Sonntag, 28. Mai 2017

Sonntagsbrunch mit der Autorin Anna Ruhe


Ich habe heute wieder ganz lieben Besuch, den ich ebenfalls über ein Schreibforum kennengelernt habe. Die Berliner Autorin Anna Ruhe schreibt wundervolle Kinderbücher und ich freue mich heute sehr, dass ich mit ihr über ihr Leben und ihre Bücher plaudern darf. Wenn ihr mögt, schaut euch ihre Kinderbücher Seeland und Mount Caravan mal an. Ich finde, da lohnt sich der Kauf schon allein wegen der Cover, oder? In die bin ich nämlich total verliebt.

Bild: Andrea Katheder


Liebe Anna, für alle Autoren gibt es zunächst die obligatorischen Brunch-Fragen:

Kaffee oder Tee? 
Milch, Zucker, schwarz?
Herzhaft oder süß? 
Warm oder kalt? 

Danke, liebe Doro und vor allem guten Morgen. Ich greife unbedingt zu Kaffee mit Milch, bei allem anderen nehme ich, was da ist. 

1. Du bist eine waschechte Berlinerin. Würdest du sagen, dass dich das Leben dort geprägt hat? Und wenn ja, worin zeigt sich das?

Ach, ganz bestimmt. Aber ich glaube, uns alle prägt der Ort, an dem wir aufwachsen, immer ziemlich stark. Ich bin eins dieser Großstadtkinder, das früh selbstständig war und unter vielen Nationalitäten groß geworden ist. Wahrscheinlich kommt meine Reiselust da her. Als Kind haben mir in Berlin natürlich immer Wälder, Wiesen und Felder gefehlt. Das ist auch heute noch so, obwohl ich wirklich richtig gern in der Großstadt lebe. Als Kind habe ich das mit Astrid Lindgrens „Ronja Räubertocher“ kompensiert und bin mit ihr immer und immer wieder durch den Mattiswald gestreift.

2. Du hast Grafikdesign studiert und lange in diesem Bereich gearbeitet. Ich stelle mir vor, dass eine gute visuelle Vorstellungskraft beim Schreiben hilft, denn ich selbst tue mich da oft schwer mit. Ist das so?

Ja, mir zumindest hilft das. Ich sehe meine Geschichten immer vor mir, bevor ich sie schreibe. Man sagt ja, es gibt in dieser Hinsicht zwei Typen von Autoren. Die einen beginnen ihre Geschichten an einem Ort, die anderen mit einer Figur. Ich gehöre zu denen, die zuerst wissen wollen, wo die Geschichte spielt und die eine Umgebung brauchen, bevor sie an die Figuren gehen. Das hat bestimmt auch etwas damit zu tun, dass ich mir dadurch alles besser vorstellen kann. Ich brauche immer zuallererst ein Bühnenbild, erst dann dürfen die Schauspieler auftreten. 

3. Von deinem ersten Buch, Seeland, sagst du auf deiner Webseite, es sei quasi die Geschichte, nach der du als Kind immer gesucht und sie nie gefunden hast, weil sie noch nicht geschrieben wurde. Ich nehme an, die Idee spukte also schon länger in deinem Kopf herum. Woher kommt denn bei einer Berlinerin der Bezug zum Meer und wie entstand die Idee?

Die Idee zu Seeland steckte wirklich schon sehr lange in mir. Allerdings hätte ich nie gedacht, dass wirklich einmal daraus ein Buch entstehen würde. Es war lange einfach nur dieser kindliche Wunsch, eine Abenteuergeschichte unter Wasser lesen zu wollen, in der es ganz viel zu entdecken gibt – von Unterwassergroßstädten bis Tiefseeschlössern und von Riesenquallen bis Meerjungfrauen. Und ja, klar, Meer hat man nicht gerade vor der Nase, wenn man in Berlin aufwächst. Aber wahrscheinlich hat es mich gerade deshalb schon als Kind so fasziniert. Alles, was mit dem großen blauen Ozean zu tun hatte, fand ich wahnsinnig aufregend. Meistens sind ja die Dinge am interessantesten, die am weitesten weg sind. 

4. In Mount Caravan geht es um einen Jungen, der in einer ganz besonderen Schule landet. Wie sehr nerven Harry-Potter-Vergleiche und wie schwer ist es, in der Ära "nach Rowling" überhaupt für Kinder - und dann noch mit einem männlichen Protagonisten - zu schreiben, ohne ständig verglichen zu werden? Wie schaffst du es, dich da abzugrenzen?

Ach ja. Das ist wirklich nicht so leicht. Jedenfalls nicht, wenn man über eine Schule schreiben möchte. Bei einem Krimi würde niemand sagen:  „Oh, in der Geschichte ist jemand gestorben und es gibt noch einen männlichen Kommissar. Das ist ja wie bei XY“. Das wäre ziemlich absurd. In Mount Caravan geht es zum Beispiel gar nicht um Zauberei. Es ist einfach eine Geschichte über eine Schule, die ganz anders funktioniert, als wir es gewohnt sind. Eine Geschichte gedacht für Kinder, die nicht jeden Morgen freudig in ihren Unterricht stürzen. Deshalb habe ich mir neue Schulfächer zusammengesponnen und sie an Orte verfrachtet, von denen man als Kind gern träumt, wie Baumhäuser, Wohnwagen und ein knarrendes Segelschiff. Die Schule reist zwischen all diesen Orten hin und her. Das hat nicht wirklich viel mit Harry Potter zu tun, außer das eben das Thema Schule darin vorkommt und ein Junge der Protagonist ist. Schade sind solche Vergleiche dann schon. Letztendlich ist es aber auch nicht so wichtig. Ich schreibe meine Bücher für Kinder und die sind es auch, die ich damit glücklich machen möchte. Solange mir das mit meinen Geschichten gelingt, bin ich auch glücklich. 

