. Du hast unter verschiedenen Autorennamen veröffentlicht. Hat sich das einfach so ergeben oder steckt da der Wunsch hinter, bestimmte Bereiche des Schreibens stärker voneinander zu trennen?

Von beidem etwas. Bei meinem Erstling hat mich der Verlag um ein Pseudonym gebeten. So entstand Franziska Wulf. Als ich dann das Genre von Historisch/Zeitreise zu Familiengeschichte wechselte, empfahl man mir, ein anderes Pseudonym zu wählen, ebenso für den Krimi. Dadurch werden Enttäuschungen vermieden. Ein Leser, der einen Krimi erwartet, bekommt bei Yvonne Asmussen genau das. Er muss nicht befürchten, einen Frauenroman erwischt zu haben. Und der Buchhändler weiß auch, in welche Regale er meine Bücher einsortieren muss. Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Trotzdem fühlt es sich für mich gelegentlich seltsam an, „Viele“ zu sein. Ich hätte jedenfalls kein Problem damit, alle Genres unter einem einzigen Pseudonym zu schreiben. Oder sogar unter meinem eigenen Namen.

Stattdessen kommt im September ein neues Pseudonym hinzu: Da erscheint bei Knaur mein Roman „Ein kleines Stück Paris“ unter dem Namen Yvonne Jarré.

4. Neben dem Schreiben und dem Meer treibt dich auch die Leidenschaft für Motorräder um - allerdings ausschließlich auf dem Sozius. Was macht die Faszination des Motorradfahrens für dich aus?

Das Sein.

Auf dem Motorrad ist man nicht von der Welt getrennt, die am Fenster vorbeigleitet. Man ist mittendrin. Man hört mehr, sieht mehr, riecht und fühlt: Sonne, Wind, Schatten, Regen, Gras, Blumen, Wald, Autos, LKW … Gleichzeitig ist die Aufmerksamkeit, die volle Konzentration auf den Augenblick gerichtet. Man ist da draußen, mit allem verbunden und trotzdem ganz und gar bei sich selbst. Es gibt für mich nichts Besseres, um Kopf und Herz frei zu bekommen.

Als Sozia kommt noch etwas anderes hinzu:

Als ich das erste Mal auf dem Sozius saß, hatte ich mehr Angst als ich mir eingestehen wollte. Die Geschwindigkeit; die Unfallgefahr; keine schützenden Airbags, die Knautschzone ist der eigene Körper. Das alles hatte ich vor Augen. Dann ließ mein Mann den Motor an. Die Vibrationen gingen durch meinen ganzen Körper. Ich rückte näher an ihn heran, er gab Gas. Und plötzlich wurden wir zu einer Einheit: Er, ich und das Bike. Auf dem Motorrad funktioniert das Mitfahren nur, wenn beide mitdenken und voll bei der Sache sind. Wenn mein Mann in eine Kurve geht, muss ich mitgehen, damit wir nicht stürzen. Es bedeutet Verantwortung, Vertrauen und Nähe.

Ich könnte jetzt noch ganze Abhandlungen verfassen. Oder es ganz kurz formulieren:

Motorradfahren ist einfach hammergeil.

5. Die Protagonistin in deinen Krimis "Fördewölfe" und "Fördehaie" ist die Flensburger Ärztin Christina Martens. Kommen dir deine Medizinkenntnisse (insbesondere) beim (Krimi-)Schreiben zugute?

Ja. Nicht nur, weil ich Krankenhäuser kenne und daher genaue Vorstellungen davon habe, wie es dort zugeht, wie Ärzte reagieren usw. Auch die medizinischen Hintergründe, zum Beispiel anatomische Kenntnisse, sind mir geläufig, und ich brauche nicht jede Kleinigkeit zu recherchieren. Manche Ideen – gerade in den Krimis - entstehen genau aus diesem Wissen heraus: Weil ich mich an einen Patienten oder an eine Fallbeschreibung erinnere.

6. Bei welchem Buch würdest du dir wünschen, dass du es geschrieben hättest?

Darf ich auch zwei wählen? ;-)

Das erste wäre „Shining“ von Stephen King. Sowohl, was den Spannungsbogen als auch die psychologische Dichte der Figuren angeht, habe ich bisher nichts Besseres gelesen. Das Buch fasziniert mich vom ersten Satz an und hält dieses Level durch bis zum letzten. Einfach großartig.

