Donnerstag, 13. Oktober 2016

Bad-Boy-Kult und Vergewaltigungs-Kultur: Sind wir selbst schuld?


Ich schreibe hier ja auch immer mal ein bisschen off-topic. Und was mich heute umtreibt, hat nur am Rande - aber auch - mit Büchern zu tun. Ob in Büchern oder Filmen, das weibliche Publikum wünscht sich "Bad Boys". Oft höre ich dann von Männern den Vorwurf: "Ihr wollt doch Arschlöcher, also beschwert euch nicht. Die Netten haben bei euch doch keine Chance." Ist das so? Tragen wir zum Teil selbst Schuld am Alltags-Sexismus, daran dass viele Männer meinen, es sei vollkommen normal, so über Frauen zu sprechen wie Donald Trump in dem vielzitierten Skandalvideo von 2005? Fördern wir selbst die sogenannte "rape culture" - die Vergewaltigungs-Kultur?

Ich bin seit ich denken kann Feministin und fühle mich feministischen Themen verpflichtet. Dennoch lese auch ich gern von "Bad Boys" und kann bei "True Blood" Team Eric sein. Allerdings hatte ich in letzter Zeit immer öfter ein Grummeln in der Magengrube, was unser öffentliches Bild von Männlichkeit angeht. 

Das fing bei mir damit an, dass ich bei "How I met your mother", einer Serie, die ich an sich lustig finde, immer häufiger schwer schlucken musste. Barney Stinson, eine der Hauptfiguren, inszeniert aus seinem "Playbook" immer wieder aufwändige Täuschungsmanöver, um Frauen ins Bett zu bekommen. Ein "Nein" gibt es für ihn nicht. Jedenfalls nicht, wenn die Frau auf seiner Skala eine 8 oder aufwärts ist. An seiner Eingangstür gibt es eine Waage. Die warnt ihn, wenn die Frau, die er mit nach Hause nimmt, ein paar Pfunde zu viel hat. Das ließ er auch in seinem Ehevertrag festhalten: seine Zukünftige durfte nicht zunehmen. Die Frauen werden am nächsten Morgen so schnell wie es geht entsorgt und sind für Barney nicht mehr interessant. Natürlich ist Barney Stinson total übertrieben und seine frauenverachtende Haltung so krass, dass sie eigentlich klar Satire ist. Zumal der Schauspieler auch bekennend schwul und verheiratet ist. Also, ein klarer ironischer Bruch mit seiner Rolle. Dennoch musste ich verstärkt darüber nachdenken, wie es bei der Allgemeinheit ankommt, dass wir sein Verhalten als "lustig" empfinden und als "irgendwie liebenswerte Verschrobenheit" bewerten. Denn Barney hat durchaus sympathische Züge in der Serie. Für viele Männer wird er daher ein Vorbild und ein "echt cooler Typ". Der macht's richtig. Viele können da nämlich eben nicht mehr die Linie zwischen Realität und Fiktion ziehen. Das zeigt sich in der wachsenden Gemeinde der sogenannten "Pick-up Artists", die nämlich genau das, was Barney hier scheinbar vorlebt, im wahren Leben nachmachen - nur ohne Barneys Charme. Sie setzen sich unter anderem dafür ein, Vergewaltigung unter bestimmten Umständen zu legalisieren. *schluck*

Donald Trump findet, wenn man reich und ein Star ist, kann man mit Frauen alles machen. Auch ruhig mal einfach beherzt in den Schritt greifen. Sie beschweren sich ja meistens nicht einmal. Das regt uns zurecht auf. Aber was ist mit Christian Grey? Der ist eigentlich auch ein gruseliger Stalker, wenn man es mal richtig durchdenkt. Und weil er gut aussieht und Milliardär ist, finden viele Frauen es nicht so schlimm. Im Gegenteil. Es ist angeblich irgendwie sexy, wenn der Mann so dominant auftritt. 

In einer Broschüre für Autoren, herausgegeben von einem Verlag, las ich neulich Tipps, was bei den Leserinnen ankommt. Da hieß es, dass die Hauptfigur am besten ein "Bad Boy" sein sollte, der eine versteckte zarte Seite hat, die dann die weibliche Hauptfigur durch ihre Liebe hervorbringt. Da musste ich auch mal schlucken und dachte: was macht das mit den zum Teil sehr jungen Leserinnen? 

