Sonntag, 26. Februar 2017

Sonntagsbrunch mit der Autorin Beate Rygiert


Wenn man auf die Autorenhomepage meines heutigen Sonntagsbrunch-Gastes schaut, kann man gleich eine kleine Weltreise in Bildern erleben. Beate Rygiert zeigt sich als neugierige Weltenbummlerin, stets auf Entdeckungstour. Ihre zahlreichen Talente und die Liste ihrer Auszeichnungen finde ich gleichermaßen ehrfurchtsgebietend und ich freue mich, ihr heute neugierige Fragen zu ihrer Arbeit, ihren Büchern und ihrer Person stellen zu dürfen.
 
Bild: Sabine Haymann

Liebe Beate, für alle Autoren gibt es zunächst die obligatorischen Brunch-Fragen:

Kaffee oder Tee?
Milch, Zucker, schwarz?
Herzhaft oder süß?
Warm oder kalt? 

 
Kaffee schwarz und ohne Zucker. Gerne auch Weißen Tee, auch ohne Zucker. Immer lieber warm und herzhaft.

1. Wie schon eingangs erwähnt, bist du ziemlich vielseitig. Studiert hast du Theater-, Musikwissenschaft und Italienische Literatur in München und Florenz, warst Theaterdramaturgin, hast dann an der Kunstakademie Stuttgart, der Filmakademie Ludwigsburg und der New York Film Akademie studiert. Musik, Theater, Film, Literatur... Ich würde den roten Faden bei dir im "Geschichtenerzählen" sehen. Was ist für dich das verbindende Element?

 
Du sagst es – das Geschichtenerzählen, und zwar so sinnlich wie möglich. Darum habe ich auch einige Jahre als Operndramaturgin gearbeitet, wo alle Künste zusammenfließen. Und ich finde, ein Roman hat viel Ähnlichkeit mit einer Oper: Hier kann man Welten schaffen, über Schicksale entscheiden, und das so opulent und sinnlich, wie man eben möchte. Beim Film ist es ganz ähnlich. Auch hier ist die Geschichte die Basis, die Protagonisten sind die Säulen und bewegte Bilder und Musik bzw. Töne sind die Ausstattung. Außerdem liebe ich es, mich auszuprobieren, meine Grenzen nicht als solche zu akzeptieren, sondern sie immer wieder zu überschreiten. Dazuzulernen. So ist das Leben spannend, immer neu, eine Herausforderung.

2. Ich war beeindruckt von deinen Reisefotos. Es wirkt, als tauchst du wirklich ein in das Land, in die Kultur. Was lösen die Begegnungen mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen in dir aus und wie zeigt sich das in deinem Schreiben?
 

Ich bin von Geburt an neugierig im guten Sinne, wissbegierig und offen. Andere Kulturen finde ich spannend, und immer kann man eine Menge lernen. Glücklicherweise spreche ich vier Fremdsprachen und genieße es, mit Menschen aus anderen Ländern direkt kommunizieren zu können – jedenfalls meistens. Ich finde außerdem, dass es uns wahnsinnig gut geht hier in Deutschland, und dieses Privileg teile ich gerne mit anderen, die nicht so viel Glück hatten, zum Beispiel durch mein Hilfsprojekt in Uganda. In meinem Schreiben schlagen sich die Erfahrungen aus den Begegnungen mit anderen Kulturen immer wieder nieder, und ich liebe es, Landschaften so zu beschreiben, dass der Leser das Gefühl hat, wirklich selbst gereist zu sein. Die Begegnungen mit dem sogenannten Fremden zeigen uns auch immer eine ganze Menge über uns selbst, zum Beispiel wie wir auf welche Situationen reagieren, wo wir uns wohlfühlen und wo nicht und warum das so ist.

3. Du hast auch Dokumentarfilme gemacht, unter anderem einen über das Leben Betroffener nach dem Amoklauf von Winnenden. Ich stelle mir das unglaublich schwierig vor, sich bei so einem Thema emotional abzugrenzen und nicht alles Leid mit nach Hause zu nehmen. Ist dir das gelungen?

 
Ein Stück des Leids nimmt man bei solchen intensiven Arbeiten immer mit nach Hause, und das empfinde ich auch als richtig. Denn ich möchte trotz meiner Professionalität immer mitfühlend bleiben. Zynische Berichterstattung über die schlimmsten Ereignisse gibt es ja schon genügend. Mein Ziel ist es bei solchen Arbeiten, durch das Leid hindurch auch Raum zu geben für die Hoffnung und die Kraft der Betroffenen, das bin ich ihrer Würde schuldig. Ich musste zum Beispiel lernen, dass das Wort "Opfer" in Deutschland inzwischen ein Schimpfwort geworden ist, und deswegen möchte ich auch zeigen, dass über das Opfersein hinaus unglaublich viel Stärke und innere Größe aus dem schrecklichen Erleben erwachsen ist. Aber mit der Zeit lernte ich, zwischen eigenem und fremdem Leid zu unterscheiden, alles andere wäre auch anmaßend und würde den Protagonisten nicht gerecht werden.

