Sonntag, 29. Januar 2017

Sonntagsbrunch mit der Autorin Mascha Vassena


Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich freue mich immer auf die sonntäglichen Brunch-Besuche hier bei Wortwucher. Durch die Interviews habe ich schon so viele unglaublich interessante und nette Kolleginnen und Kollegen der schreibenden Zunft kennengelernt und durfte sie euch hier vorstellen. Heute habe ich auch wieder einen wunderbaren Brunch-Gast für euch, nämlich die Autorin Mascha Vassena. Sie schreibt Romane, bloggt und gibt Kurse für Autoren und wird sich uns hier heute ein bisschen näher vorstellen.

(c) Jim Fok


Liebe Mascha, für alle Autoren gibt es zunächst die obligatorischen Brunch-Fragen:

Kaffee oder Tee? Kaffee. Große Tasse, bitte!
Milch, Zucker, schwarz? Einen Löffel Zucker, reichlich Milchschaum und darauf etwas Zimt.
Herzhaft oder süß? Erst Nougatcroissant, dann Rühreier mit Speck.
Warm oder kalt? Beim Brunchen beides.

1. Bevor du angefangen hast, als freie Journalistin zu arbeiten, hast du "Kommunikationsdesign" studiert. Was kann ich mir denn darunter vorstellen? Geht es da um Optimierung von Kommunikation oder geht es in Richtung PR? Kannst du uns da mal ein bisschen erhellen?

Die Bezeichnung »Grafikdesigner« ist wahrscheinlich geläufiger, wobei im Kommunikationsdesign besonderer Wert darauf gelegt wird, Inhalte visuell so zu gestalten, dass sie möglichst verständlich werden. Es genügt also nicht, dass etwas hübsch aussieht, sondern die Gestaltung unterstützt den Inhalt. Dadurch habe ich mich schon im Studium daran gewöhnt, konzeptionell zu denken, was auch beim Plotten sehr nützlich ist.

2. Du hast mehrfach Auszeichnungen und Stipendien erhalten, unter anderem den Hamburger Förderpreis für Literatur. Ich kann mir vorstellen, dass einen so etwas unglaublich stolz macht. Was wäre für dich noch ein Traum-Karriereziel für deine weitere Zukunft als Autorin?

Stipendien und Ehrungen sind natürlich eine große Anerkennung und darüber hinaus auch finanziell hilfreich, vor allem für junge Autoren. Ohne die Stipendien hätte ich mich niemals so intensiv mit dem Schreiben befassen können. Man bekommt auch mehr Aufmerksamkeit, wenn man aus der Masse der Jungautoren herausragt. Meine Agentur hat mich zum Beispiel „entdeckt“, als ich beim Open Mike gelesen habe.
Die Anerkennung der Leser ist aber mindestens genauso wichtig, weil sie mich als Autor langfristig trägt, sowohl ideell als auch wirtschaftlich.
Wenn mir ein Buch gelänge, das sehr, sehr viele Menschen gerne lesen möchten, wäre das natürlich großartig. Kann man aber nicht planen, das passiert oder eben nicht. Gegen eine Verfilmung hätte ich auch nichts einzuwenden. Ich finde sogar, meine Romane wären ganz hervorragend fürs Fernsehen adaptierbar, ideale Samstagabendunterhaltung, liebe mitlesende Filmproduktionsfirmen!

3. Im September 2016 ist dein aktueller Roman "Das Mitternachtsversprechen" erschienen. Pralinen, dunkle Familiengeheimnisse, ein faszinierendes Setting im Turin der Nachkriegszeit - für mich klingt das nach einem Erfolgsrezept. Welche "Zutaten" braucht es deiner Meinung nach für einen richtig packenden Roman?

