Sonntag, 11. Dezember 2016

Sonntagsbrunch mit der Autorin Regine Kölpin


Am heutigen Sonntag wird es kriminell. Ich darf mich nämlich mit Regine Kölpin unter anderem über ihre Krimis und kriminellen Freizeitführer unterhalten. Wenn man auf ihre Publikationen schaut, sieht man aber, dass Regine sehr vielseitig ist und auch ohne Blutvergießen auskommen kann. Ich freue mich auf einen interessanten Brunch.




Liebe Regine, für alle Autoren gibt es zunächst die obligatorischen Brunch-Fragen:

Kaffee oder Tee? Kommt auf die Tageszeit an


Milch, Zucker, schwarz? Nur Milch im Kaffe. Ostfriesentee aber bitte mit Kluntje und „Wulkje“

Herzhaft oder süß? Eher herzhaft, aber Schokolade muss auch immer mal sein

Warm oder kalt? Warm!!!!

1.Seit deinem fünften Lebensjahr lebst du in Friesland und ziehst auch viel Inspiration aus deiner Umgebung. 2011 wurdest du zur Starken Frau Frieslands ernannt. Wie friesisch bist du, worin zeigt sich das und was ist das Faszinierendste an der Region?

Ich bin zwar gebürtig aus dem Ruhrgebiet, aber eindeutig friesisch sozialisiert. Ich liebe die Menschen mit ihrer Gelassenheit und ich liebe die plattdeutsche Sprache. Da kann man zu einem Kind auch mal „Schietbüdel“ sagen, das ist ganz liebevoll. Übersetzen sollte man das aber besser nicht. 

Dann liebe ich die Region mit ihrer Weite, die Nähe zur Nordsee, die zu jeder Jahreszeit überaus faszinierend ist. Was gibt es Schöneres, als am Wattsaum entlangzulaufen und die Möwen und andere Seevögel rufen zu hören. Dann dem beruhigenden Meeresrauschen zu lauschen, aber auch dem „Knistern" vom Watt bei Ebbe.

Friesland ist was Besonderes und mir kommt es stets so vor, wenn ich nach Hause fahre, als tickten die Uhren kurz nach Oldenburg langsamer.

2.Fünf (erwachsene) Kinder, zwei Enkel, Haus und Garten – wie hast du da Zeit zum Schreiben gefunden? Hast du ein System, das du mir empfehlen kannst?

Als die Kinder klein waren, habe ich die Pausen genutzt. Wenn sie im Kindergarten oder in der Schule waren. Da habe ich aber auch wesentlich weniger geschrieben als jetzt. Mittlerweile bin ich ja mit meinem Mann allein zu Hause. Theoretisch.

In der Praxis ist immer jemand da, eines der Kinder mit Partner, die Enkel… und das genießen mein Mann und ich auch. 

Aber das Schreiben gehört zu meinem Alltag und da alle meine Kinder und auch mein Mann künstlerische Neigungen haben, sie spielen Theater oder machen Musik, ist es selbstverständlich, dass ich Raum für meine kreativen Prozesse brauche. Das akzeptiert die Familie ohne Probleme. Schreiben ist mein Beruf, ich nehme das sehr ernst. Wenn ich es nicht tue, wer dann? Ich glaube, so habe ich das auch immer gut vermitteln können. 

3. Ich lese in deiner Vita, dass du „historisch kriminelle Stadtführungen“ machst. Das klingt super spannend. Kannst du uns ein bisschen darüber erzählen? Ich nehme an, da fließt einiges in deine „kriminellen Freizeitführer“ ein? („Wer mordet schon … an der Mecklenburger Bucht?“ „ … auf Usedom“, „ … am Wattenmeer“). 

Nein, die historischen Stadtführungen beziehen sich auf meine historische Romanreihe um die Hebamme Hiske Aalken, auch als „Die Lebenspflückerin“ bekannt. Es gibt im Augenblick drei Bände, der vierte erscheint 2018, parallel mit einem Musical zu Band 1. Es geht in der Reihe u.a. um die Religionsgeschichte Ostfrieslands im 16. Jahrhundert. Bei den Führungen in Jever lasse ich die Zuhörer teilhaben an meiner Figurenentwicklung, denn Hiske erlebt, bevor ich in die Romanreihe einsteige, einen „Zaubereiprozess“. So wurden die Hexenprozesse hier damals tituliert. Hiske muss deshalb fliehen. Anhand von wahren Prozessakten habe ich einen Hexenprozess gestrickt, dem Hiske Aalken ausgesetzt ist. Und das dürfen die Zuhörer seit nun 5 Jahren erleben und es läuft noch immer.

4.Mit deiner „Oma“-Reihe (Oma zeigt Flagge, Oma geht campen) hast du dich auf mordfreies Terrain gewagt. Genießt du es, auch mal niemanden um die Ecke bringen zu müssen oder juckt es dich dann auch wieder in den Fingern?

