Freitag, 27. Mai 2016

Mein Plädoyer an Großbritannien: Please stay!


At the bottom of the page you will find the English translation of my article. 

Wer mich oder auch nur meine Bücher kennt weiß, ich liebe die Insel und ihre Bewohner. Immer wieder hat es mich dort hingezogen und ich habe immer davon geträumt, in Großbritannien zu leben. Das Leben geht seine Wege und ich bin nun doch der Heimat treu geblieben. 
Ich werde sehr selten politisch auf diesem Blog. Aus gutem Grund, denn im Internet gelingt es selten, eine vernünftige und sachliche Debatte zu führen. Wenn ich hier politisch werde, dann sind es Dinge, die mir sehr am Herzen liegen. Daher möchte ich heute über das nahende Referendum zu Großbritanniens Verbleib in der EU sprechen.

Ich verfolge die Brexit-Debatte mit Sorge und hoffe auf die Vernunft der Briten. Ich möchte hier nicht über Wirtschaft sprechen, auch wenn es zahlreiche gute wirtschaftliche Gründe für einen Verbleib in der EU geht. Ich möchte lieber über Europa sprechen und wie wichtig ein einiges und starkes Europa ist. 

Die Schule, an der ich unterrichte, wurde nach Robert Schuman benannt. Beachtet das fehlende zweite "n". Es handelt sich nicht um den Komponisten, sondern um den französischen Politiker Robert Schuman, der als einer der Gründervater des vereinten Europa und der EU gilt. Ich habe daran mitgearbeitet, dass unsere Schule den Titel "Europa-Schule" führen darf und ich bin überzeugte Europäerin. 

Ich kann den Frust vieler EU-Bürger verstehen, die sich von der EU-Politik abgehängt fühlen, so wie ich auch die Politikverdrossenheit in vielen Teilen der Welt verstehen kann. Man bekommt das Gefühl, die politischen Eliten wurschteln vor sich hin und die breite Masse kann nichts tun. Gut, so weit kapier ich das. Doch aus Wut und Frustration mit den bestehenden Verhältnissen gleich alles kaputtschlagen zu wollen, das ist die Reaktion eines dreijährigen Kindes. Es gibt viele Wege, Politik in einer Demokratie aktiv mitzugestalten. Die wird es nicht mehr geben, wenn die Populisten einmal die Oberhand haben. So viel steht fest. 

Ich kann verstehen, dass viele die Bürokratie in Brüssel und die politischen Prozesse als undurchsichtig und abgehoben erleben. Als ob "die in Brüssel" da nichts mit uns zu tun haben. Es kann so wirken. Ja. Und sicherlich gibt es Verbesserungsbedarf. Die EU und ihre Institutionen sind zum Teil nicht mehr zeitgemäß und müssten sich verändern. Weniger Bürokratie, mehr Transparenz, mehr Flexibilität und Tatkraft. Doch sie komplett zu zerschlagen und zu verteufeln, das wäre der falsche - und gefährliche - Weg der Wut.

Die EU und ihre Institutionen sind nicht perfekt und wir müssen daran arbeiten. Aber sie haben dennoch für eine lange Zeit Frieden und Stabilität geschaffen. 70 Jahre Frieden! 
Welcher Preis ist zu hoch für 70 Jahre Frieden? Wir müssen zusammenhalten und an einem Strang ziehen. Anders haben wir keine Chance, die Probleme und Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen. Wir müssen zu mehr Solidarität finden, nicht zu mehr Egoismus. Wenn wir einander jetzt den Rücken zuwenden und aufhören, nach gemeinsamen Lösungen zu suchen, wird es nicht lang dauern, bis nationale Interessen aufeinanderprallen und es zu Konflikten kommt. Konflikte, die schnell zum Flächenbrand werden. Schaut in die Geschichtsbücher und lest nach, was zwei Weltkriege angerichtet haben. Und dann denkt darüber nach, dass es im zweiten Weltkrieg noch nicht so viele Nuklearwaffen gab. 

In so vielen Regionen der Welt gibt es Krieg und Chaos. Wenn wir die Menschen dort fragten, welchen Preis sie für 70 Jahre Frieden zu zahlen bereit wären - was meint ihr, was sie sagen würden? 
Für Europa und die Demokratie gilt gleichermaßen das bekannte Churchill-Zitat: "Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen - abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind." Ein vereintes Europa ist mit dem schwierigen Prozess der Konsensfindung und seiner Bürokratie manchmal ein Klotz am Bein, aber vergleichen mit allem, was wir vorher ausprobiert haben, ist es immer noch die beste Idee. 

An meine britischen Freunde daher die dringende Bitte: Bleibt bei uns!!

English Translation

Those who know me - or even only my books - know that I love the British Isles and their inhabitants. I went there countless times and I have always dreamed of spending my life there. Life had other plans and I stayed in Germany though. 
I rarely become political on this blog. For good reasons because the internet is a difficult place to actually have a sane and rational debate. If and when I do get political it's about things that are close to my heart. Therefore I would like to talk about the coming EU referendum. 

I have been following the debate about a possible Brexit with great worry and I rest my hopes on the British people's common sense. I don't want to talk economy here even though there are numerous good economical/financial reasons not to leave the EU. I'd rather talk about Europe and how important it is to have a united, strong Europe.

The school I teach at was named after Robert Schuman. Note the missing second "n" for it is not the famous composer we were named after but French politician Robert Schuman who is considered one of the founding fathers of Europe and the EU. I have contributed to the process in our school that led to us receiving the label "European School" and feel European more than I feel German. 

I can understand the frustration with EU politics and people feeling left behind and excluded just as I do understand the general disenchantment with politics and democracy that's going on in many parts of the world. Sometimes you just can't help feeling the political elites are doing stuff behind closed doors without you being able to influence what's happening. However, the impulse to rip everything apart and turn it over because you are angry and frustrated is the reaction of a three-year-old throwing a tantrum. There are many ways you can actively take influence and shape politics in a democracy. And one thing is sure: allow the populists and nationalists to take over and those rights will be gone in a second.

I can understand that burocracy and political processes in Brussels are experienced as being removed from reality and non-transparent. As if "those in Brussels" don't have anything to do with us and our lives. Yes, it can seem like that. And there is certainly a lot of room for improvement. The EU and its institutions are no longer up-to-date and certainly will have to change and adapt. Less burocracy, more transparency, more flexibility and drive. However, completely destroying these structures and demonising them would be the wrong - and very dangerous - path of fury. 

The EU and its institutions are not perfect and we have to work to change them. However, they have brought peace and stability. 70 years of peace!
What price is too high for 70 years of peace? We have to stand together and act in concert. Otherwise we will not stand a chance against the problems and challenges of our times. We will have to find the way back to more solidarity instead of becoming more and more selfish. This is not the time to turn our backs on each other, for if we stop trying to find common solutions, compromise and consensus it will not be long before national interests clash and cause conflict. Conflicts that can easily become a conflagration. 

Read up in your history books on the horror two world wars have caused and then take into account that in those times nuclear weapons had only just been invented. 
There are war and chaos reigning in so many parts of the world. If you asked people there what price they would be willing to pay for 70 years of peace - what do you think they would say?

I think the famous Churchill quote applies to both Europe and democracy: 
"[No one pretends that democracy is perfect or all-wise. Indeed, it has been said that] democracy is the worst form of government except all those other forms that have been tried from time to time." A united Europe involving the difficult process of finding consensus and a certain level of burocracy may sometimes appear an albatross around our necks but compared to everything else we have tried so far it still clearly is the best idea we've had so far. 

So my plea goes out to my British friends: Please stay!

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