Mittwoch, 16. November 2016

Der Präsident von Rocky Beach


Ich möchte mit euch heute eine Geschichte teilen, in der es um etwas geht, das mir sehr am Herzen liegt. Sie hat nur am Rande etwas mit Büchern zu tun, aber ich denke, dass sie für uns als lesender Teil der Bevölkerung sehr wichtig ist. 

Schon bevor ich Autorin wurde, hatte ich wie viele andere Leute auch, eine private Homepage im Netz. Dort konnte man über meine Hobbys nachlesen, über mich und meinen Werdegang und ein paar Bilder ansehen. Unter anderem gab es auch eine Seite über die "Drei Fragezeichen", eine Kinder- und Jugendkrimiserie mit Kultstatus, von der auch ich ein großer Fan bin. Ich glaube, die meisten dürften sie kennen. 

Es gab einen kurzen Info-Text über die Serie und dort schrieb ich, dass sie in dem "fiktiven kalifornischen Küstenstädtchen Rocky Beach" spielt. Soweit, so richtig. Nun bekam ich aber kurz später eine wütende Mail. Darin schrieb mir eine (dem Namen nach) weibliche Person, dass ich doch gefälligst mal besser recherchieren solle, wenn ich schon so ein Wichtigpups sei, der eine eigene Webseite betreibe. Ich solle mich informieren und keine Lügen verbreiten, denn: Rocky Beach gibt es wirklich! 

Zunächst war ich amüsiert. Ich dachte, vermutlich eine sehr junge Leserin der drei ???. Ich klärte sie darüber auf, dass der Ort in der Tat nicht existiert. Ich erläutere höflich und freundlich, dass sich schon viele darüber den Kopf zerbrochen haben, welcher Ort für Rocky Beach Pate gestanden habe, dass es einige Theorien gibt. Der Ort soll in der Nähe von Los Angeles und Santa Monica liegen, irgendwo an der Küstenstraße zwischen Pazifik und Santa Monica Mountains. Es gebe Menschen, die glaubten, Vorbild sei Topanga Beach gewesen. Jedenfalls solle sie mal auf einer Karte nachschauen, der Ort ist tatsächlich nirgends in dem Gebiet zu finden. 


Für mich war das Thema damit erledigt. Doch weit gefehlt. Ich erhielt eine weitere, diesmal noch erbostere Mail. Ich wurde wüst beschimpft und als Lügnerin bezeichnet, denn die Schreiberin wisse schließlich genau, dass es Rocky Beach gebe und sie habe das bei Wikipedia gelesen. 

Tatsächlich gab es damals noch einen scherzhaft gemeinten Wikipedia-Eintrag, vermutlich verfasst von einem Fan, der nach kurzer Zeit aber auch wieder entfernt wurde. Die Lehrerin in mir ging also mit aufklärerischem Ehrgeiz und viel Geduld ans Werk, die Verfasserin darüber aufzuklären, was Wikipedia ist und dass dort jeder Artikel einstellen kann. Ich erklärte, dass dort temporär auch mal Falschinformationen stehen können, die erst durch das Korrektiv der Leser und Autoren irgendwann ausgefiltert werden. Ich fügte Links zu Kartenmaterial an, auf dem man um Santa Monica herum vergeblich nach einem Ort namens Rocky Beach sucht. Man findet Malibu, Venice und andere Orte, die man aus den Drei Fragezeichen kennt, aber Rocky Beach? Fehlanzeige. Der Verfasser wollte sich eben ein Stück künstlerische Gestaltungsfreiheit offenhalten. Dagegen ist ja nichts zu sagen. Ich wies auch noch einmal auf Topanga als mögliches Vorbild hin. 

Wieder erhielt ich prompt eine Hassmail als Antwort. Alle Fakten und Beweise, die ich anführte, wurden weggewischt und für nichtig erklärt. Ich könne davon ja nichts beweisen und außerdem stand es ja bei Wikipedia.