Wenn man Genreliteratur schreibt, muss man einerseits gewisse Lesererwartungen erfüllen, andererseits auch überraschen, indem man etwas hinzufügt, das kein anderer Autor auf diese Art kann.
Ich spiele gerne mit Elementen, die der viktorianischen Schauerliteratur entlehnt sind, auch wenn meine Romane in der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit spielen: Große alte Häuser, verschlossene Dachböden und dunkle Keller, schaurige Familiengeheimnisse, die nach und nach ans Tageslicht kommen. Dazu gebe ich einen guten Schuss Thrilleratmosphäre. Mein großes Thema ist das, was in der Psychologie »transgenerationale Übertragung« genannt wird, also Probleme und Traumata, die von einer Generation an die nächste weitergegeben werden,so lange sie nicht verarbeitet sind.
Essentiell für einen packenden Unterhaltungroman ist auch, die Neugier des Lesers wachzuhalten, also viele Fragen aufzuwerfen und die Antworten so lange wie möglich hinauszuzögern. Damit die Lösung nicht wie aus dem Hut gezaubert erscheint, müssen wichtige Informationen geschickt platziert werden, manchmal nur in einem Nebensatz, sodass dem Leser erst später bewusst wird, dass die Hinweise die ganze Zeit über da waren und er sie nur nicht gesehen hat. Und falsche Fährten müssen natürlich auch gelegt werden. Es bereitet mir ehrlich gesagt diebisches Vergnügen, die Leser auf diese Art gewissermaßen an der Nase herumzuführen und ganz am Ende die richtige Lösung zu präsentieren.
Ein gut strukturierter Plot ist also das A und O, was nur gelingt, wenn man interessante und vielschichtige Figuren hat. Außerdem muss der Autor sein Thema kennen, also wissen, worum es in seinem Roman geht. Erstaunlicherweise ist das häufig nicht der Fall. Dann passieren alle möglichen Dinge, aber als Leser hat man das Gefühl, die Geschichte bleibt an der Oberfläche, ist nicht mehr als die Buchstaben auf dem Papier.

4. Auf deiner Webseite verrätst du unter anderem, dass du zweimal wöchentlich in einem Coworking Space arbeitest. Wie kann man sich das vorstellen und wie sind deine Erfahrungen damit?
 
Coworking Space ist ja Hipstersprech, früher hieß das schlicht Bürogemeinschaft. Zum ersten Mal habe ich das vor 18 Jahren in Hamburg gemacht: Ich arbeitete als Journalistin und fand es deprimierend, außerhalb der Recherche den ganzen Tag alleine zu Hause vor dem Rechner zu sitzen. Eine Freundin erzählte mir von einer Bürogemeinschaft in der alten Hauptpost am Bahnhof. Dort habe ich dann einen Raum gemietet. Außer mir gab es unter anderem eine Location Scout, ein Modelabel, einen Fotograf, eine Webdesignfirma und alle möglichen anderen Kreativen. Wir belegten die siebte Etage des leerstehenden Gebäudes, nutzten das Dach für unsere Parties und fuhren in den leeren Posthallen Inline-Skates. Und ab und zu haben wir sogar gearbeitet.
Meine jetzige Bürogemeinschaft ist ein bunter Haufen aus Regisseuren, Architekten, Fotografen und Journalisten. Wir residieren in einer Jugendstilvilla mit Garten, die uns durch glückliche Umstände in die Hände gefallen ist. Im Erdgeschoss gibt es einen Ausstellungsraum, in den beiden Stockwerken darüber Büros. Ich habe an zwei Tagen einen Schreibtisch im offenen Dachgeschoss, sozusagen ein Großraumbüro. Da wird sehr viel gearbeitet, aber man tauscht sich natürlich auch aus und manchmal entstehen daraus gemeinsame Projekte. Zum Beispiel werde ich demnächst den visuellen Auftritt für ein kleines Theaterfestival gestalten. Gefeiert wird natürlich auch des öfteren und im Sommer essen wir zusammen im Garten. Für mich ist es eine wichtige Abwechslung, ins Büro zu gehen. Man wird ja wahnsinnig, wenn man die ganze Woche über alleine an seinem Schreibtisch sitzt. Manchmal ist es mir aber auch zu laut und zu unruhig, das ist ein schmaler Grat, gerade beim Schreiben. Grafikdesign dagegen kann ich auch in einer überfüllten Bahhofshalle machen. Das beansprucht wohl andere Hirnregionen.

5. In deinen Büchern geht es mehrfach um Charaktere, die sich ihrer Vergangenheit stellen müssen. Manch einer sagt ja, es ist besser, die Vergangenheit ruhen zu lassen und nach vorne zu blicken. Was sagst du so jemandem?