Das zweite wäre „Ferien auf Saltkrokan“ von Astrid Lindgren. Für mich ist dieser Roman viel mehr als ein Kinderbuch. Ein liebevolles, wunderschönes und weises Buch über die Familie und das Leben, das mich gleichermaßen zum Lachen wie zum Weinen bringt. Und das schon seit Jahren immer wieder.

7. Was ist für dich das Schönste am Schreiben?

Schwierig. Das Schreiben als solches ist einfach das Tollste, was ich mir für mein Leben vorstellen kann (neben Familie und Motorradfahren).

Aber, wenn ich so darüber nachdenke … Ich glaube, das Schönste am Schreiben ist für mich das Eintauchen in eine Geschichte. Wenn ich bis über beide Ohren im Setting versinke und die Figuren anfangen, mich morgens, mittags, abends und nachts zu begleiten. In meinem Kopf ist dann kaum noch Platz für Anderes und am Laptop fresse ich nur so die Seiten. Es kommt dann vor, dass ich für meine reale Umgebung unerreichbar bin. Und dass ich die Geschirrtücher in den Kühlschrank räume und dafür die Butter unter der Spüle wiederfinde.

8. Was ist für dich die größte Schwierigkeit beim Schreiben?

Der Beginn.

Es schwankt immer zwischen zwei und sechs Wochen, bis ich endlich den Ton und das Gefühl für eine Geschichte gefunden habe, so dass ich ganz und gar eintauchen kann. In dieser Phase bin ich ein schwieriger Zeitgenosse. Ich bin unleidlich, nervös, gelegentlich wütend, unkonzentriert, zweifle an allem und besonders an mir selbst. Der Text tropft dann nur zäh aus den Fingern und ich arbeite jeden Satz und jede Szene mehrmals um. Manchmal fürchte ich sogar, die Fähigkeit zu schreiben, ganz verloren zu haben. Irgendwann kommt dann die Erlösung: Ich stehe eines Morgens auf, setze mich ans Laptop und bin drin.

9. Passiert es dir, dass sich Charaktere auch schon einmal verselbstständigen und Dinge tun, die du so gar nicht geplant hattest?

Oh ja, das passiert sogar sehr oft! Das ist fast wie im richtigen Leben: Man meint, einen Menschen zu kennen, und plötzlich überrascht er einen doch mit einer ganz neuen und ungewohnten Reaktion oder Seite seines Charakters. Das macht das Schreiben aber auch so spannend. Mein schönstes Erlebnis in dieser Hinsicht hatte ich bei der Arbeit an meinem ersten Krimi „Fördehaie“: Das Manuskript war fertig, ich wollte es nur noch einmal überarbeiten. Dafür habe ich mir alle Perspektivträger einzeln vorgenommen und ausschließlich die Passagen aus ihrer Sicht gelesen. Als dann der Täter an die Reihe kam, entdeckte ich plötzlich eine Seite an ihm, die er bisher ausgezeichnet verborgen hatte – sogar vor seiner Autorin! Und plötzlich passte alles viel besser zueinander und ergab Sinn. Das hat mich schier umgehauen.

10. Trifft dich Kritik? Wie gehst du damit um?

Im ersten Augenblick trifft mich Kritik, ja. Ich würde lügen, wenn ich etwas anderes behauptete. Meine Romane sind ein Teil von mir. Ebenso gut könnte man an meinen Kindern etwas aussetzen zu haben, das würde mich ähnlich treffen.

Aber nach einmal Schlucken denke ich darüber nach, was an der Kritik berechtigt ist, was davon ich wie umsetzen kann oder sollte.

Lob ist toll. Ein wohltuender Balsam für die arme, geschundene Autorenseele und der Lohn für die Monate, die ich einsam am Schreibtisch hocke. Kritik aber lässt mich dazulernen, verbessert meine Texte – und bringt mich dadurch weiter.

Und das ist mein Ziel: Nicht nur Geschichten zu erzählen, sondern das auch so gut zu machen, wie mir gerade möglich ist. Und ich hoffe, dass es mir mit jedem Roman ein bisschen besser gelingt.

Liebe Yvonne, ich danke dir für dieses nette Gespräch und wünsche dir weiterhin viel Spaß und Erfolg bei allen deinen Schreibprojekten.

Vielen Dank für die Einladung und die guten Wünsche, die ich gerne erwidere.

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