Eigentlich hätte ich an diesem Punkte aufgeben sollen. Aber ich bin ja durchaus ehrgeizig. Ich habe also noch einmal auf Wikipedia und dessen Faktengehalt hingewiesen und auf die Tatsache, dass man dort den Rocky Beach-Eintrag inzwischen vergeblich sucht, weil er entfernt wurde. Dafür taucht im Artikel über die Drei Fragezeichen die Information auf, dass es in einem fiktiven Ort in Kalifornien spielt. Ich führte an, dass ich 1990 selbst in Kalifornien war, in Los Angeles, Venice und Santa Monica und dass es dort wirklich wirklich kein Rocky Beach gibt. Ich sagte, meine Freundin sei gerade erst kürzlich dort gewesen, es gebe also den Ort auch immer noch nicht. Und ich kenne jemanden, der zehn Jahre in Topanga gelebt hat und habe Freunde in Kalifornien.
Ich habe ihr gesagt, wenn sie mich der Lüge bezichtigt, solle sie mir doch einen Beweis für die Existenz von Rocky Beach liefern. Ich hätte schließlich genug Belege und Beweise für meine Behauptung angebracht.


Ich glaube, ich brauche nicht zu erwähnen, wie das Ganze ausging. Ich erhielt weiter Hassmails und habe die Person irgendwann geblockt. 

Ich habe überlegt, ob sich vielleicht einfach jemand einen Scherz erlaubt hat, aber die Mails klangen authentisch und waren derart durchdrungen von der festen Überzeugung, dass Rocky Beach existiert. Schon damals fürchtete ich, sie seien nicht das Produkt eines Trolls, der mal sehen wollte, wie lang mein Atem ist. Ich fürchte heute noch mehr denn je, dass die Schreiberin der Mails tatsächlich entgegen aller Fakten an die Existenz von Rocky Beach glaubte und glauben wollte, koste es, was es wolle. Selbst wenn ich ihr ein Flugticket nach Kalifornien spendiert und sie dort vergeblich gesucht hätte, sie wäre davon nicht abzubringen gewesen. 
Ich habe mich dem gegenüber hilflos und ohnmächtig gefühlt. Es war ihr einfach nicht mit Vernunft zu begegnen. Gut, nun ging es da für mich um nichts. Es muss mich nicht kratzen, wenn irgendeine verbohrte, völlig beratungsresistente Figur da draußen mich für eine Lügnerin hält. Aber es war eine wirklich skurrile und prägende Erfahrung.

Warum erzähle ich das jetzt? Nun, mir begegnen auf Facebook und auch in Gesprächen mit Leuten in der letzten Zeit immer wieder dieselben kruden Verschwörungstheorien. Es werden Fake-Newsseiten geteilt und in den Kommentaren echauffieren sich die Leute über unsere Politiker, die "doch jetzt völlig den Verstand verloren haben". Es wird geteilt und sklavisch alles geglaubt, was im Internet steht. Was Wissenschaft und Presse hervorbringen, sind aber alles Lügen, ist alles gekauft und Propaganda.
Natürlich sind Medien niemals vollkommen frei und unabhängig. Sie müssen sich finanzieren. Und man sollte alles, was man liest und hört, immer sorgfältig prüfen und abwägen. Es braucht ein kritisches Auge. Doch warum wird die eine Informationsquelle vollkommen diskreditiert und für ungültig erklärt, während der anderen ungefragt alles geglaubt wird? Vermutlich, weil diese Quelle mich in meiner Meinung bestätigt und ich mich gut fühle. Das funktioniert übrigens auf beiden Seiten des politischen Spektrums. 


Die Menschen rennen mit dem Totschlagargument der "Lügenpresse" gegen Fakten an wie ein Rammbock. Dabei ist es natürlich so, dass auch unsere Medien tendenziös sind. Natürlich sind sie geprägt von westlichen Anschauungen und Deutungsmustern. Doch es gibt ihrer noch eine große Vielfalt. Die Medien decken bei uns (noch) ein großes Spektrum ab und man kann unterschiedliche Quellen nutzen, um sich ein Bild zu machen. Man kann sogar in die Propaganda der anderen Seite reinschauen, um zu sehen, wie die bestimmte Fakten deuten. Welche Meldungen bringen vielleicht beide Seiten, kommen aber zu einer anderen Wertung? Man kann sich mit ein bisschen Mühe schon ein Bild machen, was Fakt und was Fiktion ist. Ganz objektiv ist nichts, denn wir sehen die Realität ja immer durch unsere jeweilige Brille. Wenn ich aber zum Beispiel etwas von "Trump-Bashing" lese und dass die Medien einen tollen Typen einfach nur schlechtreden, dann kann ich mich nur wundern. Denn das, was ein Großteil der Medien (gerade in den USA) gemacht hat, ist, Trump im O-Ton zu verbreiten. Natürlich bewerten Medien mit unterschiedlicher Ausrichtung diesen O-Ton unterschiedlich, aber die Presse brauchte hier nichts schlechtzureden. Der O-Ton spricht für sich selbst.

