Mittwoch, 18. Januar 2017

Autorenwahnsinn, Tag 18


Tag 18: Heute wollen wir ein Zitat aus deinem ersten Manuskript lesen!
Alternative: Sollte dein aktuelles Manuskript dein erstes Manuskript sein,
dann poste daraus einen Auszug!



Das ist jetzt gar nicht so leicht, wie es sich anhört. Denn ich bin mir nicht sicher, was mein "erstes Manuskript" ist. Ist es der erste Roman, den ich zuende geschrieben habe? Ist es die erste veröffentlichte Kurzgeschichte? Zählt Fanfiction? Oder das erste Print-Buch?

Ich nehme jetzt mal einfach den ersten Roman, den ich beendet habe. Es handelt sich dabei um mein erstes Jugendbuch "Herzschmerz und Pommes Frites mit Essig".  


Pausenbrote, un(v)erhoffte Nachrichten und andere Katastrophen

„Mann, das ist doch echt bescheuert!“ Ich bin sauer. Die Coladose auf dem Boden kann zwar nichts dafür, bekommt aber trotzdem einen Tritt.
„Was ist denn los?“, will Mirjam wissen, die hinter mir auf den Pausenhof trottet. „Was ist das überhaupt für ein Brief, den die Schrage dir gerade gegeben hat? Für deine Eltern?“
"Ja", seufze ich. Ungläubig schaut Mirjam mich an. Tja, eine absolute Rarität, Musterschülerin und Traumtochter Kristin Wildenbruck bekommt einen Brief für die Eltern.
„Gibt’s Ärger?“ fragt Mirjam verwundert. „Was hast du denn angestellt?“
Sie sieht mich an als ob sie auf eine spannende Story wartet, aber ich muss sie enttäuschen. Manchmal würde ich mich ja gerne mal so richtig daneben benehmen. So, dass es einen Brief von der Schrage an meine Eltern wert wäre. Aber ich bin einfach zu vernünftig. Und zu feige, wenn ich ehrlich bin.
„Nichts habe ich angestellt. Ich hab mich doch für dieses Schüleraustauschprogramm beworben.“
„Daff im Emmland?“ nuschelt Mirjam durch einen Mund voll Butterstulle.
Danke für die Aufmerksamkeit, Mirjam. Dein Magen ist mal wieder wichtiger als das Elend deiner besten Freundin. Ich schaue sie genervt an.
„Ja, das in England! Ab 50 Gramm wird’s übrigens undeutlich!“
Mirjam schluckt.
„Tschuldige. Aber ich hab wirklich Kohldampf. Ich war heut Morgen zu spät dran und konnte nicht frühstücken. Mir war schon ganz flau.“
„Du Nimmersatt!" sage ich und verdrehe die Augen. "Ich möchte bloß wissen, wo du die ganzen Kalorien lässt.“
Neben Mirjam komme ich mir vor wie ein Moppel. Denn obwohl sie den ganzen Tag ununterbrochen Futter in sich hinein schaufelt, ist sie ein Strich in der Landschaft. Eine ungerechte Welt!
„Hm“, sagt Mirjam und schaut nachdenklich an sich herunter. „Ich glaube, die Kalorien gehen bei mir direkt in die Füße.“ Ich muss lachen. Mirjam hat tatsächlich echt riesige Füße.
Vielleicht ist die Welt doch nicht so ungerecht.
„Aber zurück zum Brief und England“, sagt Mirjam. „Ich verspreche, Sie haben meine ungeteilte Aufmerksamkeit, Frau Wildenbruck.“
Sie wirft noch einen sehnsüchtigen Blick auf das angebissene Käsebrot und wickelt es wieder ins Papier.
„Die Schrage hat mir gerade eröffnet, dass ich angenommen bin. Ich komme an eine Schule in der Grafschaft Surrey, etwas südlich von London. Den Brief soll ich meinen Eltern geben, da steht dann alles genau drin.“
Ich schaue Mirjam erwartungsvoll an, denn ich bin mir sicher, sie wird sofort das volle Ausmaß der Katastrophe begreifen und zustimmen, dass dieser Brief mit Abstand das Schrecklichste ist, was mir gerade passieren konnte.
Doch sie schaut mich nur verwirrt an.
