Sonntag, 2. April 2017

Sonntagsbrunch mit Walther Stonet


Bisher hatte ich beim Sonntagsbrunch ja zumeist Romanautorinnen und -autoren zu Gast, heute darf ich mit Walther Stonet mal einen Lyriker begrüßen. Dementsprechend musste ich auch den zweiten Teil des Fragebogens anpassen, der ja für alle Autoren gleich ist. Ich denke also, es wird heute ein besonders interessanter Brunch. Walther, im Brotjob Manager eines Dienstleistungsunternehmens, schreibt unter anderen für zugetextet.com und tage-bau.de, war bis 2015 Rezensent und Lyrikredakteur der Literaturzeitschrift Asphaltspuren und ist seit 2008 Herausgeber der Reihe Walthers Anthologie der Internet-Lyrik.



Bild: Thomas Kiel



Lieber Walther, für alle Autoren gibt es zunächst die obligatorischen Brunch-Fragen:

Kaffee oder Tee?

Erst Grüntee, dann Kaffee.

Milch, Zucker, schwarz?
Schwarz.

Herzhaft oder süß?
Herzhaft.

Warm oder kalt?
Erst kalt, dann warm.

1. Studiert hast du Politologie, VWL und BWL und bist Diplom-Volkswirt. Das klingt für mich eher prosaisch. Woher stammt deine Liebe zur Lyrik?

 
Was macht ein politisch interessierter Sprachfex? Er will was Brotloses studieren. Dann kriegt er die Kurve. So war’s bei mir. Von Lyrik lebt sich’s schlecht …
Nun, die Pubertät erschafft Welt- und Liebesschmerz. Das ist aller Lyrik Anfang. Dann nimmt man noch die Gitarre dazu, so wird das zum Song. Am Ende blieb das Texten übrig. Eigentlich logisch, wenn man es von hinten betrachtet. Von vorne betrachtet ist nichts im Leben logisch.

2. Lyrik - das ist doch das, woran sich viele noch mit Grausen aus dem Deutschunterricht erinnern. Warum hat es Lyrik oft so schwer?

Weil der Deutschlehrer zwei riesen Fehler macht: (a) tumbes Auswendiglernen, (b) sezierende Gedichtinterpretation. Goethe, Schiller, Hesse, Rilke, Ende. Danach hat keiner mehr Bock auf Lyrik. Da rappt man anschließend schon eher. Kann ich gut verstehen.
Später, wenn man selbst anfängt zu schreiben, denkt man schnell: Kurz kann ich. Kann doch jeder. Auch falsch. Kann erstmal keiner. Jetzt bekommt man gesagt, man sollte mal die Verslehre anschauen, sich mit Metren und Gedichtformen rumschlagen. Wozu? Geht doch auch so. Die Kunst ist frei. Das Ergebnis: Furchtbar. Die Autoren: Beleidigt.

3. Dein Sonett "Spätsommerahnungen" war Siegergedicht beim 2. Bubenreuther Literaturwettbewerb 2016. Warum hast du gerade diese Gedichtform gewählt?

Gute Frage. Ich weiß es nicht. Vielleicht weil ich die Gedichte eines Mentors so toll fand, der schreibt Sonette, der Wahnsinn. Es bedarf immer eines Anstoßes und der Mentoren (mindestens eines dieser seltenen Geschöpfe, daher sollte man sie als Autor pfleglich behandeln und für ihr Tun lieben und achten). Alleine kommt auch der begabteste Poet nicht auf den grünen Zweig. Er hatte zwei Jahre in einen Forum Geduld mit mir und ich danach ein dickes Fell, was Kritik angeht. Aber dazu mehr weiter unten. Ca. 1.000 Sonette später kann ich sagen, dass ich eine leise Ahnung davon habe, was die Krönung der Formlyrik, das Sonett nämlich, so alles verlangt, damit es brauchbar ist. Ergebnis sind die beiden vorliegenden Bände „So nett gelebt – Erstes und Zweites Buch“. In ihnen sind fast 300 ausgewählte Sonette enthalten. Das Dritte Buch ist in Arbeit und kommt, wenn die ersten beiden ausverkauft sind. Das kann noch dauern.
Allerdings: Ich schreibe beileibe nicht nur Sonette. Weit gefehlt: Haikus, Limericks, Ghaselen, Vers libre, klassische Balladen, Lieder etc.pp. Und ich habe eine eigene Poetologie mit einer ganz bestimmten Schreibung und Sprachbilderwelt für spezielle Poeme entwickelt; mein Band „Die dunkle seite der nacht – schwarz gedichtes auf blüten weiß“ ist die erste Fassung dieser Art von Lyrik. Ein weiterer Band mit dem Titel „Hinter dem wort – Doppler effektive sprache an sinn kraft linsen“ ist gerade beim Verleger. Mal sehen, ob er das mit mir wagt.