Ich möchte doch alle, die des Lesens mächtig sind, bitten, nicht immer nur innerhalb ihrer eigenen Meinungsblase zu lesen. Teilt bitte nichts, das ihr nicht vollständig gelesen und sorgfältig geprüft habt. Auch intelligente Leute, die ich kenne und von denen ich viel halte, haben schon diverse reichlich fragwürdige Links geteilt. Da werden Politikern fiktive Zitate in den Mund gelegt, bei denen jedem halbwegs normal denkenden Menschen schon klar sein muss, dass die nicht wirklich so geäußert wurden (ein Beispiel neulich: unser Justizminister findet es okay, wenn eine 6-Jährige einen 56-Jährigen heiratet - in Zitatform mit Bild von ihm). Aber es gibt viele, die das dann wortwörtlich so glauben. Und das ist verdammt gefährlich. Bitte Leute, lest, informiert euch, teilt nicht einfach irgendetwas und regt euch nicht über eine vermeintliche Schlagzeile auf, bevor ihr nicht wisst, ob etwas dran ist. Schaut nach, ob ihr die Info noch auf Seiten findet, die nicht ganz offensichtlich von radikalen Gruppen betrieben werden und schon eindeutige Namen haben. Es kostet Zeit, aber es geht um unsere Demokratie und um unsere Freiheit.

Es gibt vieles, das es zu verbessern und zu ändern gilt in unserem Land. Vieles, aber nicht das System an sich. Nicht unsere Orientierung an Fakten und Wissenschaft, nicht die repräsentative parlamentarische Demokratie. Doch genau diese Grundpfeiler werden durch solche Pseudomedien und die Verbreitung in den sozialen Medien angegriffen und zerstört. Wehret den Anfängen. In den USA ist Trump so Präsident geworden. Die Menschen verwerfen alles als "Lüge", was nicht ihrer Meinung entspricht und glauben dafür alles, was auf dubiosen Internetseiten steht - wortwörtlich.
Trump hat den Menschen versprochen, sich für den "kleinen Mann" einzusetzen und den Wall-Street-Sumpf trockenzulegen. Prima. Da bin ich auch für. Super Ziele. Doch jetzt, nachdem er gewählt wurde, holt er sich lauter Wall-Street-Insider und altgediente Republikaner in sein Team. Es zeichnet sich jetzt schon ab, dass er nicht daran interessiert ist, dem kleinen Mann zu helfen, sondern eher sich selbst. Doch dann ist es zu spät, sich aufzuregen und sich zu wehren.

Und es ist leider nichts einfach, nichts schwarz und weiß auf der Welt. Man kann zum Beispiel der Nato und der Russlandpolitik der 90er Jahre kritisch gegenüberstehen. Man kann anerkennen, dass "der Westen" sich nach Ende des kalten Krieges zu arrogant als "Sieger" betrachtet hat und eine andere Politik vielleicht geschickter und besser gewesen wäre. Gleichzeitig kann man aber dennoch kritisch gegenüber Russland sein und nicht per se alles entschuldigen und toll finden, was Putin sagt und tut. Wer sich hier schon darüber aufregt, dass er angeblich "gar nichts sagen darf" oder "es keine Meinungsfreiheit" gebe, der soll sich zum Beispiel mal mit den Mädels von Pussy Riot unterhalten.
Dieses Neigen zum Vereinfachen und Herumschreien, das ist die ganz große Gefahr. Wir driften in Ideologien, die wir nicht mehr in der Lage sind, nüchtern und faktisch zu betrachten. Wohin das führt?
Das können wir in Geschichtsbüchern nachlesen. Wir brauchen aber auch nur einen Blick in andere Länder zu werfen.

Nutzt eure Freiheit, euch zu informieren, solange ihr das noch dürft und könnt. Wenn ihr unsere Demokratie für eine Diktatur haltet, in der es keine Meinungsfreiheit gibt, dann wartet mal ab, bis ihr wirklich keine Freiheit mehr habt, euch zu äußern.  

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