Sonntag, 12. März 2017

Sonntagsbrunch mit der Autorin Karin Seemayer


Auch in der letzten Woche hatte ich einen historisch interessierten Gast. Das Motto setzt sich fort mit Karin Seemayer und ihren Romanen Die Sehnsucht der Albatrosse und Das Geheimnis des Nordsterns. Karin entführt ihre Leserinnen und Leser jedoch nicht ins Mittelalter, sondern zum Beginn des 20. Jahrhunderts und auf hohe See. Ich freue mich, heute mit Karin ein wenig über sie und ihre Bücher plaudern zu dürfen.



Liebe Karin, für alle Autoren gibt es zunächst die obligatorischen Brunch-Fragen:

Kaffee oder Tee?

Kaffee

Milch, Zucker, schwarz?
Nur Milch bitte

Herzhaft oder süß?
Herzhaft

Warm oder kalt?
Sonntags beides

1. Du hast schon früh erste schriftstellerische Gehversuche gemacht und mit Tiergeschichten ganze Telex-Rollen (für die Jüngeren unter uns: das ist Endlospapier von der Rolle für einen Fernschreiber) vollgeschrieben. Was hat dich zum Schreiben gedrängt?

Früher war es eine überbordende Fantasie und Langeweile. Ich war Einzelkind und fand die damals üblichen Sonntagsspaziergänge mit den Eltern langweilig. Also habe ich mich in die Geschichten geträumt, die ich gelesen hatte. Statt durch den Taunus zu laufen, war ich mit Jack London in Alaska, ritt mit Winnetou und Old Shatterhand über die Prairie oder ging mit der „Nautilus“ auf Tauchgang. Irgendwann begann ich, die Geschichten, die mir dazu ausdachte, aufzuschreiben. Fanfiction nennt man das heute.
Später entwickelte ich dann eigene Ideen. Mein erster „Roman“, den ich allerdings nicht zu Ende gebracht habe, hieß „Ihr habt wohl ‘ne Meise“ und erzählte die Geschichte einer Kohlmeise, die aus dem Nest gefallen war. Mein Vater hat sie gefunden und wir haben sie aufgezogen.

2. Als gelernte Reiseverkehrskauffrau bist du viel in der Welt herumgekommen. Welche Orte haben dich am meisten fasziniert und warum?

Das ist eine schwierige Frage. Eigentlich hat mich jedes Land fasziniert.
Meine erste große Reise führte mich an die Westküste Kanadas, nach Vancouver und Vancouver Island. Damals war ich siebzehn und ging noch zur Schule. Inzwischen war ich noch zwei mal dort und Vancouver gehört noch heute für mich zu den schönsten Städten der Welt. Ansonsten verliebe ich mich eher in Landschaften als in Städte. Und da hat jede ihren besonderen Reiz.
Am meisten beeindruckt haben mich allerdings die Tepuis (Tafelberge) in Venezuela. „Inseln in der Zeit“ wurden sie in einem Dokumentarfilm genannt und genau so wirken sie auch.

3. In deinen Romanen spielt das Meer eine große Rolle, aufgewachsen bist du aber in Frankfurt. Hast du eine Erklärung dafür, warum es dich literarisch hinaus auf hohe See zieht?

Das ist nur bei den „Albatrossen“ so, weil der Protagonist Seemann ist. Allerdings fühle ich schon immer mehr zum Meer hingezogen als zu den Bergen.

4. Wie und wo hast du für deine Geschichten recherchiert?
 

Für die Albatros-Saga waren meine Hauptquelle zeitgenössische Bücher ( z.B. Richard Henry Danas „Two years before the mast“, Ringelnatz‘ „Schiffjungentagebuch“, natürlich Jack London ) und „Chronicling Amerika“, dort kann man digitalisierte Zeitungen ab 1840 einsehen. Die Zeitungsartikel spiegeln, im Gegensatz zu Geschichtsbüchern, den Zeitgeist und die Meinungen ungefiltert wieder. Z.B. gab es vor dem Verbot des Robbenfangs auf See 1897 sehr viele Artikel, in denen die Robbenjäger als wagemutige Helden, die Tod und Teufel nicht scheuen, dargestellt wurden. Nach dem Verbot änderte sich das und sie waren gemeine, feige Kerle, die hilflose Robben abschlachteten.