 
Das muss jede/r so handhaben, wie er oder sie es für richtig hält. Ich glaube, dass man sich Dinge bewusst machen muss, um sie hinter sich lassen zu können, sonst holen sie einen immer wieder ein. Erst dann kann man wirklich nach vorne sehen und frei seinen Weg gehen. Das gilt vor allem für familiäre Probleme und Rollenzuweisungen, also Dinge die einen von klein auf geprägt haben. Sonst wundert man sich immer wieder, wieso man sich in bestimmten Bereichen selbst sabotiert.

6. Bei welchem Buch würdest du dir wünschen, dass du es geschrieben hättest?
 

Es wäre vermesen, sich das Werk eines anderen Autors aneigenen zu wollen. Aber ich wünschte, ich könnte schreiben wie Andreas Steinhöfel. »Die Mitte der Welt« ist eines meiner Lieblingsbücher. Steinhöfel hat eine gegenwärtige, aber sehr poetische Sprache. Und er ist wirklich in seinen Figuren drin, sieht die Welt ganz durch ihre Augen. Vor so viel Können habe ich Ehrfurcht. Bei Autoren, die ich bewundere, schaue ich mir auch ganz frech ab, wie sie Dialoge aufbauen, wie sie Gefühle beschreiben oder ihre Szenen strukturieren. Nur so wird man besser, wie ein Maler, der die Gemälde der großen Meister studiert.

7. Was ist für dich das Schönste am Schreiben?
 

Die Planung. Beim Plotten fühle ich mich wie ein Detektiv, der einer Geschichte auf die Spur kommen will und sie Stück für Stück ans Tageslicht holt. Das funktioniert aber nur, weil ich mich sehr viel mit den handwerklichen Grundlagen beschäftigt habe und genau weiß, wie man einen »funktionierenden« Roman aufbaut. Mit Inspiration alleine kommt man da nicht weit. In dieser Phase bin ich manchmal richtig aufgeregt, weil sich die Geschichte wie ein Puzzle zusammenfügt. Manchmal ist es aber auch frustrierend, weil es lange dauern kann, bis ein Puzzleteil an seinen Platz fällt und ich bis dahin nicht weiterkomme.
Beim Schreiben selbst tue ich mir vor allem anfangs schwer, bis ich den richtigen Ton gefunden habe. Das wird auch mit der Erfahrung nicht besser, weil man jeden Roman anders angehen muss. Nach einer Weile läuft es dann, und weil ich gut geplant habe, kann ich mich ganz aufs Schreiben konzentrieren. Aber ich lasse auch Veränderungen zu, die sich aus dem Schreiben heraus ergeben.
Am wenigsten liegt mir das Überarbeiten, das finde ich entsetzlich. Seine eigene Geschichte zig Mal lesen zu müssen, ist pure Quälerei.

8. Was ist für dich die größte Schwierigkeit beim Schreiben?


Zu akzeptieren, dass das, was auf dem Papier steht, nie so gut ist wie das, was man im Kopf hatte.

9. Passiert es dir, dass sich Charaktere auch schon einmal verselbstständigen und Dinge tun, die du so gar nicht geplant hattest?

 
Vorhin habe ich zwar gesagt, dass ich die Geschichte entdecke, aber das heißt nicht, dass ich jeder Idee, die ich habe, nachgebe. Ich benutze nur das, was zu meiner Erzählabsicht passt. Irgendwelche Eskapaden, die nichts mit dem Thema zu tun haben, haben in der Geschichte nichts verloren. Deshalb ist es so wichtig, zu wissen, worüber man schreiben will.

10. Trifft dich Kritik? Wie gehst du damit um?


Das kommt ganz darauf an, von wem die Kritik geäußert wird. Ist es jemand, den ich kompetent finde, befasse ich mich mit der Kritik, überlege, ob die Person recht hat oder ich das anders sehe. Und nehme die Kritik an, wenn ich sie gerechtfertig finde. Bei Leuten, die ich nicht kompetent finde, trifft mich die Kritik nicht wirklich. Aber ich ärgere mich trotzdem ein bisschen.

Liebe Mascha, herzlichen Dank für deine Zeit und dieses interessante Interview. Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg mit deinen Büchern und Projekten und viel Freude beim Schreiben.

Danke für die Einladung! Es war sehr vergnüglich, mit dir zu brunchen und deine Fragen zu beantworten!

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