Bei all dem muss ich gestehen, dass ich ja selbst auch gern literarische Bad Boys habe, zumindest zu einem gewissen Grad. Mit Shades of Grey konnte ich bekanntlich gar nichts anfangen. Aber ich mag auch männliche Hauptfiguren mit Ecken und Kanten, die sich auch mal wie ein Arsch verhalten. Für mich ist der zentrale Unterschied der: in der Fantasie behalten wir letzten Endes die Kontrolle. In einer erotischen Fantasie bestimme ich, wie der Mann aussieht, wie er riecht, schmeckt, wie sich das, was er tut, anfühlt. Ich bestimme, wo bei mir Schluss ist, was er garantiert nicht tut und sagt, wann für mich das "zu viel" erreicht ist. In der Fantasie ist es reizvoll, den Kopf auszuschalten und Kontrolle abzugeben - in der Fantasie. Wenn da ein Mann eine Frau an die Wand drückt und einfach küsst, kann das zugegeben sexy sein. In der Realität? Eher weniger (außer er hat ihre ausdrückliche Erlaubnis). Und da wird es schwierig. 


Wenn in Buch und Film dieses Verhalten relativiert und normalisiert wird, sinkt die Hemmschwelle. Das Bewusstsein dafür, was im wahren Leben okay ist und was nicht, verschwimmt. Insofern: ja, vielleicht helfen wir dabei, ein Verhalten zu normalisieren, das für uns in der Theorie manchmal seinen Reiz hat, in der Praxis aber ein absoluter Alptraum wäre. Denn da liegt für mich wirklich der Knackpunkt. Sexuelle Fantasien sind eine Sache - akzeptables tatsächliches Verhalten eine komplett andere.

Wie kommen wir von einer "rape culture", also einer Kultur, die Übergriffigkeit fördert zu einer "consent culture", einer "Zustimmungskultur", ohne die Erotik dabei zu töten?
Ich hatte vor vielen Jahren mal einen Freund, der hat tatsächlich jedes Mal, bevor wir intim wurden, gefragt bzw. gesagt, dass er jetzt gern Sex haben würde. Damals dachte ich oft: ja, dann mach doch einfach. Heute denke ich, eigentlich war das vollkommen richtig so. Wir sind es nur so gewohnt, dass einer (meistens der Mann) einfach die Initiative ergreift und die Verständigung über das Einverständnis nonverbal stattfindet. Nach dem Motto: wenn er/sie nicht will, werd ich das schon merken. Aber genau da gehen die Einschätzungen bekanntlich ja auseinander. Besonders, wenn Alkohol im Spiel ist. Natürlich ist Erotik immer auch etwas Animalisches, Spontanes und es soll ja nicht in eine juristisch wasserdichte Vorverhandlung ausarten. Doch warum sollte es so störend sein, wenn der Partner dir ins Ohr raunt: "Du, ich möchte jetzt unglaublich gern mit dir schlafen." Warum erschien mir das damals schon fast albern? Man kann da ja auch verbal kreativ werden.


Ich finde es jedenfalls schon eine Überlegung wert, dass wir darauf hinarbeiten sollten, eine "Zustimmungskultur" zu fördern und deutlicher zu sagen, dass sexuelle Fantasien im realen Leben nicht funktionieren. Den "Bad Boy", der eigentlich im Kern doch ein ganz toller, zärtlicher Typ ist - gibt es in der Realität nicht in dieser Form. Viele Frauen müssen schmerzhaft erkennen, dass ihr "Bad Boy" eben einfach wirklich ein "Bad Boy" ist. Und dann greift auch noch der Mechanismus, dass sie glauben, ihn "erlösen" zu können, wenn sie ihn nur genug lieben. So landen Frauen auch schnell in ungesunden Beziehungsmustern und in der typischen Entschuldigungsspirale ("eigentlich ist er ja nicht so", "ich habe es ja auch provoziert")... Das, was ich immer meinen "dunklen Prinz" nenne, gibt es in der Realität einfach nicht. Severus Snape ist und bleibt eine Romanfigur. Eric Northman ist auch nur als fiktiver Charakter wirklich sexy. Vielleicht ist es auch an der Zeit, den "Bad Boy" mal ein bisschen ans 21. Jahrhundert anzupassen (also nicht an das 21. Jahrhundert der Rechtspopulisten, sondern an das aufgeklärte, moderne, gleichberechtigte).

Ich hoffe jedenfalls, dass wir Frauen da deutlicher werden und dass die Kritik lauter wird, wenn inakzeptables Verhalten als normal oder sogar witzig dargestellt wird.

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