Ich recherchiere immer auch vor Ort. Ich muss die Stimmung der Orte spüren, muss wissen, wie eine Landschaft riecht, wie das Licht dort ist. In Skandinavien sind die Farben sehr viel intensiver, klarer, das Licht ist kühler, ein bisschen blaustichig, als zum Beispiel. in Kalifornien oder der Toskana. Dort ist das Licht weicher, wärmer, eher orange als blau. Einen Tepui zu sehen, oder einen 3000 Jahre alten, riesigen Sequoia, oder sich in der endlosen Weite im australischen Outback zu verlieren, ist etwas anders als sich das auf Google Earth und Fotos anzusehen.
Ich war zwar in den 80er und 90er Jahren schon in Kalifornien und San Francisco, aber mein Mann und ich sind 2012 noch mal dort gewesen, haben Stunden in den maritimen Museen von San Francisco und San Diego verbracht und sind auch auf dem Vorbild für meine „Victory“, der „Californian“, mitgesegelt.
Für „Das Geheimnis des Nordsterns“ war ich zwei Mal in Mollösund in Schweden und habe lange mit der Leiterin des dortigen Heimatmuseums gesprochen.

5. Zur Zeit arbeitest du an einer Geschichte, die in Italien um 1832/33 spielt. Kannst du uns über dein neuestes Baby schon etwas mehr verraten oder ist das noch streng geheim?

Ein bisschen kann ich verraten. Der Hintergrund der Geschichte ist das beginnende Risorgimento und der gescheiterte Aufstand von Mazzinis „Giovine Italia“ von 1833. Es geht um Antonella, eine junge Frau, die aus der Enge ihres Dorfes in den Apuanischen Alpen flieht, um in Genua eine Anstellung als Köchin zu suchen. Ein Fremder, der wegen Wilderei gesucht wird, bietet ihr an, unter seinem Schutz zu reisen. Auf der Reise erleben sie die Willkür der Habsburger Besatzer, aber auch die Kompromisslosigkeit der Widerstandskämpfer, die auch vor Mord nicht zurückschrecken. Sie kommen einander näher. Doch der Fremde ist nicht der, für den er sich ausgegeben hat, und ohne es zu wollen, zieht er Antonella hinein in die italienischen Freiheitskämpfe.

6. Bei welchem Buch würdest du dir wünschen, dass du es geschrieben hättest?
 

Der Medikus
 

7. Was ist für dich das Schönste am Schreiben?
 
Der Moment, in dem die Geschichte ihren „Sog“ entwickelt, die Figuren lebendig werden. Dann prickelt es, wenn ich das Manuskript aufmache, fast so, als hätte ich ein Date.

8. Was ist für dich die größte Schwierigkeit beim Schreiben?

Es gibt fast immer einen Punkt, wenn ich so in der Mitte der Geschichte bin, an dem mich heftige Zweifel überfallen. Dann finde ich alles blöde, was ich geschrieben habe und frage mich, wer so etwas überhaupt lesen will. Zum Glück habe ich eine sehr nette und kritische Testleserin, die dann auch gerne mein halbgares Zeug liest ( normalerweise gebe ich so etwas nicht aus der Hand) und mir Rückmeldung gibt.

9. Passiert es dir, dass sich Charaktere auch schon einmal verselbstständigen und Dinge tun, die du so gar nicht geplant hattest?

Oh ja. Meine Hauptfiguren tun meistens, das, was sie sollen, aber meine Nebenfiguren machen sich sehr gerne selbstständig und entwickeln sich anders als geplant. Dabei gibt es dann immer ein oder zwei, die mir besonders ans Herz wachsen. Der mürrische Koch aus den „Albatrossen“ war ursprünglich ganz anders geplant und auch in meinem neuen Projekt gibt es einen, der sich verselbstständigt hat und inzwischen zu meinen Lieblingsfiguren in diesem Roman gehört.

10. Trifft dich Kritik? Wie gehst du damit um?
 

Ich bin seit 2011 in einem Schreibforum, das bekannt dafür ist, dass es dort nicht „weichgespült“ zugeht und ich habe sehr kritische Testleser. Damit kann ich gut umgehen, auch wenn ich manchmal etwas Zeit brauche, um durchzuatmen und die Kritik anzunehmen. Bei Rezensionen schaue ich, was kritisiert wird. Man kann nicht jedermanns Geschmack treffen. Aber ein bisschen trifft es immer. Es ist ein wenig so, als würde man seine Kinder jemandem vorstellen, und der sagt dann: „Die sind aber schlecht erzogen.“

Liebe Karin, ich danke dir herzlich, dass du Zeit für meine Fragen gefunden hast und wünsche dir für deine Bücher weiterhin viel Erfolg und immer eine Handbreit Inspiration unter dem Kiel.

Herzlichen dank für das nette Gespräch, den Kaffee und das Frühstück.

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