4. Warum ist gerade das Internet für dich so ein dankbares Medium für Lyrik?

Da fing das Öffentlichmachen an. Im Forum tage-bau habe ich das Schreiben geübt und verfeinert. Ohne die Foren, die heute den Literatursalon im Grunde ersetzen, wäre ich nicht da, wo ich heute bin. Dafür bin ich dankbar und gebe heute etwas von dem wieder zurück, was ich erfahren habe.
Zweitens: Die Foren sind mein Heuhaufen für die Suche guter Internetlyrik meines Projektes Walthers Anthologie. Mehr dazu findet der Interessierte hier: http://www.zugetextet.com/?cat=14

5. Was inspiriert dich und welche Themen beschäftigen dich bei deinen Gedichten am meisten?

Wenn Dichter ehrlich sind, räumen sie ein, dass ihr Schreiben durchaus Selbsttherapie und -coaching ist. Man externalisiert, was einen bewegt, und schafft so Distanz dazu. Meine Texte haben sozusagen einen doppelten Nutzen: Sie helfen erst einmal mir, mit meinem Leben und mir besser zurechtzukommen. Und anschließend verhelfen sie möglicherweise einem Leser, sich daran zu erfreuen, Anstöße zu erhalten oder auch mit sich besser zurechtzukommen. Was will man mehr?
Für mich ist die Natur wichtig als Anstoßgeberin und Reflexionsfläche. Aber ich bearbeite durchaus auch Themen „künstlich“. Mein Romanmanuskript, das ich seit Jahren bearbeite, hat z.B. eine ganze Serie von Gedichten hervorgebracht, die die Situationen bespiegeln, in die ich meine Protagonisten hineinmanövriere. Und nicht zuletzt bin ich ein sehr politischer Mensch. Auch das schafft Anstoß für Poeme.

6. Bei welchem Gedicht würdest du dir wünschen, dass du es geschrieben hättest?

 
O Gott, das ist eine sehr knifflige Frage. Es sind deren zwei, wenn ich die Frage ein wenig interpretieren darf: Gernhardts „Sonette find ich so was von beschissen“ und Morgensterns „Das æsthetische Wiesel“.

7. Was ist für dich das Schönste am Schreiben?

Ehrlich gesagt? Wenn meiner Liebsten, die seit vielen Jahren meine Lyrikmarotte erträgt, eines meiner Gedichte saumäßig gut gefällt. Also: Wie jeder Dichter lebt auch der Walther vom Beifall der Leserschaft. Dafür tut er es in der oben beschriebenen Zweitverwertung seiner kleinen Werke. Am Geld kann’s nicht liegen. Lyrik ist brotlos.

8. Was ist für dich die größte Schwierigkeit beim Schreiben? 

 
Beim Sonett ist es zweite Terzett und bei allen anderen Texten der Bogen, der alles zusammenspannt. Ich habe eigentlich seit vielen Jahren keine Schreibblockade mehr erlebt. Dafür danke ich meiner Muse.

9. Passiert es dir, dass du eine bestimmte Richtung oder Idee für ein Gedicht im Kopf hattest und hinterher etwas vollkommen Anderes herauskommt, mit dem du nicht gerechnet hast?

Aber sicher. Kein Text endet da, wo ich ihn hinhaben wollte. Diese verdammten Dinger werden sozusagen unter der Hand erwachsen und machen dir dann deutlich klar, wo’s langgeht. Und ja nicht versuchen, dabei einzugreifen. Der Text wird dann nichts Halbes und nichts Ganzes.

10. Trifft dich Kritik? Wie gehst du damit um?

 
Wer sagt, Kritik ließe ihn unbeeindruckt, der lügt. Punkt. Natürlich hängt die Fähigkeit, sachlich zu bleiben, auch damit zusammen, wie man sich selber fühlt. Und daran, wie die Kritik vorgetragen wird. Kritik kann verletzten und sogar vernichten, auch ohne böse Absicht (wobei Letzteres eher selten vorkommt, bösartige Kritik will verletzen, manche sogar vernichten). Poeten sind schon ein seltsames Völkchen: Einerseits sind sie furchtbar brutal im Austeilen; andererseits sind sie richtige Mimosen beim Einstecken. Ich bin Poet. Noch Fragen?
Eines sollte man sich immer hinter die Ohren schreiben: Ohne Kritik keine Weiterentwicklung. Manchmal gelingt das An-die-eigene-Nase-Fassen, manchmal nicht. Aber, das ist schon einmal etwas, mit zunehmendem Alter klappt es besser.

Lieber Walther, ich danke dir für diesen interessanten Sonntagsplausch und wünsche dir weiterhin viel Freude am Dichten und viel Erfolg mit deinen Projekten.

Ich danke Dir herzlich für dieses Interview und wünsche Deinem Projekt Sonntagsbrunch einen weiterhin durchschlagenden Erfolg!

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