4. Diesen Sommer erscheint dein Roman "Das Lied von der unsterblichen Liebe" als Taschenbuch, mit dem du den 2. Platz beim renommierten DELIA Literaturpreis für den besten deutschen Liebesroman belegt hast. Im Klappentext heißt es, dass "ein Leben ohne Angst gleichzeitig auch bedeutet, ein Leben ohne Liebe zu leben". Inwiefern ist Angst ein positives Gefühl beziehungsweise, inwieweit bedingt Liebe, dass wir Angst zulassen?

 
Ein wirklich fühlender Mensch empfindet zu jeder Emotion auch ein Gegenteil. Wenn ich jemanden liebe, habe ich gleichzeitig Angst, ihn zu verlieren. Ähnlich ist es mit dem Glücklichsein. Angst ist insofern eine positive Größe in unserem Leben, als sie uns davor bewahrt, Dinge zu tun, denen wir nicht gewachsen sind. Sie ist also überlebenswichtig. Angst ist nur dann lästig, wenn sie übergroß wird und uns daran hindert, Erfahrungen zu machen. Jemand, der überhaupt nie Angst verspürt, dem sind auch andere, die sogenannten positiven Gefühle, verschlossen. Oder, wie im Fall der zweiten Hauptfigur in meinem Roman Cora; ein Trauma hat dafür gesorgt, dass alle Gefühle schockgefroren sind. Und es ist spannend zu sehen, wie diese ganz langsam "auftauen" und wieder lebendig werden.

5. Auf welche Projekte dürfen wir uns von dir in der näheren Zukunft noch freuen?


https://www.randomhouse.de/Beate-Rygiert-im-Interview-ueber-ihren-Roman-Herzensraeuber/Interview/aid73839_14050.rhd 
Auch diesen Sommer, im Juli 2017, erscheint mein neuer Roman "Herzensräuber", eine liebenswerte Hommage an meine Hündin Cookie. Hier der Inhalt: Tobias’ Buchantiquariat läuft nicht besonders gut, noch dazu hat er gerade eine schmerzliche Trennung hinter sich. Als er im Urlaub einen liebenswerten spanischen Straßenhund aufliest, beschließt er kurzerhand, ihn mit nach Heidelberg zu nehmen. Wie sich herausstellt, hat Zola die Gabe, für jeden Menschen die richtigen Bücher zu finden – denn in jedem »Herzensräuber« erschnuppert er die Gefühle, die die bisherigen Leser darin hinterlassen haben. So bringt er nicht nur Tobias’ Geschäft auf Vordermann, sondern nach und nach auch dessen chaotisches Liebesleben …
 




6. Bei welchem Buch würdest du dir wünschen, dass du es geschrieben hättest?
 

"Der Englische Patient" von Michael Ondaatje. Oder "Schiffsmeldungen" von E. Annie Proulx

7. Was ist für dich das Schönste am Schreiben?

 
Das Erschaffen von Welten. Und dass mir dabei (im Gegensatz zum Film und zum Theater) keiner reinredet.

8. Was ist für dich die größte Schwierigkeit beim Schreiben? 

 
Manchmal ist es schwierig, mir die Zeit "freizuschaufeln" und mich wirklich zurück ziehen zu können. Beim Schreiben selbst habe ich eigentlich gar keine Schwierigkeiten.

9. Passiert es dir, dass sich Charaktere auch schon einmal verselbstständigen und Dinge tun, die du so gar nicht geplant hattest?

 
Ja, sehr oft. Und ich lasse das fast immer zu. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es bei mir nur eine Form der Schreibblockade gibt: Wenn ich meinen Charakteren etwas aufzwingen will, was sie partout nicht wollen, oder anders gesagt, was nicht zu ihnen passt. Dann streiken sie und die Blockade ist da. Also bin ich klug geworden und gehe "auf Augenhöhe" mit ihnen um. Ganz im Ernst: Für mich existieren diese Figuren wirklich, sie sind lebendig und haben ihren eigenen Willen, wenn ich sie von Anfang an richtig angelegt habe. Dann sind sie nämlich keine Pappkameraden, sondern echte Charaktere. Der Leser spürt das auch und erlebt das, was ich geschrieben habe, als "echt".

10. Trifft dich Kritik? Wie gehst du damit um?

 
Ich unterscheide zwischen konstruktiver Kritik und solcher, die einfach nur verletzen möchte. Oder oberflächlich und gedankenlos geäußert wird. Erstere schätze ich sehr. Leider ist sie sehr selten. Vor letzterer versuche ich mich zu schützen, was natürlich nicht immer gelingt.
Meine Bücher sind immer Herzensprojekte mit denen ich emotional sehr verbunden bin. Dann ist man natürlich verletzlich. Aber schließlich bin ich mehr als 15 Jahre dabei, ich weiß besser damit umzugehen. Letztendlich sagt Kritik meist mehr über denjenigen aus, der sie äußert, als über das, was er kritisiert.

Liebe Beate, ich danke dir für dieses sehr interessante Interview und wünsche dir weiterhin so viel Erfolg mit allem, was du tust. Lass dich weiter von der Muse küssen. 

 
Dankeschön!

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