Donnerstag, 1. Dezember 2016

Zum Abgewöhnen: die Zukunft der Schullektüre


Erinnert ihr euch noch daran, was ihr in der Schule gelesen habt? Wenn man mit Leuten darüber spricht, was sie im Deutschunterricht gelesen haben, passiert oft Folgendes: 
Die Gesprächsteilnehmer breiten unter Stöhnen ein literarisches Gruselkabinett aus und versuchen, sich darin zu überbieten, wer in der Schule am meisten gequält wurde. "Wir mussten den Untertan lesen. Gott, war das ätzend!" - "Das ist doch noch gar nichts. Wir wurden mit Wedekind gefoltert. Frühlingserwachen." Daran hat sich leider nicht viel geändert. Auch meine Neffen quälen sich mit Texten, von denen Gottfried Kellers "Kleider machen Leute" noch das Lesbarste ist. 

Ich bin Germanistin und ich lese gern und viel. Über die Jahre, vor allem im Studium, habe ich auch gelernt, Klassiker zu verstehen und genießen zu können. Ich kenne literaturgeschichtliche Epochen, kann Texte in einem historischen Kontext verstehen, habe einen Sinn für Sprachästhetik und kann so auch Lyrik mit Genuss lesen. Ich glaube, dass Lesen eine der wichtigsten Kulturfähigkeiten ist, weil wir unsere Erfahrungen, Gefühle und Geschichte weitergeben können an kommende Generationen. Mündlich Tradiertes ist nicht so verlässlich und langlebig wie schriftliche Zeugnisse. Natürlich weiß ich um den kulturellen Wert der Klassiker und sehe durchaus auch Argumente für Kanonliteratur. 

ABER … 


Wir müssen uns bewusst werden, dass immer weniger Leute überhaupt freiwillig lesen. Diejenigen, die es tun, lesen meistens sogar viel. Aber es gibt eine große Gruppe Menschen, die freiwillig niemals ein Buch zur Hand nehmen würde. Und inzwischen ist es auch kein Stigma mehr, das kundzutun. Im Gegenteil. Viele sind stolz darauf. Und im designierten US-Präsidenten haben sie derzeit noch ein prominentes Vorbild bekommen. Heute ist das Stigma eher umgekehrt: wer liest, gilt als Nerd.
Bücher konkurrieren heute nicht nur mit Fernsehen und Kino, sondern auch mit Computerspielen, interaktiven Angeboten, Smartphones, Chats und Messengern, sozialen Netzwerken und so weiter. Gerade die jungen Leute sind schnellen Medienkonsum gewohnt. Da muss immer was passieren. Action, schnelle Schnitte. Damit können schon Bücher kaum mithalten, die für die Zielgruppe gedacht sind. 

Ein wenig ist das wie im Sport. Im Sportunterricht meiner Kindheit und Jugend wurde Menschen wie mir, die nicht mit sportlichem Ehrgeiz und ausgeprägtem Bewegungsdrang gesegnet sind, konsequent der Sport verleidet. Nach dreizehn Jahren Schulsport glaubte ich, vollkommen unsportlich zu sein und schon beim Anblick einer Turnhalle stellten sich mir die Nackenhaare auf. Dass ich mich irgendwann doch noch in der Uni aufgerafft habe und Sportarten gefunden habe, die ich mag und in denen ich gut bin, grenzt an ein Wunder.
Ähnlich ist es im Deutschunterricht. Diejenigen, die viel lesen, quälen sich durch die Pflichtlektüre, schreiben ihre Arbeiten und vergessen dann schnell alles wieder. Diejenigen, die nicht lesen, sind mit den Texten haltlos überfordert, fühlen sich in allen ihren Vorurteilen über Bücher bestätigt und werden in ihrem Leben nie wieder freiwillig eines anfassen. 

Hinzu kommt, dass weniger über Inhalte gesprochen wird. Die Texte müssen meistens analysiert werden, bis ins Kleinste seziert, bis sie auch wirklich der Letzte nur noch zum Brechen finden kann. 

