Sonntag, 20. November 2016

Sonntagsbrunch mit dem Autor Thomas Jeier




Wir steigern heute einmal die Männerquote beim Sonntagsbrunch. Aber nicht nur deswegen freue ich mich, dass Thomas Jeier für uns Zeit gefunden hat. Der vielseitige Autor hat über zweihundert Romane, Sachbücher, Reisebücher und Kinderbücher veröffentlicht und kommt viel in der Weltgeschichte herum, wobei es ihm vor allem die USA angetan haben. Ich freue mich auf ein interessantes Gespräch.

(c) Ralf Eyertt


Lieber Thomas, für alle Autoren gibt es zunächst die obligatorischen Brunch-Fragen:

Kaffee oder Tee? 
Milch, Zucker, schwarz? 
Herzhaft oder süß?
Warm oder kalt?

Nesquik, kalt. Den mit weniger Zucker.

1. Du reist viel in die USA und deine Romane und Sachbücher zeigen, dass du dich dort nicht nur sehr wohlfühlst, sondern auch exzellent auskennst. Angesichts der aktuellen Entwicklungen liegt die Frage an dich als USA-Experten nahe: wie hast du den Präsidentschaftswahlkampf in den USA erlebt und – hat dich das Ergebnis überrascht?

Ich habe den Wahlkampf in den USA verfolgt und mir beide Conventions mit fast allen Reden im Fernsehen angesehen. Damals hätte ich sonst was darauf gewettet, dass Trump irgendwann aussteigt oder aussteigen muss. Die Wahl war für mich – wie wohl für die meisten Europäer – eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Das Ergebnis hat mich natürlich überrascht, vor allem, dass bei den vielen Beleidigungen und sexistischen Äußerungen so viele Frauen für ihn gestimmt haben. Ich vertraue jetzt darauf, dass nicht alles so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde, und Trump nicht alle seine Wahlkampf-Versprechen erfüllt. 

2. Für das Bayrische Fernsehen hast du auch einige Dokumentarfilme gedreht. (Dein Film über Nashville wurde von der Münchner "Abendzeitung" mit dem "Stern der Woche" ausgezeichnet.) Wie kommt man dazu? Hattest du bereits Film- und Fernseherfahrung?

Das ist eine ganze Weile her. Ich habe über zehn Jahre lang auf Bayern 3 und später auf Bayern 1 eine wöchentliche Country-Music-Sendung gestaltet und moderiert. Beim selben Sender lief eine Country-Sendung im Fernsehen. Auf die Weise sind der Regisseur und ich zusammengekommen. Für unseren Film über Inuit kontaktierte mich ein Kameramann, der mein Sachbuch „Die Eskimos“ gelesen hatte.

3. Für deine romantischen Abenteuerromane und die „Clarissa“-Serie hast du dir ein Pseudonym (Christopher Ross) gegeben. Was steckt hinter der Entscheidung für ein Pseudonym?

Mit meinem richtigen Namen verbinden viele Amerika, Indianer und Reisebücher. Die „Clarissa“-Romane sind „romantische Abenteuerromane“, also etwas anderes, und der Verlag und ich wollten es Buchhändlern und Leserinnen/Lesern einfacher machen, sich für ein bestimmtes Genre zu entscheiden. Inzwischen bin ich als „Christopher Ross“ wesentlich bekannter. 

4. Du hast für eine Jugendzeitschrift gearbeitet, bevor du dich als freier Autor selbstständig gemacht hast, warst also quasi Berufsjugendlicher. Wie schafft man es als Erwachsener bei der Jugend am Puls zu bleiben?

Indem man Kinder in die Welt setzt und sie täglich um sich hat. Meine beiden Söhne sind sechs Jahre auseinander, da bekommt man einiges von der Jugend mit und bleibt selbst jung. Ich war immer jung gepolt, interessiere mich für alles Neue und sperre Augen und Ohren weit auf.

5. Du hast im Karl-May-Verlag zwei Winnetou-Romane veröffentlicht und ein Karl-May-Reisebuch (Auf Winnetous Spuren). Außerdem hast du über Country-Musik sowie Liedtexte für deutsche Country-Sänger geschrieben. Da frage ich mich: was war zuerst, die Henne oder das Ei? Kamen zuerst Karl-May-Bücher und Country-Musik und dadurch deine Faszination für Nordamerika oder war es umgekehrt?

Die Faszination für Nordamerika und seine Kultur und Geschichte kam schon in jungen Jahren. Ich wuchs in Frankfurt mit dem AFN, dem amerikanischen Soldatensender, auf, wurde auf die Weise mit amerikanischer Musik und Lebensart vertraut, hörte Hörspiele, z.B. „Rauchende Colts“, das später auch als TV-Serie bekannt wurde. Über Karl May und Heftromane kam mein Interesse für Indianer und die amerikanische Pionierzeit. Ich knüpfte Kontakte nach Amerika, gewann neue Freunde und wurde zum Pendler zwischen Amerika und Deutschland. Das Interesse für Country Music entwickelte sich, als ich in einem Sachbuch über Cowboys ein Kapitel über Western-Musik schrieb und ich bei den Recherchen auf Johnny Cash aufmerksam wurde. 

6. Bei welchem Buch würdest du dir wünschen, dass du es geschrieben hättest?

Sagen wir mal so: „Von Mäusen und Menschen“ ist ein nahezu perfektes Buch. Ich bin ein großer Fan von John Steinbeck, Ernest Hemingway und Noir-Krimi-Autoren wie Chandler, Hammett, John D. MacDonald und Charles Williams.

7. Was ist für dich das Schönste am Schreiben?

Dass ich mehrere Leben leben kann, die Freude am Fabulieren, die Zufriedenheit, wenn mir eine Passage gut gelungen ist. 

8. Was ist für dich die größte Schwierigkeit beim Schreiben?

Bei mehrteiligen Romanen nicht den Überblick zu verlieren. Das, was man bei Filmen „Continuity“ nennt. 

9. Passiert es dir, dass sich Charaktere auch schon einmal verselbstständigen und Dinge tun, die du so gar nicht geplant hattest? 

Ständig. Ich habe zwar ein Exposé, lasse der Handlung aber oft freien Lauf. Das schafft mehr Spannung für Leserinnen und Leser. Dabei merkt man, dass sich manche Charaktere anders verhalten, als man es geplant hatte. 

10. Trifft dich Kritik? Wie gehst du damit um?

Kritiken nerven manchmal. Vor allem, wenn die Sterne-Verteiler“ persönlich werden und einem eins auswischen wollen. Aber mit den Jahren bin ich relativ unempfindlich dagegen geworden. Konstruktive Kritik nehme ich an. 

Ich danke dir, dass du dir die Zeit für meinen Sonntagsbrunch genommen und dich meinen Fragen gestellt hast und wünsche dir weiterhin so viel Erfolg mit deinen Büchern und Projekten und dass du den Spaß daran nie verlierst.

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