Ich liebe es, mal nicht zu morden und die Welt mit einem Augenzwinkern zu betrachten. Da ich mich vom klassischen Kriminalroman schon seit 2010 verabschiedet habe, juckt es nicht so sehr in den Fingern, jemanden umzubringen. Kann zwar sein, dass ich mal wieder den einen oder anderen Mord dazwischenschiebe. Vor allem im Kurzkrimibereich wie in den Kriminellen Freizeitplanern, mache ich das immer wieder ganz gern, aber als Kriminalroman geplant ist da vorerst nichts.

Mich fasziniert allerdings generell die Abwechslung. Neben den humorvollen Oma-Romanen reizen mich der historische Roman und der ernsthafte Familienroman am meisten.

5.Deine „Hiske Aalken“-Krimis spielen im historischen Friesland Mitte des 16. Jahrhunderts. Wie bist du gerade auf diese geschichtliche Epoche gekommen und wie schwer ist es, für die Bücher zu recherchieren?

Ich wollte schon immer historische Romane schreiben, die wirklich hier in meiner Heimat spielen. Da im 16. Jahrhundert Ostfriesland als die Hochburg für Glaubensflüchtlinge aus Holland galt, zeitweise neben Wittenberg und Genf, Emden sogar als drittes reformatorisches Zentrum gehandelt wurde, und zudem zwei führende Münsteraner Täufer nach Gödens geflüchtet waren und zu großem Ruhm gelangt sind, war das eine Steilvorlage.

Ich habe allerdings zu Beginn nicht geahnt, wie viel Recherche das bedeutet, es waren dann drei Jahre. Glücklicherweise haben wir hier tolle Heimatforscher, die mir auf wunderbare Weise weitergeholfen haben. Neben Museen, Literatur und so weiter. Jeder, der historisch schreibt, kenn das ja. Es ist aber ein Faszinosum, das unglaublich inspirierend ist.

6. Bei welchem Buch würdest du dir wünschen, dass du es geschrieben hättest?

Schwere Frage… Ich finde von der Idee her „Die Wand“ von Marlen Haushofer unglaublich gekonnt.

7. Was ist für dich das Schönste am Schreiben?

Dieses Abtauchen in eine neue Welt, Figuren miteinander spielen zu lassen. Diese immer wiederkehrende „ Was wäre wenn-Frage“ zu beantworten und die Mitspielenden nach ihrer Fasson reagieren zu lassen, oft eben vor wahren historischen Begebenheiten, die so wieder lebendig werden … Mit den Figuren zu leiden, sich mit ihnen zu freuen. Aber dann auch wieder die Welt mit einem Augenzwinkern darzustellen und alles nicht so bierernst zu nehmen. Dann schreibe ich mit einem Lächeln im Gesicht.

8. Was ist für dich die größte Schwierigkeit beim Schreiben?

Die beginnt bei mir immer so um Seite 100 herum. Da bekomme ich immer Zweifel, ob wirklich alles so funktioniert, was ich mir überlegt habe. Dann überarbeite ich meist und wenn das überwunden ist, läuft es in der Regel von allein.

9. Passiert es dir, dass sich Charaktere auch schon einmal verselbstständigen und Dinge tun, die du so gar nicht geplant hattest?

Ständig. Ich bin kein großer Vorausplaner, weiß das Thema, kenne meine Figuren sehr gut und weiß, wohin ich will. Alles andere ergibt sich beim Schreiben, da lasse ich mich liebend gern überraschen. Alles genau vorher zu wissen, würde mich einengen und vielleicht auch ein bisschen langweilen. Ist etwas unorthodox, aber jeder muss ja seinen eigenen Weg finden. In der Kreativität gibt es ohnehin für mich kein Richtig und kein Falsch. Das Ergebnis zählt. 

10. Trifft dich Kritik? Wie gehst du damit um?

Natürlich trifft mich Kritik. Jedes Buch, jeder Text ist ja schon auch immer ein Stück von sich, was man in die Welt sendet. Ich weiß vom Kopf her, dass man nicht alle Welt mit seinem Schreiben glücklich machen kann und man auch immer wieder auf Kritik treffen wird. Ist diese Kritik sachlich und konstruktiv, kann ich das auch gut verkraften, es bringt mich zum Nachdenken, auch wenn ich dem trotzdem nicht immer zustimme. Unsachliche und verletzende Kritik hingegen ärgert, aber ich glaube, auch andere können das gut einschätzen. Schlussendlich hilft eigentlich nur weitermachen.

Liebe Regine, ich wünsche dir weiter viel Freude und Erfolg mit deinen Büchern – ob mit oder ohne Leichen und bedanke mich für dieses interessante Brunch-Interview.

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