„Na, Mensch. Aber das ist doch prima! Du hast mir doch ewig in den Ohren gelegen, dass du unbedingt nach England willst. Und jetzt klappt’s und du ziehst ne Schnute? Versteh ich nicht.“
Ich rolle die Augen. Manchmal ist Mirjam aber auch wirklich schwer von Begriff. Wie kann sie nur vergessen haben, dass sich mein tristes Dasein als uncoole Ungeküsste seit acht Wochen und drei Tagen von Grund auf verändert hat? Ich gebe ihr ein Stichwort: „Malte?!“
„Ach, Mensch, na klar. Malte. Wie konnte ich den vergessen!“, Mirjam schlägt sich mit der freien Hand vor die Stirn.
„Siehst du, das kommt davon, wenn ich nicht genug zwischen die Kiemen bekomme. Ich unterzuckere und dann setzt es oben aus. Oh, Mann…das nenn ich jetzt wirklich mal schlechtes Timing. Frisch verliebt und dann das!“
Na. Wenigstens begreift sie jetzt mein Dilemma.
„Das Leben ist echt mordsmäßig ungerecht. Die ganze Zeit spiele ich 'weiblich, ledig, jung sucht...' und kaum habe ich auch mal ein Liebesleben, soll ich plötzlich nach England. Über 600 Kilometer weit weg. Zehn Monate, Miri! Das ist doch eine Ewigkeit!“
„Da hast du Recht“, nickt Mirjam und macht sich daran, ihr Frühstück wieder auszuwickeln. „Sorry, aber darauf brauch ich nun wirklich erst einmal einen Happen.“ Sie beißt herzhaft in ihr Brot.
„Zehn Monate! Ausgerechnet jetzt! Mein Leben ist die Hölle!“, jammere ich verzweifelt. Es ist doch zum Auswachsen. Mit fünfzehn – nein, sogar fast sechzehn - Jahren endlich mal den ersten richtigen Freund und schwupp, soll man ins Ausland verschifft werden. Vor Malte hat sich doch keiner richtig für mich interessiert. Die liebe, nette, brave Kristin. Ein netter Kumpel, aber mehr auch nicht. Doch seit zwei Monaten ist alles anders. Ich werde sogar auf die ganz coolen Partys eingeladen. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass jemand wie Malte sich für mich interessiert und manchmal muss ich mich sogar kneifen, um zu sehen, ob ich nicht doch träume.
Und wenn man endlich mal dazugehört, den tollsten und süßesten Freund der Welt hat mit den schönsten grünen Augen und süßesten wuscheligen blonden Haaren, man ganze Schmetterlingsgroßstädte im Bauch hat - wenn man also quasi endlich da angelangt ist, wo man schon immer hin wollte, dann soll man plötzlich für zehn Monate ins Ausland?!
„Kannst du nicht einfach deinen Eltern sagen, dass du es dir anders überlegt hast?“, schlägt Mirjam vor.
Einfach. Als ob Mirjam nicht am besten wüsste, dass mit meinen Eltern zu diskutieren niemals 'einfach' ist. Mama macht immer auf verständnisvoll, aber letzten Endes hält sie dann doch zu Papa und der hat nun mal seine 'Prinzipien'.
„Die verstehen das nicht", sage ich. „Dann sagt Papa wieder, dass ich immer bloß alles anfange und aufhöre, wenn es unbequem wird. Wie mit dem Klavierspielen oder mit dem Meerschweinchen damals. Bla bla bla. Ich kenne das doch.“
„Schon klar“, meint Mirjam. „Meine Ma ist doch genauso. Aber verstehen müssen sie es ja auch nicht. Zwingen können sie dich jedenfalls nicht, oder? Da gibt es doch bestimmt Gesetze gegen. Man kann doch sein Kind nicht gegen dessen Willen ins Ausland abschieben.“
„Das ist auch wieder wahr“, stimme ich zu. „Ich krieg aber bestimmt ganz schön was zu hören.“
„Da mufft du jepf durff!“ sagt Mirjam ungerührt durch einen Bissen Käsebrot.
Ich nicke. Irgendwie hat sie ja Recht. Da muss ich jetzt wohl durch. Ich kann jedenfalls auf keinen Fall nach England fahren.



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