5. Gibt es eine Nebenfigur in deinen Büchern, die dir besonders ans Herz gewachsen ist und verrätst du uns, wer das ist und warum?

Eigentlich mag ich viele meiner Nebenfiguren ziemlich gern. Besonders natürlich immer die, über die ich gerade schreibe. Aber von denen darf ich ja noch nichts verraten. In Kinderbüchern sind meistens Erwachsene die Nebenfiguren. Deshalb zähle ich jetzt keine Kinder auf, also nicht wundern. In Seeland mochte ich Wilma, die Bibliothekarin wahnsinnig gern und Oma Bicca, die allerdings nur zweimal ganz kurz auftaucht. Die beiden sind ungewöhnliche und auch beeindruckende Frauen und das mag ich an den zwei Figuren sehr. In Mount Caravan mochte ich Mr. Brookstone besonders gern. Das ist der Lehrer, der das Fach Gismologie unterrichtet, ein Fach, in dem man etwas entwickeln soll, dass es noch nicht gibt. Mr. Brookstone ist die Sorte Lehrer, von denen ich selbst gern mehr gehabt hätte. Und liebenswürdig durchgedreht ist er natürlich auch.

6. Bei welchem Buch würdest du dir wünschen, dass du es geschrieben hättest? 

Oh ha! Das ist eine schwere Frage. Es gibt so unglaublich viele beeindruckende Bücher. Eins der wichtigsten Bücher meiner Kindheit war ja Ronja Räubertochter. Aber wenn ich mir wünschen würde, dass ich das selbst geschrieben hätte, hätte ich es nicht lesen können, als ich in dem Alter war. Und das wäre furchtbar schade gewesen. Und so ist es wahrscheinlich mit allen Büchern, die mich geprägt haben. Aber lass mich mal überlegen ... Das letzte Buch, das mich wirklich tief beeindruckt hat, war ‚Die Karte meiner Träume’ von Reif Larson. Das ist ein bisschen Genial. Das hätte ich schon gern geschrieben.

7. Was ist für dich das Schönste am Schreiben?

Das man jeden Tag etwas Neues erlebt, wenn auch nur auf dem Papier. Der Alltag ist immer wieder anders, weil man sich mit neuen Themen beschäftigt und recherchiert. Man lernt Dinge, von denen man vorher noch nie gehört hat, und macht sich neue Gedanken. Bei Seeland habe ich mich zu Beispiel intensiv mit der Tiefsee beschäftigt, bei Mount Caravan, damit, wie Mikromimik funktioniert und warum ein paar wenige Menschen anderen ansehen können, ob sie die Wahrheit sagen oder nicht. Manchmal klingen Dinge so absurd und doch gibt es die verrücktesten wissenschaftlichen Erklärungen dafür. Aber genauso schön finde ich es, Figuren zu entwickeln, die überraschen und einem dabei mit ihren Marotten ans Herz wachsen. 

8. Was ist für dich die größte Schwierigkeit beim Schreiben? 

Das man viel allein ist. Das braucht man beim Schreiben leider, aber schön ist es nicht. Ich habe gern Menschen um mich rum und das fehlt mir, wenn ich zu lange am Stück schreibe. In dem Punkt ist es deshalb – trotz fehlender Wälder und Wiesen – toll in einer Großstadt zu leben. 

9. Passiert es dir, dass sich Charaktere auch schon einmal verselbstständigen und Dinge tun, die du so gar nicht geplant hattest?

Das erzählen viele Autoren, dass ihnen das passiert. Ich bin mir gar nicht so sicher, ob ich das von mir auch so sagen würde. Wenn ich ehrlich bin, lasse ich meinen Figuren gegenüber ziemlich den Chef raushängen. Ich bin ganz schön streng mit ihnen und bestimme einfach, was sie zu tun und zu lassen haben. Aber wahrscheinlich verselbstständigen sie sich nur hinter meinem Rücken und ich merke es nicht. Ich erzähle am Ende dann großspurig, dass ich mir das alles selbst ausgedacht habe, dabei haben sich die Hauptfiguren heimlich verselbstständigt und das Ruder rumgerissen. Im Grunde würde das ja bedeuten, dass Lob und Kritik gar nicht ausschließlich an mich gehen, sondern auch an die Figuren, oder? Eigentlich ein sehr entspannter Gedanke. Bei der nächsten Kritik verweise ich jetzt immer einfach direkt an meine Hauptfiguren. Sollen die das doch untereinander klären. Ich mach mir in der Zwischenzeit einen Kaffee und lege die Füße hoch. Wirklich, ein schöner Gedanke.

10.  Trifft dich Kritik? Wie gehst du damit um?

Ach klar, Kritik trifft doch immer. Aber sie hilft natürlich auch etwas in Zukunft anders und besser zu machen. Wenn man nicht nur für sich selbst schreibt, ist es schon wichtig zuzuhören. Zumindest denen, die nicht nur Gehässigkeiten von sich geben möchten, weil sie am Morgen mit dem falschen Fuß aufgestanden sind. Aber die verweise ich ja ab jetzt direkt an meine ungezogenen Figuren, die sich heimlich verselbstständigen. Sollen die sich miteinander rumärgern. Ich hab damit in Zukunft gar nichts mehr zu tun. 

Liebe Anna, ich wünsche dir immer brave und folgsame Hauptfiguren, die deine wunderbaren Plots nicht allzu sehr durcheinanderbringen, weiter gute Ideen und Zeit zum Schreiben und danke dir noch einmal herzlich für deine Zeit und Bereitschaft, hier beim Sonntagsbrunch mitzumachen. :-)

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