Welchen Wert hat es dann, etwas "kulturell und literarisch Wertvolles" zu lesen, wenn es einfach nicht ankommt? Ist es dann nicht schlauer, Lust aufs Lesen zu machen? Lesen als Kulturtechnik an spannenden Texten überhaupt erst wieder zu üben und zu trainieren? Sollten Unter- und Mittelstufe nicht ausschließlich dem reinen Lesen gewidmet sein? Ist es nicht wahrscheinlicher, dass sich junge Menschen, die gerne und viel in der Schule gelesen haben, irgendwann auch mal einen Klassiker schnappen? Und wenn nicht: geht davon das Abendland unter? Beziehungsweise: geht es davon schneller unter, als wenn große Gruppen von Menschen einfach überhaupt nicht mehr lesen? Ich wage zu behaupten, dass Letzteres wesentlich schlimmer ist. 

Warum also immer dieser literaturwissenschaftliche Anspruch? Warum wird nicht mehr gemeinsam gelesen? Vorgelesen? Warum kann man nicht einfach ein Buch lesen und dann über das sprechen, was die Schüler bewegt - egal, was es ist? Und kann man nicht auch an trivial scheinende Bücher interessante Diskussionen anknüpfen? Ich bin weiß Gott kein Fan von Stephenie Meyers "Twilight", aber wenn das meine Schüler zum Lesen bringt? Warum nicht? Und warum dann nicht erst einmal die Team Edward/Team Jacob-Debatte führen und dann vielleicht auch mal intelligentere Fragen erörtern wie: wenn du als Vampir Blut brauchst, um zu überleben - bist du dann böse, wenn du tötest? Wie ist das mit uns und unserem Fleischkonsum? Man könnte Schreibanlässe schaffen wie: "Stell dir vor, du könntest ewig leben. Würdest du es wollen? Begründe deine Meinung". Ob der Inhalt kulturell wertvoll ist oder nicht, es würde die Schüler dazu bringen, Texte zu lesen, zu verstehen, darüber nachzudenken und sich dazu schriftlich zu äußern. 
Harry Potter - wer noch nicht kapiert hat, dass die Todesser und Voldemort sowie Grindelwald und seine Idee von den Zauberern als Herrenrasse Parallelen zu diversen totalitären Systemen - insbesondere Nazi-Deutschland - aufweisen, ist selbst schuld. Warum also nicht Harry Potter lesen statt Borchert und Co.? Daran lässt sich die finstere deutsche Vergangenheit ebenso plastisch demonstrieren, ohne dass die Kinder und Jugendlichen automatisch abschalten. 

Damit meine ich nicht, dass ausschließlich Unterhaltungsliteratur gelesen werden muss, aber ich denke, es ist Zeit, die Texte nicht immer zu Tode zu analysieren. Wenn man über Klassiker spricht, dann kurz und knackig. Manchmal reicht es dann auch, eine Zusammenfassung zu lesen und einzelne Szenen im Original. Wenn man denn unbedingt analysieren muss, dann meinetwegen noch die Kurzgeschichten. Schon bei Lyrik bin ich mir da nicht so sicher, ob man wirklich alle Feinheiten besprechen muss? Wichtig ist ja eigentlich nur: was ist eine Metapher, was ist Bildsprache, wie beeinflusst etwas den Klang und damit den Ausdruck? Dafür muss man aber nicht seitenweise rhetorische Stilmittel auswendig lernen. Die werden dann in der Klassenarbeit eh nur aufgezählt, ohne dass ihre Wirkung auf den Leser erläutert würde. (In Zeile 3 steht eine Anapher). Viel beeindruckender: Theater-Workshop bei Patrick Spottiswoode, Textzeilen in fünfhebigen Jamben laut skandieren und dabei durch den Raum schreiten. Mal gucken, was das mit einem macht. ;-) Mal ausprobieren, wie dasselbe in Prosa klingen würde. Es gibt da so viele spielerische Möglichkeiten mit Texten und Sprache umzugehen. So vieles, was mehr Lust aufs Lesen und auf die Sprache machen könnte als das ewige Analysieren.

Die wenigsten der Schüler werden Literaturwissenschaftler. Trotzdem tun wir so, als müssten sie es. Ich finde, das sollte man für die Oberstufe aufheben und auch da in deutlich reduzierter Form. Im Deutsch-LK kann man dann ja Vollgas geben. Aber da hätten die Schülerinnen und Schüler im Idealfall dann ja auch schon zehn Jahre Leselust erworben. 

Ich jedenfalls glaube, es ist an der Zeit, den Umgang mit Literatur im Deutschunterricht radikal zu verändern. Wir unterrichten an den Realitäten vorbei und hängen immer mehr Schüler ab. Machen wir doch wieder richtig Bock aufs Lesen!

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